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Homo bekommt "äffischen" Zuwachs.: Glosse: Schimpansen wie wir



Karikaturisten ahnten es schon lange. Von den viktorianischen Zeichnern, die Darwin als Schimpansen abbildeten, bis hin zu Steve Bell, in dessen Spottwerken US-Präsident Bush grundsätzlich als Affe erscheint, betonten sie stets gern die enge Verwandtschaft des Menschen mit den beiden Mitgliedern der Gattung Pan: dem gewöhnlichen Schimpansen P. troglodytes und dem sexbesessenen Bonobo P. paniscus. Auch viele Zoologen und Evolutionsforscher hieben in dieselbe Kerbe. Desmond Morris beschrieb unsere Art als "nackte Affen", und Jared Diamond nannte Homo sapiens den "dritten Schimpansen".

Nur in der systematischen Landkarte alles Lebendigen hielt sich hartnäckig der Mythos, Homo und Menschenaffen hätten so wenig gemein, dass sie in unterschiedliche Familien gehören. Nach der offiziellen Lesart, die nun seit 40 Jahren gültig ist, stehen die Schimpansen den Gorillas angeblich viel näher als uns Menschen.

Doch jetzt haben mehrere Genomforscher im Stammbaum des Lebens aufgeräumt und die Sippschaft von Cheeta und Charlie kurzerhand auf den Ast umgesiedelt, auf dem wir bisher ganz alleine hockten (PNAS, 23.5.2003, S. 7181). Wie umfassende Genanalysen im Labor von Morris Goodman in Detroit ergaben, trennten sich die Wege von Homo und Pan nämlich erst vor rund 5 Millionen Jahren. Die Abstammungslinien der Gorillas und Orang-Utans zweigten dagegen schon vor 6,3 bzw. 13,8 Millionen Jahren von derjenigen der anderen drei Primaten ab.

Im neuen Stammbaum, den Goodman und seine Mitarbeiter vorschlagen, heißt der gewöhnliche Schimpanse folglich Homo troglodytes, und Pan bezeichnet nur noch die Untergattung. Als Folge dieser Umbenennung finden auch alle unsere Hominiden-Vorfahren Aufnahme in unsere Gattung, sodass zum Beispiel aus Australopithecus afarensis ein Homo afarensis wird.

Tierschützer, denen die Schimpansen schon lange als die besseren Menschen gelten, dürften den Aufstieg der Menschenaffen zu Affenmenschen begrüßen. Vielleicht versprechen sie sich davon auch, dass wir unsere neu eingemenschten Vettern demnächst besser behandeln und sie etwa vor dem in Westafrika drohenden Artentod bewahren. Doch angesichts der anderen humanitären Katastrophen auf dem Schwarzen Kontinent darf man wohl bezweifeln, ob der Gattungsname Homo dort das Überleben garantiert. Dazu müsste man den Oberaffen unserer eigenen Spezies erst ein bisschen mehr sapientia eintrichtern.

Überhaupt beschleicht mich der Verdacht, dass die Forscher wieder einmal zu homozentrisch gedacht haben. (Kein Wunder: Außer Goodman tragen zwei weitere Autoren der Studie die Silbe man im Namen!) Anstatt die Zweidrittelmehrheit der existierenden Pan/Homo-Arten uns zuzuschlagen, hätten sie mit mehr Berechtigung den umgekehrten Weg gehen, also Homo zur Untergattung degradieren und den Menschen in Pan sapiens umtaufen können – oder besser noch, da das mit der Weisheit nicht so weit her ist, (wert)frei nach Morris in Pan nudus.

Immerhin wissen wir heute, dass es nur einer geringfügigen genetischen Umprogrammierung bedurfte, um uns zu sprechenden, weitgehend unbehaarten Zweibeinern zu machen. Da könnten wir doch eigentlich – fast 150 Jahre nach Darwins "Ursprung der Arten" – langsam der haarigen Tatsache ins Auge sehen, dass uns stammesgeschichtlich keine Extrawurst gebührt.

Mögen die Geisteswissenschaftler auch aufschreien und auf unsere einmaligen kulturellen Leistungen verweisen. Dass wir mit viel Glück und Skrupellosigkeit zur Weltherrschaft gelangt sind und unterwegs gelernt haben, Wolkenkratzer zu bauen oder Opern zu schreiben, ändert nichts an unserer Position im Stammbaum des Lebens. Dort zählen nämlich nur die Gene. Da sind die Biologen beinhart.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 16
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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