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Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Selbstbehauptung - ein Tierbeispiel

Anders als Männchen gelangen Rattenweibchen in Wettbewerbssituationen zum Ziel, indem sie anstelle von Aggressivität beschwichtigende Kontakte suchen.

Wenn in der Verhaltensforschung an Tieren Rangstrukturen studiert werden, wählt man als Untersuchungsobjekt fast immer Männchen – oft mit der Begründung, soziale Über- oder Unterlegenheit und deren physiologische Folgen (wie Veränderungen der Stresshormone) seien bei ihnen klarer erkennbar. Dies gilt auch für Laborratten, die seit jeher für solche Studien benutzt werden.

Nun drückt sich soziale Dominanz keineswegs nur in direkter Aggressivität aus. Stabile Hierarchien haben vermutlich gerade die Funktion, fortwährende belastende Auseinandersetzungen zu ersparen. In einer etablierten Gruppe sind die Rangverhältnisse deswegen oft nicht sofort erkennbar: Sie zeigen sich nicht unbedingt in Angriff, Flucht oder Unterwerfung, sondern meist subtiler im Erfolg in alltäglichen Konkurrenzsituationen – etwa wenn es um Platzbesitz oder den Zugang zu begrenztem Futter oder Trinkwasser geht.

Außer auf das Verhalten kann sich die Rangposition aber auch auf die körperliche Entwicklung und den Hormonhaushalt auswirken. Insbesondere ließ sich bei männlichen Laborratten vielfach ei-ne enge Beziehung zwischen dem sozialen Rang und der Art nachweisen, wie sich der Spiegel an Geschlechts- und Nebennierenhormonen bei Belastungen verändert.

Für meine Versuche verwendete ich Ratten des wildfarbenen Stammes DA (Bild 1). Zunächst brachte ich ihnen einzeln bei, aus einem Behälter zu fressen oder einem Gefäß zu trinken, an dem nur jeweils ein Tier Platz hat, sowie einen engen Laufgang entlangzurennen, an dessen Ende es Futter gibt und in dem zwei Tiere nicht aneinander vorbei passen – beides in Rangtests gebräuchliche Aufgaben. Anschließend kombinierte ich die Tiere zu Gruppen aus jeweils entweder drei jungen, geschlechtsreifen Männchen oder Weibchen.

Aufschlußreich waren bereits die Verhaltensunterschiede beim Wachwerden der Ratten nach Einsetzen der Dunkelheit. Nach ausgiebigem gegenseitigen Beschnuppern begannen die Käfiggenossen lebhaft miteinander zu balgen, wobei sie sich, auf den Hinterbeinen stehend, schubsten, den anderen wegzudrängen suchten und umeinanderkugelten – bis einer flüchtete und dann oft seinerseits sogleich den dritten Insassen attackierte. Nach einiger Zeit ging dieses mehr oder weniger spielerische Kampfgebaren meistens in gründliches eigenes und gegenseitiges Putzen über. Interessanterweise begannen die Weibchen im allgemeinen früher mit der Körperpflege als die Männchen und beschnupperten sich vorher nochmals. Außerdem divergierte ihr Verhalten bei der Balgerei stärker, obwohl es im Gruppendurchschnitt zu ebenso vielen kämpferischen Gesten kam: Einige Weibchen zeigten sich besonders draufgängerisch, andere dagegen ausgesprochen zurückhaltend.

Bei den ersten beiden Tests erhielten die drei Tiere mehrmals im Abstand von wenigen Tagen nach kurzem Futter- oder Wasserentzug für einige Minuten das Gefäß mit dem entbehrten Gut vorgesetzt. Für den dritten Test wurden jeweils zwei der Ratten an verschiedene Seiten des Laufgangs plaziert; beide versuchten dann an das entgegengesetzte Ende zu gelangen, an dem sie aufgrund des Trainings Futter vermuteten, blockierten sich dabei aber gegenseitig, solange nicht eine der anderen den Vortritt ließ.

