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Grotte Chauvet. Altsteinzeitliche Höhlenkunst im Tal der Ardèche.

Aus dem Französischen
von Kathrin Wüst.
Thorbecke, Sigmaringen 1995.
120 Seiten, DM 68,-.

Die Reihe "Speläo" des Thorbecke-Verlags bietet Zugang zu zwei Bilderhöhlen, die in der Realität der Öffentlichkeit verschlossen sind – vielleicht für immer. Herausgeber ist Gerhard Bosinski, Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte in Köln und Leiter der Forschungsstelle Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentralmuseums auf Schloß Monrepos bei Neuwied, einer der führenden Altsteinzeitforscher Europas.

Die erst 1994 entdeckte Grotte Chauvet an der Ardèche (Speläo-Band 1) kommt an Reichtum und Qualität der Darstellungen der weltberühmten Höhle von Lascaux bei Montignac im Département Dordogne gleich. Beide Höhlen sind aus konservatorischen Gründen für den Tourismus gesperrt; zu Lascaux gibt es seit 1983 eine Kopie im Maßstab 1:1 gleich nebenan. Nach dem Stil der Bilder – vor allem schwarze und rote Malereien, daneben auch Gravierungen – gehören Chauvet und Lascaux in dieselbe Entstehungzeit vor etwa 20000 Jahren. Jean Clottes, derzeit Doyen der französischen Höhlenkunstforschung, begründet diese Einordnung in seinem Nachwort zu dem Chauvet-Band.

Nach Erscheinen dieses Buches ergab eine Radiokohlenstoff-Datierung der Holzkohle, die den prähistorischen Künstlern von Chauvet als schwarzer Farbstoff diente, ein Alter von 30000 bis 32000 Jahren. Die Bilder wären damit zusammen mit denen auf Kalksteinplatten aus der Apollo-11-Grotte in Namibia die ältesten der Welt. Der Erlanger Felskunstexperte Christian Züchner wies kürzlich im "Jahrbuch Quartär" (Band 45/46, Seiten 221 bis 226, 1995) darauf hin, daß dieser sensationelle Befund unser Wissen über die altsteinzeitliche Kunst auf den Kopf stellen würde – wenn es sich wirklich um korrekte Altersangaben für die Malereien handelte. Bestimmte eigentümliche Darstellungsweisen, etwa von Pferden mit massigen Körpern und kurzen Beinen, müßten dann in Südfrankreich zweimal erfunden – oder über mehr als 10000 Jahre hinweg tradiert – worden sein, ebenso die Idee, durch teilweise Drehung der Ansicht in typischer Weise eine Art perspektivischer Tiefe zu erzeugen. Die Wisente von Chauvet zum Beispiel sind entweder in Frontal- oder Dreiviertelansicht mit zum Betrachter gewandtem Gehörn wiedergegeben – Kunstgriffe, wie sie in gleicher Weise bei Wisenten, Auerochsen und Pferden zum Beispel in Lascaux und in zeitgleichen Fundstellen wie Altamira und Font-de-Gaume vorkommen.

Wie ist dieser Widerspruch zwischen stilistischer Beurteilung und physikalischer Messung aufzulösen? Genaugenommen wurde ja nur die Farbsubstanz schwarzer Bildelemente datiert. Das Ergebnis muß also nicht unbedingt den Zeitpunkt angeben, zu dem tatsächlich gemalt wurde. Haben die Künstler von Chauvet irgendwo 10000 Jahre alte Holzkohle aufgelesen und benutzt? Die Erforschung der Grotte hat eben erst begonnen; noch jagt eine These die andere.

Die Bilder selbst sind auf großformatigen Farbtafeln dokumentiert. Ungewöhnlich für die paläolithische Kunst sind die vielen Raubtierdarstellungen: Höhlenbären, Panther, Höhlenlöwen und möglicherweise auch eine Hyäne. Höhlenbären waren auch selbst in der Höhle, wie typische Kratz- und Scheuerspuren an den Wänden und zahlreiche Knochenreste zeigen. Einzeln liegt ein Höhlenbärenschädel auf einem Felsblock – haben Steinzeitmenschen ihn dort absichtlich hingelegt? Auch Nashorn und Mammut sind dargestellt – gefährliche Tiere, die zweifellos nicht zur gewöhnlichen Beute des Menschen gehörten, wenn überhaupt. Wie sonst kaum je in der paläolithischen Höhlenkunst sind in der Grotte Chauvet die bevorzugten Jagdtiere in der Minderzahl: Ren und Pferd, daneben Wisent und Steinbock, Riesenhirsch und Auerochse.

Vermittelt der Text des Bandes über die Grotte Chauvet erste Impressionen einer Entdeckung (den größten Teil des Textes nimmt ein Erlebnisbericht darüber ein), so bietet der spanische Archäologe Jesús Altuna in seinem Buch über die Höhlen von Ekain und Altxerri (Speläo-Band 3) Ergebnisse aus mehr als drei Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit. Systematisch wird der Leser in Landschaft und Kultur des Baskenlandes eingeführt. Ekain und Altxerri liegen im nördlichen, durch atlantisches Klima geprägten Landesteil.

Altuna informiert über Fragen und Forschungsansätze seiner Diziplin, stellt die beiden Höhlen in ihren kulturgeschichtlichen Zusammenhang (unter anderem mit einer Zeittafel, in der die Grotte Chauvet schon mit ihrer Radiokohlenstoff-Datierung eingetragen ist) und schildert die Lebensbedingungen der späteiszeitlichen Jäger und Sammler. In Ekain haben sie nicht nur die Felsmalereien – vor allem vom Pferd, ferner von Wisent, Steinbock, Hirsch, Bär, Nashorn und zwei Fischen – hinterlassen, sondern auch Überreste ihrer Aktivitäten, vor allem Tierknochen und Steinartefakte. Dabei zeigt sich, daß die Tierbilder zwar häufig Jagdtiere wiedergeben, jedoch in ganz anderen Zahlenverhältnissen, als die Menschen sie damals erbeuteten: Bei den Ausgrabungen fanden sich vor allem Relikte von Hirsch und Steinbock. Wohl ist den Bildern nach ihren Motiven ein Bezug zur Jagd kaum abzusprechen – Reportagen aus der Steinzeit sind sie aber sicherlich nicht.

Das womöglich fundhaltige Sediment von Altxerri wurde bislang nicht ausgegraben. Die Felsbilder (zumeist Gravierungen) zeigen vor allen anderen Tierarten Wisente, außerdem Ren, Steinbock, Pferd, Hirsch, Auerochse, Gemse, Fuchs, Fische, einen Vogel und eine Schlange.

Die rund 14000 Jahre alten Malereien und Gravierungen in den baskischen Höhlen sind durch Farbphotos dokumentiert und eingehend beschrieben. So lassen sich die Darstellungen Detail für Detail entziffern, und man erfährt selber, wie aus Ritzlinien und Pigmentspuren oft erst nach langer Betrachtung das Bild eines Tieres oder ein abstraktes Zeichen ersteht. Ähnlich muß es den Menschen damals auch ergangen sein. Man ahnt, daß der Prozeß des allmählichen Erkennens – unserer visuell überfluteten Welt so fremd – einst ebenso zum Umgang mit Bildern gehörte wie das Malen oder Zeichnen selbst. Altunas Buch wird so zu einer Schule des Sehens – wo gibt es das sonst zwischen zwei Buchdeckeln?



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997

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