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Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden.

Metzler, Stuttgart 1996.
400 Seiten, DM 49,80.

Der schiere Umfang der Bücher läßt den "unbescheidenen Anspruch" des Autors erahnen, zu dem er sich in den Vorworten bekennt. Der Anglist und Germanist Alexander Kupfer bezeichnet seine in Düsseldorf eingereichte Dissertation, aus deren Überarbeitung die beiden Bände hervorgegangen sind, als "das erste wirklich gründliche Handbuch über die kulturelle Bedeutung des Rausches".

In dem ersten Band "Göttliche Gifte" – nicht aber in "Die künstlichen Paradiese" – lockern zahlreiche Radierungen, Stiche, Karikaturen und Photos den kleingedruckten, mit zahlreichen längeren Zitaten belegten Text auf. Die 41 Seiten Anmerkungen und 13 Seiten Literaturverzeichnis dokumentieren glaubhaft die "lange und intensive Auseinandersetzung" Kupfers mit den kulturgeschichtlichen Aspekten des Drogenrausches und machen deutlich: Hier liegt eine Literaturarbeit vor. Außer der Bibel untersucht Kupfer hauptsächlich Werke und Biographien zahlreicher Schriftsteller, aber auch Dokumentationen, verschiedene Musikstile und Filme.

Bei den Textinterpretationen geht der Autor für meinen Geschmack oft sehr weit. So wird der Apfel, den Eva vom Baum der Erkenntnis pflückte, aufgrund seiner bewußtseinsverändernden oder vielmehr bewußtseinserzeugenden Wirkung zum Prototyp eines Rauschmittels. Und bereits damals zog sein Genuß "den übelsten Kater nach sich, der sich denken läßt": die Vertreibung aus dem "herrlichen Garten".

Stets stelle sich, so Kupfer, die Frage, welchen Preis der Mensch für die Veränderung seines Bewußtseins zahlen muß – und sei es nur, wie es an anderer Stelle heißt, für eine kurzfristige Befreiung von der Last des Bewußtseins, von dem Verdruß über unsere Unvollkommenheit. Der Autor stellt folglich seine Kulturgeschichte der Drogen unter das Hauptmotiv Befreiung von den Beschränkungen des menschlichen Daseins, vor allem Befreiung vom Leiden.

Obgleich Rauschmittel zu allen Zeiten genommen wurden, kommt nach Kupfer der Romantik mit der Entdeckung des Individuums in diesem Kontext besondere Bedeutung zu. Während der Drogenkonsum bis Ende des 18. Jahrhunderts religiöse, medizinische oder kulinarisch-gesellige Gründe hatte, kam im 19. Jahrhundert eine mystisch-private Motivation hinzu. Die Ergründung der eigenen Psyche, des Unbewußten, rückte in den Mittelpunkt aller Fragen nach dem Sinn und den Hintergründen der menschlichen Existenz: Im Rausch fänden wir etwas vor, das uns und unser Fassungsvermögen übersteige und doch unserer eigenen Persönlichkeit entspringe; dabei seien wir stets in Gefahr, uns zu weit ins Mysterium vorzuwagen, den Halt zu verlieren, aus der Sicherheit der gewohnten Realität abzustürzen.

Beispiele dieser Gratwanderung geben Einzelporträts von Künstlern wie Thomas De Quincey (1785 bis 1859), der Verfasser von "Bekenntnisse eines englischen Opiumessers", Charles Baudelaire (1821 bis 1867), der ebenfalls von Opium sowie von Haschisch abhängig war, und Malcolm Lowry (Jahrgang 1909), dessen Roman "Unter dem Vulkan" einen Alkoholiker zum Helden hat.

Der Band "Die künstlichen Paradiese" versteht sich als Handbuch – was die "kleine Kulturgeschichte" nur in zweiter Linie sein will –, als ein Grundlagenwerk, das ein ganzes Sachgebiet im Überblick darstellt. Die Kulturgeschichte des Rausches ist dementsprechend kürzer abgehandelt, was für den breiten Leserkreis, an den sich beide Bücher richten, wohl ohnehin angemessener ist. Die Ansprüche des Autors sind wiederum nicht gering: Man erhält nicht nur ein Handbuch zum Thema Drogen, sondern zugleich ein Handbuch der Romantik und eine allgemeine Einführung in die Kultur- und Geisteswissenschaft. Gleichwohl geht es stets um das Titelthema, wie die Kapitelüberschriften "Charakteristische Phänomene der Rauschwahrnehmung", "Rausch und Erkenntnis in der Literatur", "Spurensuche – Ermittlung von Drogeneinflüssen in literarischen Texten" und "Biographie eines Trinkers" belegen.

Der Anglist und Germanist Kupfer sucht mit seinen Büchern nicht nur den engen Kreis von Experten, sondern ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Er will jedoch nicht "populärwissenschaftlich in jenem verächtlichen Sinne sein, der die faßliche Form mit einer unzulässigen Simplifizierung des Inhalts identifiziert". Demnach könne man nicht erwarten, "daß Schwieriges nun ohne Mühe einsichtig wird". Der eindeutig wissenschaftliche Charakter seines Werkes und eine manierierte Diktion machen das Lesen ebenfalls mühsam.

Nach dem Vorbild angloamerikanischer Wissenschaftsbücher auf höchstem Niveau zu unterhalten – das ist Kupfer nicht überzeugend gelungen. Immerhin findet der am Thema Rauschmittel im weiteren Sinne Interessierte eine Fülle von akribisch zusammengetragenen Informationen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 140
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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