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Die Lomborg-Kontroverse: Globale Erwärmung:

Lomborg macht es sich zu leicht


Seit nunmehr dreißig Jahren diskutiere ich Alternativen für eine nachhaltige Entwicklung, in ständigem Austausch mit Tausenden von Forscherkollegen und politischen Beobachtern; im Laufe der Zeit sind zu dem Thema unzählige Artikel entstanden und Konferenzen abgehalten worden. Trotz alledem, das gebe ich gerne zu, beschleicht mich hin und wieder eine gewisse Frustration angesichts der vielen Unbekannten, die den Klimawandel beeinflussen. Noch immer ist es unmöglich, mit wissenschaftlicher Gewissheit zu entscheiden, ob eine Klimakatastrophe bevorsteht oder nur eine milde Erwärmung – ganz zu schweigen von zuverlässigen Wahrscheinlichkeitsaussagen über all die Behauptungen und Gegenbehauptungen zu Umweltproblemen.

Sogar die glaubwürdigste internationale Autorität, der zwischenstaatliche Klimabeirat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hat sich geweigert, die Wahrscheinlichkeit künftiger Temperaturwerte im Einzelnen abzuschätzen. Darum waren die Politiker gezwungen, ihre eigenen Vermutungen anzustellen. Werden die Temperaturen bis zum Jahr 2100 um 1,4 oder um 5,8 Grad steigen? Dazwischen liegen Welten – von marginalen Veränderungen bis hin zu großen Katastrophen.

Vor diesem unbefriedigenden Hintergrund hörte ich immer mehr Gerüchte über einen jungen dänischen Statistikprofessor namens Björn Lomborg im Fachbereich Politikwissenschaften an der Universität Aarhus, der mit statistischen Methoden herauszufinden sucht, wie ernst die Umweltprobleme wirklich sind. Natürlich wartete ich gespannt auf die englische Version seines groß angekündigten Buches "The Skeptical Environmentalist: Measuring the Real State of the World". Ein skeptischer Umweltforscher, dachte ich mir, ist sicher höchst begrüßenswert, denn vieles ist fragwürdig in diesem komplexen Gebiet aus lückenhaften Daten, unvollständigen Theorien und nichtlinearen Wechselwirkungen. Doch mit dem "wirklichen Zustand der Welt", wie der englische Untertitel lautet, hat er sich – angesichts der großen Bandbreite plausibler Szenarien – wohl einiges vorgenommen.

Wer ist dieser Lomborg eigentlich, fragte ich mich? Warum bin ich ihm noch nie auf einer der Konferenzen begegnet, wo die üblichen Verdächtigen über Kosten- und Nutzenfaktoren von Umweltmaßnahmen, über Artensterben, ökologische Tragfähigkeit oder Wolken-Rückkopplung debattieren? Ich konnte mich auch nicht erinnern, jemals irgendeinen wissenschaftlichen oder politischen Beitrag von ihm gelesen zu haben. Aber nun lag dieser schwere 600-Seiten-Wälzer vor mir, mit rekordverdächtigen 2930 Fußnoten, und wollte erst einmal durchgearbeitet sein.

Im Vorwort räumt Lomborg ein, er selbst sei kein Experte für Umweltprobleme – das wahrste Wort des gesamten Buches, wie ich im Folgenden illustrieren möchte. Ich werde mich auf das umfangreiche Kapitel über globale Erwärmung und seine gut 600 Fußnoten konzentrieren. Allein die schiere Masse an Details erweckt zumindest den Anschein einer umfassenden und sorgfältig recherchierten wissenschaftlichen Arbeit. Doch wie weit entspricht dem die Realität des Textes? Der Leser wird die Antwort ah-nen – doch zunächst einige Beispiele, um zu verdeutlichen, was ich aus Lomborgs Buch erfahren habe. Sein Klima-Kapitel macht vier Kernaussagen:

Die Klimaforschung steht zwar generell auf höchst wackligen Füßen, doch nichtsdestoweniger ist der wahre Stand der Wissenschaft der Folgende: Die Sensitivität des Klimas gegenüber atmosphärischem Kohlendioxid ist am untersten Ende der vom IPCC angenommenen Unsicherheitsspanne anzusetzen – wobei laut IPCC 1,5 bis 4,5 Grad Celsius Erwärmung zu erwarten sind, wenn der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre sich verdoppelt und dann konstant bleibt.

