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Aufnahmetechnik: Großer Film für kleines Geld

Digitale Kameras vereinfachen nicht nur die Dreharbeiten. Sie erleichtern auch die Finanzierung – ein Vorteil vor allem für die Independent-Szene.


Von der Idee zu einem Film bis zu seinem Start in den Kinos können bei einer großen Hollywood-Produktion Jahre ins Land gehen. Geldgeber müssen gefunden werden, die dann bei der Realisierung mitreden. Bei den Aufnahmen gelingen selten mehr als zwei bis sechs Minuten des späteren Films pro Tag, während das Einrichten der Beleuchtung, der Kamerafahrten und Positonsmarken Stunden dauern kann. Das Nachbearbeiten, die so genannte Postproduction, erfordert oft ein Digitalisieren der Filme und braucht eben auch seine Zeit.

Etwas einfacher hat es der Filmemacher der Independent-, also von den großen Studios unabhängigen Szene. Er benötigt keine Millionen-Budgets und kann seine Ideen in Eigenverantwortung umsetzen; freilich erreicht er auch ein kleineres Publikum. Die preiswerte digitale Videotechnik verspricht, seine Situation noch zu verbessern, denn sie schickt sich an, der konventionellen Aufnahme Konkurrenz zu machen. Selbst Handycams für den privaten Gebrauch liefern schon ansprechende Bilder; ihre qualitativen Mängel setzen unabhängige Filmemacher mitunter bewusst als atmosphärisches Mittel ein, wie etwa beim Kassenschlager "The Blair Witch Project" (1999): Den Film zu produzieren kostete 32000 Dollar, er spielte aber allein in den USA mehr als 140 Millionen ein.

Neben solchen Handycams gibt es professionelle Systeme wie digitale Betacams, die es mit dem 16-Millimeter-Film aufnehmen können, und seit dem letzten Jahr auch eine Konkurrenz zum 35-Millimeter-Film: Kameras für das so genannte HDCAM-Format zeichnen wie herkömmliche Filmkameras 24 Bilder pro Sekunde auf Video auf, nur eben digital (im Fachjargon bezeichnet man diese Technik als 24P). Allerdings ist die Auflösung bei diesem Videoformat nur halb so gut wie beim analogen Filmmaterial (siehe Anhang).

Vorteil Nummer Eins würde bei einem Studiofilm wohl unter "Peanuts" rangieren, schlägt bei Low-Budget-Produktionen aber schon zu Buche: Zelluloid ist eine teure Ressource. Für einen abendfüllenden Spielfilm in 35-Millimeter-Qualität belaufen sich die reinen Materialkosten auf etwa 50000 Mark (der Film ist im Durchschnitt 2500 Meter lang, die siebenfache Menge wird beim Dreh verbraucht).

Ein unabhängiger Filmemacher wird zu Anfang abschätzen, welches Budget er leicht aufbringen kann und welche Ausrüstung, Mannschaft und Schauspieler ihm zur Verfügung stehen, um seine künstlerische Idee umzusetzen. Vielleicht erst danach und diesen Vorgaben entsprechend entsteht das Drehbuch, ohne dass externe Finanziers hineinreden können. (Den "normalen" Ablauf einer Hollywood-Produktion schilderte Robert Altmans Satire "The Player" (1992): Ein sozialkritisches Drama über die Todesstrafe geriet aus kommerziellen Erwägungen letztlich zum Actionfilm mit Starbesetzung und Happy End.)

Der Gedanke, mit vorhandenen Ressourcen auszukommen, charakterisiert die Arbeit von Independent-Künstlern. So drehte der damals 22-jährige Robert Rodriguez seine Gangstersatire "El Mariachi" mit rund 7000 Dollar (Kinostart 1992). Darin schilderte er die Probleme eines Gitarristen, der in einer mexikanischen Grenzstadt für einen Killer gehalten wird (weil dieser seine Waffe in einem Gitarrenkoffer zu befördern pflegt).

Kreatives Sparen


Rodriguez besaß einen Hund und einen Schulbus, dementsprechend kam diesen beiden eine wichtige Rolle im Film zu (der Regisseur drehte wenig später gemeinsam mit Quentin Tarantino den Kult-Horrorfilm "From Dusk Till Dawn"). Kevin Smith nutzte für eine Komödie über das Erwachsen-Werden – "Clerks" ("Die Ladenhüter", 1994) – den Tante-Emma-Laden, in dem er selbst damals arbeitete.