Trotz des deutlichen Bestrebens, an das Futter oder Wasser heranzukommen, blieben auch in diesen Konkurrenzsituationen die aggressiven Akte in beiden Gruppen vielfach spielerisch; die Tiere bemühten sich, ihren drängendsten Hunger oder Durst zu stillen, betrieben dann aber erst einmal Fellpflege bei sich selbst oder anderen.

Insgesamt aber zeichneten sich auffällige geschlechtsspezifische Strategien ab. Die Weibchen führten in den ersten beiden Tests weniger Auseinandersetzungen um die Ressource und wechselten sich an dem Behälter häufiger ab – mit dem Ergebnis, daß sie rund 40 Prozent mehr Zeit zum Fressen oder Trinken hatten als die sich in Rangeleien verstrickenden Männchen. Auch im Laufgang benahmen sie sich weniger aggressiv und zogen sich öfter freiwillig zurück, wenn eine Artgenossin in der engen Röhre trotz heftigen Bedrängtwerdens nicht zurückwich.

Um genauer herauszufinden, wie die vielen beobachteten Verhaltensweisen zu Erfolg oder Mißerfolg in den Wettbewerbssituationen beitrugen, führte ich eine Faktorenanalyse durch. Bei diesem gängigen statistischen Verfahren werden aus der Gesamtheit der Daten Merkmale – sogenannte Faktoren – ermittelt, die einen Zusammenhang besonders gut erklären. In einem solchen Faktor finden sich dann einzelne der Verhaltenskomplexe wieder. (Zu solchen Komplexen hatte ich gleichartige Verhaltensweisen zusammengefaßt, zum Beispiel alle aggressiven Gebärden oder alle, die Unterlegenheit ausdrückten).

Die Analyse ergab drei aussagekräftige Faktoren mit absteigender Wertigkeit (Bild 2). Am meisten besagte der Faktor I, den ich aufgrund der ihn gewichtenden Verhaltenskomplexe "erfolgreiche Beschwichtigung" nenne. Relativ hohen Erklärungswert hatte auch noch der Faktor II "Selbstsicherheit"; am unwichtigsten für den Durchsetzungserfolg in Wettbewerbssituationen war der Faktor III, auf den am besten die Bezeichnung "Unsicherheit" paßt.

Wie aus der Tabelle zu erkennen ist, korrelieren bei den beiden Geschlechtern die Verhaltenskomplexe unterschiedlich mit den drei Faktoren. So geht in den Faktor I bei Männchen lediglich das Vermeiden sozialer Kontakte – hauptsächlich Beschnüffeln – ein. Dies spielt zwar auch bei den Weibchen eine Rolle – häufiges Beschnüffeln von anderen wirkt sich ungünstig aus, weil es Zeit kostet; mindestens gleich wichtig sind in ihrem Falle jedoch Unterlegenheitsgesten, die Tendenz, bei Konflikten nachzugeben, und sogar die vorübergehende eigene oder fremde Fellpflege. Diese Verhaltensweisen sind bei den Männchen hingegen in dem unwichtigsten Faktor III zu finden. Aggressive Elemente schließlich, die bei den Männchen immerhin mit dem Faktor II korrelieren, wirken sich bei den Weibchen im Faktor III sogar negativ auf den Durchsetzungserfolg aus.

Das Rangkonzept der Ethologie geht bis in die zwanziger Jahre zurück. Jahrzehntelang wurden Hinweise zusammengetragen, daß Dominanz mit Aggression und einem hohen Spiegel männlicher Hormone einhergehe. Nach den Ergebnissen meiner Studie wurde damit jedoch nur die männliche Seite des Verhaltensrepertoires ausgeleuchtet. Beobachtungen an weiblichen Säugetieren versprechen differenziertere Vorstellungen von den Mechanismen sozialen Zusammenlebens – und vielleicht sogar Gewinn für die überwiegend männlich geprägte Welt des Menschen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 22
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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