Die mehr als vierzig Emissionsszenarien des Anfang 2000 vom IPCC herausgegebenen Emissionsberichts (Special Report on Emission Scenarios, SRES) zerfallen in sechs "gleichermaßen stichhaltige" Alternativpfade. Diese fangen bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration bis zum Jahr 2100 an und hören bei einer Verdreifachung im Laufe des 22. Jahrhunderts noch lange nicht auf. Lomborg jedoch lässt ausschließlich das günstigste Szenario gelten: Die Temperaturen werden ihm zufolge weit weniger ansteigen, als die Maximalschätzungen des IPCC annehmen; wahrscheinlich wird noch nicht einmal der Wert des niedrigsten Emissionsszenarios – weniger als 2 Grad bis 2100 – erreicht, und mit Sicherheit, so Lomborg, wird die Temperatur im 22. Jahrhundert nicht weiter ansteigen.

Wie Kosten-Nutzen-Rechnungen zeigen, könnte das Vermeiden des Klimawandels zwar enormen Nutzen bringen – Lomborg zitiert nur die Zahl 5 Billionen US-Dollar –, doch steht dies in keinem Verhältnis zu den ökonomischen Kosten des Versuchs, den durch Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehenden Schadstoffausstoß einzudämmen; Lomborg entnimmt der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur dafür eine riesige Bandbreite von 3 Billionen bis 33 Billionen Dollar. Für die klimabedingten Schäden gibt er hingegen nur eine Zahl an.

Das Kyoto-Protokoll, das den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern begrenzen soll, sei viel zu teuer. Zudem würde es die Erwärmung bis 2100 lediglich um wenige Zehntelgrade reduzieren und somit, so Lomborg, den Temperaturanstieg nur sechs Jahre aufschieben. Doch diese Zahl basiert auf einer unsinnigen Annahme, die niemand ernsthaft in Erwägung zieht: Lomborg schreibt das Kyoto-Protokoll, das nur bis 2012 gilt, als alleinige Weltklimapolitik um weitere neunzig Jahre fort.

Bevor ich nun darauf eingehe, warum ich all diese Behauptungen für fatale Verzerrungen der Realität halte, sollte ich ein paar Worte über Lomborgs Methoden verlieren. Erstens verweisen die meisten seiner fast 3000 Zitate auf Sekundärliteratur und Zeitungsartikel. Und wenn er doch einmal aus wissenschaftlichen Fachartikeln zitiert, dann einseitig aus solchen, die seine rosige Sicht unterstützen, allein das untere Ende der Un-sicherheitsspannen sei plausibel. Die IPCC-Autoren mussten sich hingegen drei Revisionsrunden durch Hunderte externer Experten unterwerfen. Sie genossen nicht den Luxus, vornehmlich aus dem Teil der Fachwelt zu zitieren, der mit ihnen einer Meinung ist.

Zweitens mutet es doch recht seltsam an, wenn man im populärwissenschaftlichen Buch eines Statistikers keine klare Darstellung des Unterschieds zwischen "objektiven" (auf klassischen Häufigkeiten beruhenden) und "subjektiven" (Bayes'schen) Wahrscheinlichkeiten findet. Lomborg verwendet oft das Wort "plausibel", doch ordnet er – wiederum merkwürdig bei einem Statistiker – diesem "plausibel" nie einen konkreten Wahrscheinlichkeitswert zu.

Der "Dritte Sachstandsbericht" (Third Assessment Report) des IPCC stellte sich dagegen ausdrücklich der Notwendigkeit, alle Zuverlässigkeitsaussagen zu quantifizieren. Die Arbeitsgruppe I beispielsweise ordnete dem Ausdruck "wahrscheinlich" (likely) eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 66 bis 90 Prozent zu. Obwohl das IPCC bei den meisten seiner Modellrechnungen eine große Varianzbreite angibt, ignoriert Lomborg diese Unsicherheitsspannen fast immer und konzentriert sich ausschließlich auf die günstigsten Ergebnisse.

