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Großangriff auf die letzten Geheimnisse des Kosmos

Interview mit Prof. Dr. Massimo Tarenghi, VLT-Programmdirektor und Leiter der Teleskop-Division bei der Eso (München), über die europäischen Perspektiven der beobachtenden Astronomie


Spektrum der Wissenschaft: Welche Prioritäten sieht die Eso bei den neuen Observatorien?

Tarenghi: Wir sind überzeugt, dass die Astronomie bei Millimeter-Wellenlängen besonders vorangetrieben werden muss. Das Atacama Large Millimeter Array Alma ist deshalb für uns das wichtigste Projekt; wir werden damit einen Bereich der Energie-Erzeugung im Universum untersuchen, der bisher nicht abgedeckt war, und die physikalischen Mechanismen zu Beginn der Galaxienbildung aufklären.

Spektrum: Wie steht es mit dem sichtbaren Spektralbereich?

Tarenghi: Hier wollen wir die Vorteile der adaptiven Optik voll ausnutzen, um den Einfluss atmosphärischer Störungen auszuschalten. Das gilt natürlich zunächst für das VLT mit seinen vier 8-Meter-Spiegeln, an dem wir in einigen Jahren die adaptive Optik einsetzen werden.

Spektrum: Macht das Next Generation Space Telescope, das etwa 2010 in Betrieb gehen und gleichfalls einen 8-Meter-Spiegel enthalten soll, nicht erdgebundene Teleskope wie das VLT überflüssig?

Tarenghi: Wenn wir adaptive Optik am VLT einsetzen, sind die Instrumente vergleichbar. Im Infrarotbereich wird das NGST überlegen sein, aber im optischen Teil des Spektrums behält das VLT seine Bedeutung. In der Tat plant die Nasa das NGST primär für den Infrarotbereich, weil das Ziel nicht Konkurrenz, sondern sinnvolle Zusammenarbeit ist. Außerdem diskutieren wir jetzt schon über ein optisches Teleskop mit 100 Metern Spiegeldurchmesser. Der große Traum wäre es, damit extrasolare Planetensysteme – von denen wir bereits wissen, dass sie existieren – zu sehen und vielleicht sogar das Spektrum einzelner Planeten zu analysieren.

Spektrum: Wann planen Sie den Einsatz eines irdischen 100-Meter-Teleskops?

Tarenghi: Nach Eso-Vorstellungen könnte es um 2017 "First Light" geben. Der 100-Meter-Spiegel würde aus 2000 Segmenten bestehen. Pro Woche müssten also mehr als zwei Segmente hergestellt werden; das lässt sich mit der vorhandenen Technologie bewältigen. Die beim VLT erreichte Genauigkeit in der Spiegeloberfläche von sieben Nanometern ist auch für ein solches Projekt ausreichend.

Spektrum: Wird dies ein reines Eso-Projekt sein?

Tarenghi: Bei diesen Größenordnungen ist das nicht mehr möglich. Einer der Gründe, warum wir den "Club 100" gegründet haben, ist die Einleitung einer Zusammenarbeit mit anderen Partnern. Ich bin sicher, dass dies ein weltweites Projekt werden wird.

Spektrum: Zum Nachweis von Gravitationswellen – die bei starker Beschleunigung kosmischer Massen entstehen – wird es sowohl neue terrestrische Projekte wie das europäische Virgo als auch das amerikanische Weltraum-Interferometer Lisa geben. Was ist der aussichtsreichere Ansatz?

Tarenghi: Auch hier ergänzen sich terrestrische und Weltraum-Projekte, weil die Detektoren beispielsweise auf Wellen unterschiedlicher Frequenz ansprechen. Sowohl mit Virgo als auch mit dem Lisa-Weltrauminterferometer werden wir in einen Empfindlichkeitsbereich vorstoßen, der selbst dann einen Test unserer physikalischen Theorien ermöglicht, wenn noch keine Gravitationswellen nachgewiesen werden. Dennoch hoffe ich, dass wir bald derartige Wellen und durch gleichzeitige Beobachtungen elektromagnetischer Strahlung auch die Quelle – beispielsweise eine Supernova-Explosion – registrieren werden. Als Astronom wäre ich fasziniert, und für die physikalische Theorie wäre es eine grandiose Bestätigung.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2000, Seite 14
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 2000

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