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Populationsgenetik: Gesegnet mit ererbtem Reichtum

Die Abgeschiedenheit einer Insel fördert Inzucht – sollte man meinen. Doch die Bewohner Islands erfreuen sich offenbar der größten genetischen Vielfalt unter allen Europäern.


Vor zwei Jahren machte die Regierung Islands ein spektakuläres Geschäft. Sie verkaufte die Rechte an den medizinischen und genetischen Daten der 275000 Inselbewohner exklusiv an die Firma deCODE Genetics. Für einige Millionen Dollar darf das amerikanische Unternehmen vorerst zwölf Jahre lang genetische Profile in isländischen Familien auf ihre Verknüpfung mit Erbkrankheiten untersuchen. Die Firma hofft, dadurch Gene zu finden, die Veranlagungen für die verschiedensten Krankheiten beinhalten – von der Schuppenflechte über den Brustkrebs bis zum Schlaganfall.

Warum waren die Spezialisten von deCODE Genetics gerade auf die Gendaten der Isländer erpicht? Einer der Gründe ist die Annahme, dass die ferne Lage der Insel und die jahrhundertelange Isolation ihrer Bewohner Inzucht begünstigt und so einen hochgradig homogenen Genpool geschaffen habe. Dergleichen ist für die Suche nach statistischen Zusammenhängen zwischen Erkrankungen und Erbgut besonders günstig.

Doch möglicherweise stimmt die Annahme nicht. Jetzt haben Einar Arnason und seine Kollegen von der Universität Island in Reykjavik die Probe aufs Exempel gemacht. Sie untersuchten einen repräsentativen Querschnitt von 73 Isländern auf ihre genetische Variabilität und verglichen die Ergebnisse mit dem Genpool in anderen europäischen Ländern ("Nature Genetics", Bd. 25, S. 373). Das überraschende Ergebnis: Auf Island ist die genetische Vielfalt keineswegs geringer, sondern sogar größer als auf dem Festland.

Über die Ursachen dieser Merkwürdigkeit lässt sich im Moment nur spekulieren. Möglicherweise nahm an der Besiedlung Islands vor etwa 1100 Jahren ein guter Querschnitt der europäischen Bevölkerung teil, zumindest was die Gene betrifft. Vielleicht sorgten am Anfang durchziehende Wikinger für frisches Blut; später gingen viele Isländer auf Arbeitssuche ins Ausland, von wo sie ihre Partner und Nachkommen mit zurück auf die Insel brachten. So könnte die Paradoxie zu erklären sein, dass sich ausgerechnet auf diesem abgelegenen Eiland das differenzierteste Erbgut in ganz Europa findet.

Der Firma bleibt ein Trost: Sie hatte einen zweiten Grund, die isländische Bevölkerung als Genreservoir zu wählen, in dem sich gut nach erblichen Krankheitsdispositionen fahnden lässt. Die Bewohner der unwirtlichen Insel sind nämlich begeisterte Genealogen, die ihre Abstammung und Verwandtschaftsverhältnisse vielfach über Jahrhunderte zurückverfolgen können. Mit diesem Pfund zumindest kann deCODE Genetics weiterhin wuchern.

Aber auch andere Firmen folgen auf ihre Weise der vermuteten Goldader. So sucht das kalifornische Unternehmen DNA Sciences im Internet Freiwillige, die Krankheiten in ihrer Familiengeschichte angeben sowie Informationen zu ihrer Lebensweise und eine Blutprobe zur Verfügung stellen. Unter www.DNA.com kann man einen Fragebogen über die medizinische Geschichte der Familie ausfüllen, woraufhin die Firma jemanden zum Blutabnehmen vorbeischickt – bisher allerdings nur in den USA. Das Ziel, mindestens 100000 Personen in die Datenbank aufzunehmen, wird sicherlich bald erreicht sein. In der ersten Woche haben schon tausend Freiwillige den Fragebogen ausgefüllt.

Für das nächste Jahr planen das Medical Research Council und der Wellcome Trust in England ein ähnliches Projekt. Sie wollen Daten von etwa 500000 Personen im "besten Alter" erheben, um auch weitläufige Verbindungen zwischen Genen, Lebensstil und Krankheiten statistisch absichern zu können. Und so wird es vielleicht nicht mehr lange dauern, bis wir uns alle mit unserem genetischen Profil und unseren kleinen Lastern oder Schwächen in solchen Datenbanken wiederfinden. Ob sich die medizinische Verheißung erfüllt, bleibt abzuwarten; die Gefahr für den Datenschutz ist dagegen real.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 14
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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