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Haben Tiere ein Bewußtsein? Wenn Affen lügen, wenn Katzen denken und Elefanten traurig sind


Der Journalist Volker Arzt, einem breiten Publikum bekannt durch Fernsehserien wie "Achtung, lebende Tiere", und der Ethologe Immanuel Birmelin haben ein Buch vorgelegt, das sich mit Verstandesleistungen und Gefühlen bei Tieren auseinandersetzt. Arzt, von dem der Löwenanteil dieses Buches stammt, lehnt sich nicht nur thematisch, sondern auch inhaltlich, ja sogar sprachlich sehr eng an seine erfolgreiche Fernsehserie "Naturzeit" an. Sein Koautor hat ihn zwar offensichtlich beraten, konzentriert seine eigenen Ausführungen über die Tierhaltung in Zirkus und Zoo jedoch auf ganze 50 Seiten.

Soll nun der Fernseh-Erfolg durch dieses Buch, geschrieben mit einem Zoologen, der für Seriosität bürgt, weiter vermarktet werden? Das ist allgemein üblich, verständlich, weder unfein noch sonst irgendwie zu beanstanden. Nur sind Bücher zu Fernsehreihen oftmals recht langweilig zu lesen, weil der Schritt vom Visuellen zum Buch mißlungen ist.

Das trifft hier nur bedingt zu: Man sieht zwar gleichsam in jeder Zeile den Fernsehjournalisten reden, seine Gesten zu diesem und jenem Satz drängen sich geradezu auf. Wer aber Arzt und seine Art der Wissensvermittlung mag, wird daran keinen Anstoß nehmen und den Stil sogar schätzen. Für andere, mich einbezogen, klingt etliches zu oberlehrerhaft, zu dick mit dem Stempel "Didaktik der Biologie" versehen.

Zum Inhalt: Nach einem kurzen historischen Abriß, der sich mit Zoologie, Tierpsychologie, dem Behaviorismus, der Ethologie und dem tierischen Bewußtsein auseinandersetzt, geht es um die Frage, ob Tiere (quer durch die Systematik) denken können und ob sie Gefühle und ein Ich-Bewußtsein haben. Das alles liest sich durchaus spannend, ist logisch aufgebaut und verliert den roten Faden auch nicht – trotz der vielen Anekdoten.

Das Buch ist meines Erachtens nur für eine relativ begrenzte Zielgruppe geeignet – für die jedoch ist es ausgezeichnet. Ich würde dieses Buch Schülern, Biologiestudenten der ersten Semester und interessierten Laien sehr empfehlen. Wer sich jedoch auch nur etwas mit der Verhaltensbiologie auseinandergesetzt hat, ermüdet rasch durch die sattsam bekannten Beispiele, die zudem sehr genau, humorvoll, eben anekdotisch wiedergegeben werden (so wie man sie kennt, so wie man sie dann beinahe etwas angstvoll erwartet). Das geht von der Graugans Martina, die den Verhaltensforscher Konrad Lorenz als Ersatzmutter annahm, über den Klugen Hans, ein Pferd mit anscheinend unglaublichen Rechenfähigkeiten, bis zu den Kölner Schimpansen Wolfgang Köhlers, die auf die Idee kamen, Kisten zu stapeln, um an hoch aufgehängte Bananen zu kommen. Auch die Geschichte, die Lorenz von dem Juwelenfisch mit dem Wurm und dem Jungtier im Maul erzählt hat, fehlt nicht. Dazwischen gibt es immer wieder Gelegenheitsbeobachtungen an Haus- und Wildtieren, die durchaus anregend sein mögen, dennoch allgemein bekannte, einfache Beispiele sind, die auch nicht recht weiterbringen. Denn schließlich verspricht das Buch ja neue Denkansätze, die durch neueste Forschungsergebnisse aus der Verhaltensbiologie bestätigt worden sein sollen.

Einige neue Arbeiten werden vorgestellt; ihre wirklich erregenden Ergebnisse verlieren sich aber irgendwie in den Anekdoten, den Geschichten über den Kater, den Hund oder die Leistungen der Tiere von Bekannten. Vielleicht geht es mir wie dem Autor: Er findet sich auch nicht so zurecht, schien mir beim Lesen. So vermittelt er zunächst mit jedem Satz, er sei fest davon überzeugt, ja, es liege auf der Hand, daß Tiere ein Bewußtsein haben. Dann folgt die Warnung vor der Anthropomorphisierung, dem Extrapolieren eigener Motivationen auf die der Tiere und so weiter – und dann steht der Leser etwas im Regen. Am Beispiel der nächsten Geschichte wiederholt sich dieses Vorgehen. Zum Schluß wird alles etwas konkreter, aber viel Neues habe ich nicht erfahren.

Das gilt keineswegs für den Abschnitt, den Immanuel Birmelin geschrieben hat. Da gibt es viele Anregungen und Aufforderungen zum Widerspruch. Mich haben diese Seiten vollends versöhnt. Die Kapitel sind kenntnisreich; Sachverhalte, die nur zu leicht emotional in die eine oder andere Richtung verzerrt werden, sind hier sehr abgewogen und behutsam gezeichnet. Vieles daraus hat mich zum Nachdenken über unser Verhältnis zum Tier angeregt – und überzeugt.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1994, Seite 134
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 1994

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 1994

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