Weil die Kosten für das Filmmaterial und seine Entwicklung wegfallen, darf eine digitale Kamera ruhig mal "auf Verdacht" mitlaufen. Ohne sein Budget zu strapazieren kann der Regisseur experimentieren, um eine Szene optimal umzusetzen. Selbst Aufnahmen während der Proben schlagen kaum zu Buche – manch eine mag sich im Nachhinein als besonders lebendig erweisen. Auch die Schauspieler profitieren: Wenn eine Einstellung nicht auf Anhieb gelingt, wird der Auftraggeber zumindest nicht aus finanziellen Gründen nervös. Zudem ist das Equipment so günstig zu leihen, dass sogar zwei Kameras gleichzeitig laufen können.

Damit nicht genug sind elektronische Kameras lichtempfindlicher als herkömmliche Filmemulsionen. Das vereinfacht die Ausleuchtung einer Aufnahme und kann die Einstellungen der Scheinwerfer deutlich verkürzen. Der Münchner Produzent und Kameramann Stefan Jonas drehte im letzten Jahr den ersten Kinofilm mit einer 24P-Kamera: "Rave Macbeth" versetzt die Shakesspeare-Tragödie in die Club-Szene (Budget: 3,3 Millionen Dollar, Kinostart 2001). Jonas kam nach eigenen Angaben mit der Hälfte des Lichtes aus, mit entsprechend reduzierten Kosten für Scheinwerfer und Beleuchter-Stunden. Insgesamt schätzt er die Einsparungen durch die Digitalkamera auf etwa 150000 Mark.

Ein weiterer Vorteil: das Ergebnis einer Aufnahme sieht der Regisseur nicht erst nach Tagen der Filmentwicklung, sondern sofort am Set. Das ist wohl unter künstlerischen Aspekten der entscheidende Vorteil dieser Technik. Er kann auch jederzeit Aufnahmen zurückspulen und entscheiden, welche Variante einer Szene es wert ist, sie weiter zu verfolgen – vorausgesetzt, er hat auch einen hochauflösenden Monitor zur Verfügung.

Film ist immer Fiktion, also ein Arrangement von Menschen und Situationen, das sich in der Wirklichkeit niemals so ergeben hat. Menschen agieren an Orten, die vielleicht nur aus gemalten Hintergründen (so genanntes Matte painting) und Miniaturmodellen bestehen, Objekte fliegen durch die Luft, während sich in Wahrheit eine computergesteuerte Kamera bewegt hat (so genanntes Motion control) und dergleichen mehr. Manchmal aber sucht ein Filmemacher gerade die wirkliche Welt statt der Inszenierung, weil er den dokumentarischen Charakter solcher Aufnahmen schätzt oder gar unbedingt braucht, um seine Vorstellungen zu verwirklichen.

Dafür bietet die unauffällige Videokamera vielfältige Möglichkeiten. Wohl in kaum einem anderen Film wird das so deutlich, wie in Paul Wagners "Windhorse" (US-Kinostart 1996). Die Story übt Kritik an der chinesischen Besetzung Tibets: Als eine buddhistische Nonne gegen ein Verbot protestiert, Bilder des Dalai Lama öffentlich zu zeigen, wird sie verhaftet und gefoltert. Jugendfreunde versuchen daraufhin unter großer Gefahr eine Videoaufnahme der Misshandelten außer Landes zu schmuggeln, um so die Verletzung der Menschenrechte in Tibet zu beweisen. Einen Großteil der Szenen drehte Wagner in Katmandu mit einer professionellen Digitalkamera, doch einige Aufnahmen gelangen in Lahsa selbst: Das Filmteam tarnte sich als Touristengruppe und benutzte – ohne Drehgenehmigung – eine kleinere digitale Videokamera.

Wer von Anfang an Filme in Bits und Bytes macht, senkt auch die beim Postprocessing entstehenden Kosten. Ob spektakuläre oder subtile Effekte gefragt sind oder schlicht ein guter Schnitt: Der Computer ist hier längst ein unentbehrliches Werkzeug geworden.