Während ungünstige Resultate Lomborg keine einzige Wahrscheinlichkeitsangabe wert sind, behauptet er steif und fest, das Klima werde sich bis ins 22. Jahrhundert "mit Sicherheit" um höchstens zwei Grad erwärmen – eine Schlussfolgerung, die nicht nur dem IPCC, sondern auch anderen nationalen Prognosen und den meisten aktuellen Klimastudien widerspricht.

Sehen wir uns die vier Hauptargumente nun genauer an:

Klimaforschung. Ein typisches Beispiel für Lomborgs Methode, Sekundärquellen heranzuziehen, ist die Art und Weise, wie er eine 1989 in der Zeitschrift "Nature" referierte Studie des britischen Hadley Center zitiert, in der die Forscher ihr Klimamodell modifizierten: "Dann verbesserten die Programmierer die Wolkenparameter an zwei Stellen, und das Modell reagierte mit einer Reduktion seiner Temperaturprognose von 5,2 Grad auf 1,9 Grad." Wissenschaftlich korrekt hätte Lomborg den Originalartikel zitieren müssen, in dem die Autoren am Ende des ersten Absatzes einschränkten: "Zu beachten ist, dass das revidierte Wolkenschema zwar mehr Details enthält, aber nicht notwendigerweise präziser ist als das einfachere Modell."

Ähnlich zitiert Lomborg Richard S. Lindzens umstrittene "stabilisierende Wolkenrückkopplung", auch Iris-Effekt genannt, als Beweis dafür, dass die vom IPCC angenommene Klimasensitivität auf fast ein Drittel reduziert werden müsse. Entweder hat Lomborg diesen Mechanismus nicht richtig verstanden, oder er verschweigt uns, dass Lindzens Theorie auf einer sehr bescheidenen, in wenigen Jahren in einem kleinen Bereich eines Ozeans gesammelten Datenbasis auf-baut. Das Hochrechnen dieser wenigen Daten auf den gesamten Globus gleicht dem Versuch, die stark destabilisierende Rückkopplung über den innerkontinentalen Landmassen während der Schneeschmelze im Frühling auf das globale Klima zu extrapolieren – wobei in diesem Fall die unangemessene Projektion die Klimaempfindlichkeit vermutlich um ein Vielfaches erhöhen würde.

Ein letztes Beispiel: Lomborg zitiert eine umstrittene Hypothese dänischer Wolkenphysiker, wonach magnetische Ereignisse auf der Sonne die kosmische Strahlung beeinflussen und diese wiederum die globale Wolkenbedeckung in geringen Höhen. Mit dieser Hypothese stützen die dänischen Forscher ein alternatives, nicht auf CO2 basierendes Erklärungsmodell für die Klimaveränderungen der jüngsten Zeit.

Weder Lomborg noch die Autoren dieser spekulativen Theorie diskutieren, wie sich die angeblichen Veränderungen der Wolkenbedeckung auf die Strahlungsbilanz der Erde ausgewirkt haben. Mehr Wolken – das weiß man seit den Arbeiten von Syukuro Manabe und Richard T. Wetherald von 1967 sowie meinen eigenen von 1972 – können die Atmosphäre erwärmen oder abkühlen, je nach Höhe der Wolkengipfel, Reflexionsvermögen der darunter liegenden Erdoberfläche sowie nach Jahreszeit und Breitengrad.

Das IPCC hat diese Theorie verworfen, weil ihre Vertreter bis jetzt keine strahlungsbedingte Beeinflussung des Klimas vorführen konnten, die an die Wirkung näher liegender Faktoren he-ranreicht – insbesondere an den vom Menschen verursachten Einfluss.

