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Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart.

C.H. Beck, München 1998. 267 Seiten, DM 58,–.

„Bestehen wird, wer sich verändern kann.“ Dies könnte als Motto über allen 23 Kapiteln dieses Buches stehen, dessen Gegenstand geradezu sprichwörtlich für Beständigkeit ist: der (deutsche) Wald. Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie in Hannover, hat bereits 1995 eine „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ (ebenfalls bei C. H. Beck) vorgelegt. Jetzt präzisiert er den Gegenstand seiner Untersuchungen und bietet darüber hinaus manches mehr, als der Titel verspricht.

Dieses Buch ist keine moderne Form des Klassikers „Spät- und nacheiszeitliche Waldgeschichte von Mitteleuropa nördlich der Alpen“ von F. Firbas (Jena 1949/52). Damals stammten fast alle Erkenntnisse aus der Pollenanalyse. Es ist auch kein ökologisches, soziologisches oder forstwirtschaftliches Buch, sondern alles auf einmal: eine gelungene Zusammenschau verschiedener Fachrichtungen, eine sehr anschaulich geschriebene Natur-, aber auch Kulturgeschichte; denn es ist der Mensch, der den stärksten Einfluß auf die Wälder nahm und nimmt, seit er seßhaft wurde und sie zu roden begann.

Küster handelt in der gebotenen Kürze die Entstehung der Wälder (seit es überhaupt Bäume gibt) ab und beschreibt, wie nach dem Ende der Eiszeiten die Bäume aus ihren Refugien heraus die freigewordenen Flächen wiederbesiedelten. Hier hätte ich mir ein paar mehr Karten zur Verdeutlichung des Textes gewünscht. Richtig interessant wird es mit den ersten Ackerbaukulturen und Rodungen. Was danach bis ins 18. Jahrhundert hinein ohne Unterbrechung mit und in den Wäldern geschah, läßt es als ein Wunder erscheinen, daß es überhaupt noch welche gibt. Es ist eine Geschichte des Raubbaus, und zwar von derselben Art, wie wir dies heute in den Entwicklungsländern beklagen.

Seit der „Holzzeit“, also der Jungsteinzeit vor der Kupferzeit, ist Holz ein wichtiger Rohstoff: für den Hausbau, als Brennmaterial, zur Herstellung von Werkzeugen bis hin zu Webstühlen, das Laub als Futter für die Haustiere im Winter, der Wald als Weide im Sommer. Besondere Formen der Waldnutzung werden erfunden. Man sät Buchweizen ein, erntet junge Bäume von Arten, die sich über Stockausschläge regenerieren können. Es bilden sich die Niederwälder und auch die Hauberge, die es noch heute im Siegerland gibt: Mit Eichen bewachsene Berghänge wurden abgeholzt und bis zu deren Wiederausschlag mit Getreide und Kartoffeln bewirtschaftet. Die Zeidler – so hießen die Imker des Mittelalters – schädigten bei der Honiggewinnung vor allem große Kiefern; in ganzen Regionen verschwanden die Wälder in den Köhlereien zur Holzkohlegewinnung für das Schmelzen von Erzen, in den Feuern der Salinen und Glashütten, für den Bau des Untergrundes mancher Städte und ihrer Fachwerkhäuser und vieles andere mehr.

Küster zeigt nun nicht nur die Ursachen dieser Veränderungen auf, sondern auch die politischen und rechtlichen Zusammenhänge wie die Grundherrschaft, das Jagdwesen, den Zusammenschluß von Bauern zu Markgenossenschaften oder den Handel. Faszinierend das Kapitel über die Flößerei. Besonders die Niederlande hatten für den Städtebau einen großen Bedarf an langen Stämmen. Rheinflöße konnten über 300 Meter lang sein und hatten ein „Dorf“ aus Bretterbuden an Deck. Noch heute nennt man im Schwarzwald die höchsten Bäume „Holländertannen“. Hätte es in Deutschland nicht so viele Fürstentümer gegeben, deren Besitzer wegen der Jagd an intakten Wäldern interessiert waren, dann wäre auch dieses Land wie seine Nachbarn zu Beginn der Industrialisierung weitgehend waldfrei gewesen.

Im 18. Jahrhundert begann mit der nachhaltigen Waldnutzung die moderne Forstwirtschaft mit künstlichen Wäldern. Beginnend zur Zeit der Französischen Revolution und voll ausgeprägt mit der Revolution von 1848, ging Deutschland einen Sonderweg: Der Wald wurde zum Mythos, die Eiche zum Symbol des freien Menschen. Solches nahm später das „Dritte Reich deutscher Nation“ für sich in Anspruch. Die Kapitel darüber haben mich besonders beeindruckt, weil ich „Wald“ noch nie aus dieser politischen Perspektive betrachtet habe.

Natürlich nimmt Küster Stellung zum „Waldsterben“; er liegt dabei auf der Linie der kritischen Einwände von Heinz Ellenberg, dem jüngst verstorbenen Altmeister der ökologischen Pflanzensoziologie, indem er relativiert, ohne zu verniedlichen. Zugleich gibt er auch einen klassischen Begriff der Geobotanik auf, die „potentielle natürliche Vegetation“ (PNV; das ist die natürliche Vegetation, die sich einstellen würde, gäbe es ab sofort keinen wirtschaftenden Menschen mehr). Statt dessen spricht er von „Durchgangsstadien der Waldentwicklung hin zu einem heute noch völlig unbekannten Bild, das genauso natürlich aufgefaßt werden muß wie jedes andere Stadium der Waldgeschichte zuvor“. Es gibt deshalb auch keine Vollendungsstadien eines Waldes („Klimax“) mehr. Damit steht er dem früheren Heidelberger Zoologen und Nichtforstmann Hermann Remmert und dessen dynamischen

„Mosaik-Zyklus-Konzept“ sehr nahe. Auf einmal kommt etwas, das seit Jahrzehnten Lehrbuchwissen ist, wieder ins Gespräch.

Es steht noch sehr viel mehr in diesem Buch. Manche Einzelheiten sind genauso interessant wie der rote Faden von der fortlaufenden Veränderung. Man erfährt, welche Überlegungen hinter den großen Parks stehen, warum Kuckucksuhren wie badische Bahnwärterhäuschen aussehen und welche Schwierigkeiten der „Holzvergaser“ in den Kriegsjahren brachte: Aus der Geschichte des Waldes wird Kulturgeschichte.

Hat man Küsters „Waldgeschichte“, dazu noch seine „Landschaftsgeschichte“ und vielleicht Ellenbergs „Bauernhaus und Landschaft“ (Ulmer, 1990) im Reisegepäck, dann gibt es wohl kaum eine Landschaft in Mitteleuropa, bei der man nicht sagen könnte, warum sie gerade so aussieht und nicht anders.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1999, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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