Im letzten Schritt einer Filmproduktion vor dem Vertrieb werden die Daten des fertigen Kunstwerks (oder auch eines Werbefilmes) wieder auf Zelluloid belichtet, um sie in den Kinos zu zeigen. Daran dürfte sich in naher Zukunft einiges ändern. Die Lichtspielhäuser werden nicht nur über digitale Filmprojektoren verfügen, die Informations- und Kommunikationstechnik bietet bereits neue Distributionswege an. Wenn es dem Produzenten nicht gelingt, einen Händler zu begeistern, der seinen Film in die Kinos bringt, reicht sein Mastervideo auch für Fernsehübertragungen via Kabel oder Satellit, außerdem für die Herstellung von Heimvideos, DVDs oder gar eine Verteilung über das Internet.

Insbesondere im Independent-Bereich könnten letztere Möglichkeiten für das Überleben dieser Kunstform von entscheidender Bedeutung sein. Denn mit den preiswerteren Produktionstechniken wird sich die Zahl der jährlich nicht für Hollywood gedrehten Filme bald verdoppeln – zumindest in den USA. Das dürfte ihren Vertrieb in die Kinos noch schwieriger machen. Doch jeder Cineast mit einem Internetanschluss kann sich einen Trailer online ansehen und das entsprechende Video zuschicken lassen. Und wenn in einigen Jahren der Breitbandzugang Standard wird, sind auch komplette Downloads oder Online-Betrachtung (Video-Streaming On Demand) möglich. Mittlerweile gibt es im World Wide Web bereits Anbieter für Kurzfilme, von denen manche eigens für dieses Medium gedreht wurden (einige davon mit wirklichen Schauspielern und anderen Themen als Sex und Gewalt. Die Redaktion). Die geringere Auflösung des Bildschirms senkt die Anforderungen an die Aufnahmetechnik und damit wieder die Produktionskosten.

Hollywood selbst wird noch eine Weile brauchen, bis es diese Techniken in vollem Umfang und selbstverständlich nutzt. Auch wenn George Lucas die nächsten Folgen der "Star Wars"-Trilogie digital drehen will – die großen Studios haben erhebliche Mittel in einen Produktionsprozess investiert, der über Jahrzehnte Standard war. Die Diskussion, ob das Zelluloid "tot" ist, wird denn weltweit heftig geführt – wer sein Geld in die falsche Technik steckt, kann leicht vom Markt verschwinden.

Unabhängige Filmemacher hingegen profitieren. Ihnen geben digitale Werkzeuge mehr Raum für Kreativität und Spontaneität. Letzten Herbst fragte ich einen Regisseur, wann er seinen Film beenden wird. Er antwortete: "Heute Nacht, wenn es regnet."


Der Dreh mit dem Chip


Digitalkameras nehmen Bilder elektronisch, mit so genannten CCD-Chips auf. Die binären Daten werden auf einem Videoband gespeichert. Über ein spezielles Kabel werden sie einem Computer übertragen und dann ohne Qualitätsverlust bearbeitet. Um den fertigen Film in einem gewöhnlichen Kino zu zeigen, muss man ihn auf Zelluloid belichten. Als George Lucas verkündete, dass die zweite und die dritte Folge der neuen Krieg-der-Sterne-Trilogie mit hochauflösenden Kameras gedreht werde, spornte er die Unternehmen Sony und Panavision an, neue Digitalkameras zu entwickeln. Die haben ungefähr die doppelte Auflösung ihrer Vorgänger und nehmen wie eine herkömmliche Kamera 24 Einzelbilder pro Sekunde auf (24P-Verfahren). Die dahinter stehende HDCAM-Technik ist übrigens ein Derivat des Standards für hochauflösendes Fernsehen, HDTV (High definition television).


Bewährt: Computer und Chemielabor


Eine traditionelle Filmkamera nimmt 24 Bilder pro Sekunde auf. Dabei fällt das Licht auf einen 16- oder 35-mm-Film auf Acetatbasis. Er trägt drei Schichten Silberhalogenid-Emulsion, die jeweils für Rot, Grün oder Blau empfindlich sind. Nach dem Entwickeln tastet eine so genannte Telecine-Maschine die Negative ab und legt die binären Daten auf einem Videoband oder einer Festplatte ab. Für den Schnitt verwendet man dann ein Computersystem, Marktführer ist die Firma AVID. Die Informationen über die Schnittfolge werden in einer EDL (edit decision list) erfasst, die genau festlegt, welche Teile des Original-Negativs in welcher Reihenfolge verwendet werden. Das Negativmaterial wird anhand dieser Liste geschnitten, der fertige Film wird auf ein Positiv kopiert, von dem dann in Kopieranstalten für die Distribution in den Kinos Kopien gezogen werden.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001, Seite 89
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001

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