Emissionsszenarien. Lomborg zufolge werden neue, verbesserte Solarkraftwerke und andere erneuerbare Energien in den kommenden Jahrzehnten die fossilen Brennstoffe vom Markt verdrängen, und zwar in solchem Maße, dass die IPCC-Prognosen für den CO2-Anstieg völlig überhöht sind. Wie sehr wünsche ich mir, Lomborg behielte in diesem Punkt Recht! Doch Wünsche ersetzen keine Analyse. Lomborg zitiert eine einzige Studie und ignoriert die Unzahl an ökonomischen Arbeiten, die er erst später heranzieht, um die Kosten für eine effektive Emissionskontrolle abzuschätzen. In der Tat halten die meisten Wirtschaftswissenschaftler hohe Emissionswerte auch künftig für sehr wahrscheinlich: Eine Verdopplung bis Verdreifachung (oder mehr) des Kohlendioxids gilt ihnen als "optimale" Wirtschaftspolitik. Ich habe diese Literatur kritisiert, weil sie unterschlägt, dass eine aktive Klimapolitik, die konventionelle Brennstoffe gezielt verteuert, Investitionen in alternative Energieformen anregt. Doch solche Anreize setzen eine entsprechende Politik voraus – und Lomborg lehnt diese Politik gerade ab. Kein glaubwürdiger Analytiker kann einfach behaupten, ein Szenario mit intensiver Nutzung fossiler Brennstoffe sei nicht plausibel – und Lomborg gibt auch hier wieder keine Wahrscheinlichkeit dafür an.

Kosten-Nutzen-Rechnungen. Die gröbsten Verdrehungen und Vereinfachungen leistet sich Lomborg bei der Wiedergabe diverser Kosten-Nutzen-Rechnungen. Zuerst rügt er jene Regierungen, die Änderungen am vorletzten Entwurf des Berichts von der IPCC-Arbeitsgruppe II verlangten. Diese Änderungen stuften die Bedeutung von ökonomischen Studien herab, welche den durch Klimaveränderungen angerichteten Gesamtschaden zu quantifizieren suchten. Lomborg unterstellt, eine politische Entscheidung habe dem IPCC untersagt, die totale Kosten-Nutzen-Bilanz der globalen Erwärmung zu betrachten.

Seltsam ist, dass Lomborg in diesem Fall ausgerechnet den vorletzten und noch nicht verabschiedeten Entwurf zitiert, dafür aber die allererste Aussage der verabschiedeten Zusammenfassung verschweigt, der zufolge die Auswirkungen der jüngsten Temperaturentwicklung auf die Tier- und Pflanzenwelt bereits erkennbar sind. Ganz allgemein fällt auf, dass Lomborg die ökologischen Folgen des Klimawandels nicht diskutiert. Lieber konzentriert er sich auf Gesundheitswesen und Landwirtschaft, denn diese Bereiche werden seiner Meinung nach durch die minimalen Klimaänderungen, die er vorhersagt, kaum betroffen.

Die Regierungsvertreter hatten einen guten Grund, die Bedeutung von aggregierten Kosten-Nutzen-Studien herabzustufen: In solchen Studien fehlt die Aufschlüsselung in zahlreiche Schadenskategorien, die für politische Entscheidungsträger wichtig sind; übrig bleibt eine grobe Richtschnur für Transaktionen zwischen Marktsegmenten. Die "totale Kosten-Nutzen-Analyse", die Lomborg wünscht, müsste vieles berücksichtigen, das kaum in harter Währung zu beziffern ist: Tier- und Pflanzenarten verschwin-den – welchen Wert soll man ihnen zumessen? Die Natur leistet uns wertvolle Dienste, die wir selbstverständlich ohne Bezahlung entgegennehmen – doch in wie vielen Dollars kann man zum Beispiel eine verschlechterte Wasserqualität ausdrücken? Wer will das wachsende Ungleichgewicht ermessen, da die Folgen des Klimawandels die Armen härter treffen werden als die Reichen – was Lomborg allerdings anerkennt –, oder die sinkende Lebensqualität, wenn etwa der steigende Meeresspiegel die Bewohner einer kleinen Insel aus ihrer angestammten Heimat vertreibt? Rechnen müssen wir wahrscheinlich auch mit heftigeren und extremeren Klimaschwankungen. Wie oben erwähnt, zitiert Lomborg nur eine einzige Bewertung – 5 Billionen Dollar – für die Klimaschäden, obwohl dieselben Ökonomen, aus deren Arbeiten er die Kosten klimapolitischer Maßnahmen bezieht, meist eine enorme Spannweite für die Folgen des Klimawandels anerkennen – von wirtschaftlichem Gewinn bis zu gewaltigen Verlusten.

