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Sinne: Haben Menschen einen Magnetsinn?

Ob Zugvögel, Bienen, Schaben oder Bakterien – zahlreiche Lebewesen können das Magnetfeld der Erde spüren. Ob auch Menschen diese Fähigkeit besitzen – oder einmal besessen haben –, ist unter Experten umstritten. Neue Hinweise darauf, dass zumindest unsere Neurone auf Magnetfelder reagieren, präsentieren nun Forscher um Joseph Kirschvink vom California Institute of Technology in Pasadena.

Die Wissenschaftler setzten 24 Männer und 12 Frauen in einer abgeschirmten Versuchskammer verschiedenen schwachen Magnetfeldänderungen aus und maßen gleichzeitig die Hirnwellen der Teilnehmer per Elektroenzephalografie. Dabei achteten sie auf ereigniskorrelierte Desynchronisationen in den EEG-Wellen: Solche Abweichungen deuten Neurophysiologen als Hinweis darauf, dass Hirnzellen auf eine Veränderung reagieren. Die magnetische Stimulation rief tatsächlich eine regelmäßige Aktivität der Neurone hervor: Bei einigen Probanden war ein deutlicher Abfall der Alpha-Oszillation zwischen 8 und 13 Hertz zu beobachten, wenn die Ausrichtung des künstlichen Magnetfelds auf eine bestimmte Weise horizontal gekippt wurde.

Nur ein dem Erdmagnetfeld in Stärke und Polarität ähnliches Feld reizte die Neurone zur Reaktion – und nur ein bestimmtes horizontales Abkippen in Nord-Süd-Richtung. Dies sei eine Folge der Anpassung an das Leben auf der Nordhemisphäre der Erde, meinen die Forscher: Bei Probanden auf der Südhemisphäre sollte sich das entgegengesetzte Phänomen beobachten lassen, was Versuche aber erst noch bestätigen müssen.

Die Versuchspersonen waren sich ihrer magnetischen Sensibilität nicht bewusst, wurden jedoch auch nicht dazu angehalten, auf Sinnesreize zu achten. Sicherlich könnten die Reaktionen der Neurone im Prinzip eine Orientierung über die Nordrichtung vermitteln. Unklar ist aber, ob dies für den Menschen im Lauf seiner Evolution eine Bedeutung hatte oder hat – oder ob das Potenzial ungenutzt bleibt und womöglich ein Überbleibsel aus der Entwicklungs­geschichte aller Zellen ist.

6/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 6/2019

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  • Quelle
eNeuro 10.1523/ENEURO.0483-18.2019, 2019