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Philosophie: Grenzen

Zur ethischen Dimension des Handelns
Klett-Cotta, Stuttgart 2001. 559 Seiten, € 35,02


Robert Spaemann ist als engagierter und streitbarer Wertkonservativer bekannt, und als solcher erweist er sich auch in dieser Aufsatzsammlung zur praktischen Philosophie, in der fast fünfzig Beiträge aus der Zeit von 1960 bis 2000 versammelt sind.

Der erste Teil des Buches enthält Beiträge zu Grundfragen der Ethik, etwa zur Moralbegründung, zum Begriff der Menschenwürde und zum Verhältnis von Natur und Recht. Spaemann argumentiert dabei vor allem in kritischer Abgrenzung zur utilitaristischen Ethik, für welche die Förderung des "größten Glücks der größten Zahl" das Kriterium des moralisch richtigen Handelns ist. Ihr wirft er vor, grundlegende Moralvorstellungen zu funktionalisieren, also einer universalen Optimierungsstrategie zu opfern. So werde insbesondere die Unbedingtheit und Unantastbarkeit der Menschenwürde in Frage gestellt, wenn diese zum Teil eines Optimierungsprogrammes gemacht werde. Stattdessen versucht Spaemann, die Personenwürde in der "Natur", das heißt einer nicht mehr hinterfragbaren und nicht mehr rechtfertigungsbedürftigen Normalität, zu fundieren.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Spaemann "Themen der Zeit" – von der Atombewaffnung über den Schwangerschaftsabbruch und die Sterbehilfe bis hin zur Legitimität technischer Eingriffe in die Natur und der Erziehung. Auch hier wendet er sich gegen die Funktionalisierung menschlichen Lebens und die Erosion grundlegender Moralvorstellungen. Den unkontrollierbaren Einsatz atomarer Kampfmittel als ultima ratio der Konfliktlösung verwirft er ebenso als unsittlich wie die Manipulation oder Herstellung menschlicher Existenz durch neue Technologien wie Präimplantationsdiagnostik oder Klonen.

Deutlich nimmt Spaemann auch gegen die "Seuche der Abtreibung" und für das Lebensrecht der Ungeborenen Stellung. Er verteidigt die Unbedingtheit des Tötungsverbots gegen die von utilitaristischen Autoren vertretene These, dass Sterbehilfe, auch aktive, zur Minimierung unerträglichen Leidens legitim sein kann. In einer solchen Infragestellung des Euthanasie-Tabus sieht Spaemann den ersten Schritt in eine "Euthanasie-Gesellschaft", die sich der Schwachen und Behinderten auf bequeme Weise durch Tötung entledigt. Um dieser Gefahr vorzubeugen, müsse man darauf verzichten, Leidbeseitigung zum obersten Wert zu machen.

Spaemanns Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus ist alles andere als fair oder vorurteilsfrei. Nicht selten entstellt er diese philosophische Richtung durch suggestive und emotional gefärbte Wortwahl zu einer groben Karikatur, etwa wenn er behauptet, der Utilitarist Peter Singer betrachte Kinder im ersten Lebensjahr als "Freiwild", das, ebenso wie geistig Behinderte und Altersschwache, "prinzipiell zur Tötung freigegeben" und nötigenfalls "beiseite zu räumen" sei. Der Utilitarismus mag falsch sein, aber Utilitaristen sind nicht, wie Spaemann hier suggeriert, Leute, die mit leichter Hand und geradezu lustvoll Tötungslizenzen vergeben.

Der Utilitarismus widerspreche unseren Gerechtigkeitsvorstellungen; er führe zu einer Überforderung des moralischen Akteurs; er müsse die Glücksmaximierung auch von Sadisten und KZ-Wächtern auf Kosten der Opfer zulassen, ja empfehlen: Diese Vorwürfe sind nicht neu, und es gibt vielfache Entgegnungen auf sie, etwa in Henry Sidgwicks "Methods of Ethics" oder in "Moral Thinking" von Richard Hare. Dass Spaemann diese – sicherlich ihrerseits kritikwürdigen – Verteidigungsversuche des Utilitarismus fast vollständig ignoriert, ist bedenklich.

Insofern er seine Thesen nicht in Form einer Kritik des Utilitarismus formuliert, beruft er sich zu ihrer Begründung auf basale "sittliche Intuitionen". Da er dabei zum einen die Einheit von Ethik und Metaphysik voraussetzt, zum anderen Metaphysik als eine "Philosophie des Absoluten" auffasst und als solche dem Atheismus entgegensetzt, wurzeln diese Intuitionen letztlich in religiösen Überzeugungen – Spaemann macht aus seiner Bindung an die katholische Kirche keinen Hehl. Der Atheismus, meint er daher konsequent, entziehe etwa "dem Gedanken der Menschenwürde definitiv seine Begründung und so die Möglichkeit theoretischer Selbstbehauptung". Nur sind sowohl seine Auffassungen zur Metaphysik als auch seine religiösen Grundüberzeugungen alles andere als selbstverständlich; wer sie nicht ohnehin teilt, kann sie kaum für akzeptabel oder gar allgemein verbindlich halten.

Spaemann möchte die sittlichen Grundüberzeugungen, die als Maßstab moralischen Handelns fungieren sollen, keiner weiteren Kritisierbarkeit mehr ausgesetzt wissen, jedenfalls "außerhalb des geschützten Raums der Wissenschaft" – und das vor allem ist es, was ihn von seinen Hauptgegnern unterscheidet. Denn ein Utilitarist würde behaupten, dass wir die von Spaemann verteidigten Intuitionen etwa hinsichtlich des Lebensschutzes zwar ausbilden und uns aneignen sollten, aber bereit sein müssen, sie in Grenzfällen auch kritisch zu überprüfen und nötigenfalls zu korrigieren. Für Spaemann hingegen gibt es Grenzen des Hinterfragens moralischer Selbstverständlichkeiten außerhalb der akademischen Diskussion; auf diese Grenzen spielt der Buchtitel an. Wer sie überschreitet, der verdiene nicht Argumente, sondern Zurechtweisung. Um dies zu bekräftigen, schreckt Spaemann vor dem Einsatz von Denunziationsrhetorik nicht zurück, so etwa, wenn er das Infragestellen moralischer Selbstverständlichkeiten außerhalb des Seminarraumes mit Himmlers Lob auf die Moralität der Judenmörder vergleicht.

Gleichwohl geht man aus der Lektüre des Buches belehrt und mit Gewinn hervor. Spaemann verzichtet auf unnötigen Jargon, schreibt in durchweg klarem und gut verständlichem Stil und spart nicht mit Beispielen. Von der einleuchtenden Kritik des ethischen Relativismus, den erhellenden Ausführungen über naturteleologisches Denken oder der Kritik am Friedensbegriff der Friedensbewegung – um nur einige Beispiele zu nennen – kann man auch dann profitieren, wenn man Spaemann in seinen Hauptthesen nicht folgt. Noch größer allerdings wäre der Gewinn aus der Lektüre gewesen, wenn Spaemann die Argumente seiner Gegner zur Kenntnis genommen und sich auf eine sachliche Auseinandersetzung mit ihnen eingelassen hätte.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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