Gerade weil seriöse Wissenschaftler solche katastrophalen Folgen nicht mit hoher Sicherheit ausschließen können, raten sie dringend zu Gegenmaßnahmen. Es ist pure Willkür, wenn jemand die dadurch möglicherweise vermiedenen Klimaschäden mit einer einzigen Zahl beziffert, statt eine breite Varianz anzugeben – vor allem, wenn er auf der anderen Seite eine breite Spanne für die Kosten klimapolitischer Initiativen anführt. Diesen Schwankungsbereich entnimmt Lomborg der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur, ignoriert jedoch ingenieurwissenschaftliche Aspekte. Ingenieure bezweifeln die typischen Prognosen der Ökonomen, da diese die bereits vorhandenen Mängel des Marktgeschehens vernachlässigen, wie Energie verschwen-dende Maschinen, Häuser und Produktionsverfahren. Gemäß einer berühmten ingenieurtechnischen Studie, die von fünf Labors des US-Energieministeriums erarbeitet wurde – gewiss kein Hort radikaler Umweltschützer –, könnte eine Klimapolitik, die wirksame Anreize zum Einsatz modernster Energie sparender Technik schafft, den Ausstoß einiger Schadstoffe sogar reduzieren, ohne dass dies die Volkswirtschaft etwas kostet. Ganz im Gegenteil, dabei könnte sogar ein Plus herauskommen.

Das Kyoto-Protokoll. Indem Lomborg so tut, als würde das für zehn Jahre konzipierte Kyoto-Protokoll ein Jahrhundert lang in Kraft bleiben, verzerrt er den gesamten klimapolitischen Prozess. Jeder IPCC-Bericht hat deutlich gemacht, dass der Kohlendioxidausstoß um mehr als fünfzig Prozent unter den Wert der meisten Minimal-Szenarien gedrückt werden muss, wenn wir einen starken CO2-Anstieg am Ende des 21. und im Verlauf des 22. Jahrhunderts vermeiden wollen. Die meisten Analytiker stimmen darin überein, dass die bloße Verlängerung des Kyoto-Protokolls nicht ausreicht. Vielmehr müssen Entwicklungs- und Industrieländer gemeinsam langfristig kostengünstige Lösungen erarbeiten. Lernen durch Tun ist die Devise, denn internationale Zusammenarbeit ist längst nicht Gemeingut. Kyoto ist erst ein Anfang. Doch mit seinem 100-Jahre-Kyoto-Szenario möchte Lomborg selbst diesen ersten Schritt von vornherein vereiteln.

Was ist nun der "wirkliche Zustand der Welt"? Gewiss lässt sich diese Frage nicht mit herkömmlicher Statistik ein für alle Mal beantworten, obwohl subjektive Schätzungen durchaus ihren Wert haben. Die vom IPCC veröffentlichten und von Fachleuten überprüften Bandbreiten liefern die beste Momentaufnahme des wirklichen Klimawandels: Wir könnten Glück haben und nur harmlose Veränderungen erleben – oder im schlimmsten Fall Katastrophen. Das IPCC gibt Entscheidungshilfen für ein Risikomanagement zur Schadensabsicherung. Keines-falls wird, wie Lomborg uns glauben machen will, alles von selbst wieder gut.

Bei einem solch interdisziplinären Thema wäre Cambridge University Press gut beraten gewesen, das Manuskript sowohl Natur- als auch Sozialwissenschaftlern zur Durchsicht vorzulegen. Herausgegeben wurde es von der sozialwissenschaftlichen Abteilung des Hauses, und darum ist den Lektoren Lomborgs einseitige Darstellung der naturwissenschaftlichen Sachverhalte entgangen.

Das unerfreuliche Resultat sind zornige Rezensionen wie diese. Leider werden viele Laien und Entscheidungsträger die Verrisse gar nicht zu Gesicht bekommen und sich verleiten lassen, Tausende von Zitaten und hunderte Seiten für eine fundierte und ausgewogene wissenschaftliche Arbeit zu halten. Eine bessere Faustregel ist, zu prüfen, wer Unsicherheitsspannen und subjektive Wahrscheinlichkeiten angibt, und vor Leuten auf der Hut zu sein, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 36
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002

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