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Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften: Handel mit der Ungewissheit

Die drei Preisträger legten das Fundament zu einer allgemein gültigen Theorie über Märkte, bei denen die Parteien unterschiedlich genaue Informationen über die Qualität des Handelsguts haben.


Bei einem Handel kennt oft die eine Partei die Qualität des Produktes oder der Dienstleistung genauer als die andere (Spektrum der Wissenschaft 4/1991, S. 48). George A. Akerlof, Jahrgang 1940 und seit 1980 Professor an der Universität von Kalifornien in Berkeley, analysierte als Erster, welch heikle Konsequenzen ein solcher Fall von "asymmetrischer Information" für das Funktionieren des Marktes hat. Für diese Pioniertat wurde er jetzt mit dem Wirtschafts-Nobelpreis geehrt.

Als Beispiel wählte Akerlof den Gebrauchtwagenmarkt. Der Verkäufer eines Altautos kennt dessen Qualität genau; dagegen hat der Käufer nur geringe Möglichkeiten, Auskunft darüber zu bekommen (Probefahrt, Wartungsheft). Der Marktpreis für Gebrauchtwagen hängt daher von der Qualität eines durchschnittlichen Exemplars ab, das zum Kauf angeboten wird.

Nehmen wir an, die Besitzer guter Autos trennen sich nur von ihrem Fahrzeug, wenn sie mindestens DM 20000,- erhalten, wohingegen sich die Eigentümer schlechter Autos – Akerlof bezeichnete solche defekten Produkte mit hohen Reparaturkosten in seinem klassischen Artikel von 1970 als "lemons" ("Zitronen") – schon mit DM 10000,- zufrieden geben. Die Käufer wären bereit, maximal DM 24000,- für einen einwandfreien fahrbaren Untersatz auszugeben und DM 12000,- für einen mangelhaften.

Bei vollkommener Information würden also gute Autos zu einem Preis zwischen DM 20 000,- und DM 24 000,- den Besitzer wechseln und schlechte für DM 10 000,- bis 12 000,-. Ein Tausch kommt zu Stande, und der Markt funktioniert.

Bei asymmetrischer Information erwartet der Käufer dagegen nur eine durchschnittliche Qualität. Entsprechend wird er höchstens DM 18 000,- ausgeben, wenn er davon ausgehen muss, dass gute und schlechte Stücke gleich häufig, aber für ihn nicht unterscheidbar sind (0,5 x 24 000 + 0,5 x 12 000). Die Besitzer mangelhafter Wagen würden damit überhöhte Preise erzielen, die Eigentümer guter Autos dagegen Verluste machen und ihre Fahrzeuge deshalb vom Markt nehmen. Das senkt die durchschnittliche Qualität und den Preis der verbliebenen Gebrauchtwagen.

Daraufhin ziehen sich auch Besitzer von Autos, deren Qualität über dem nun gesunkenen Mittelwert liegt, aus dem Markt zurück. Die Folge ist, dass durchschnittliche Güte und Preis der noch angebotenen Gebrauchtwagen weiter fallen. Diese Spirale setzt sich fort, bis nur noch Wagen der niedrigsten Qualitätsstufe zu einem entsprechend geringen Preis verkauft werden. Im Endergebnis haben schlechte Fahrzeuge die hochwertigen aus dem Markt gedrängt – ein als adverse Selektion (negative Auswahl) bezeichnetes Phänomen. Gute Wagen werden nicht gehandelt, obwohl es durchaus Käufer gäbe, die mehr dafür zahlen würden, als die Besitzer verlangen.

In seinen bahnbrechenden Arbeiten zeigte Akerlof auf, dass asymmetrische Informationen ein weit verbreitetes Problem sind. Wie er nachwies, lassen sich damit so unterschiedliche Missstände erklären wie die Wucherzinsen auf lokalen Kreditmärkten in Entwicklungsländern, die Schwierigkeiten Älterer, eine erschwingliche private Krankenversicherung abzuschließen, oder die Diskriminierung von Minderheiten auf den Ar-beitsmärkten.

Glaubhafte Signale für Qualität

In vielen Fällen können allerdings die Anbieter eines Wirtschaftsgutes dem geschilderten Marktversagen erfolgreich entgegenwirken. Dies zeigte der zweite Laureat: A. Michael Spence, Jahrgang 1943 und von 1990 bis 1999 Professor an der Stanford-Universität (Kalifornien). Demnach unternimmt die besser informierte Marktseite große Anstrengungen, Qualität zu signalisieren. Der Besitzer eines guten Autos kann beispielsweise eine Gewährleistung über 20000 Kilometer oder eine Rücknahmegarantie geben. Dies ist ein glaubhaftes Signal und trennt die hochwertigen von den schlechten Gebrauchtwagen, weil deren Eigentümer sich hüten werden, für eventuelle Mängel einzustehen.

Mittlerweile haben sich viele Signale etabliert, welche die Informationsasymmetrie verringern. Dazu gehören Markennamen oder Ketten (von Kaufhäusern, Restaurants, Hotels und so weiter). Auch Werbung erfüllt letztlich eine Sig-nalfunktion: Selbst wenn sie das Blaue vom Himmel verspricht, zeigt sie zumindest, dass der Anbieter sein Produkt schon erfolgreich unter die Leute gebracht hat; denn sonst könnte er sich die hohen Werbeausgaben nicht leisten. Auf dem Kapitalmarkt sollen Dividendenzahlungen Anleger davon überzeugen, dass der Vorstand die Gewinnentwicklung des Unternehmens positiv beurteilt.

Spence entwickelte seine Ideen über die Bedeutung von Signalen am Beispiel der Ausbildung und deren Kosten. Da der Personalchef die angeborenen Fähigkeiten eines Bewerbers nur schwer direkt erkennen kann, vertraut er auf Einstellungstests – und Ausbildung ist gewissermaßen ein solcher Test. Wer ein Diplom vorweisen kann, dokumentiert damit seine prinzipielle Eignung für anspruchsvolle Positionen, die entsprechend gut dotiert sind. Da weniger Talentierte zu hohe Ausbildungskosten (eine zu lange Studiendauer) hätten, werden sie das Signal nicht erwerben. Die Ausbildung und deren Kosten scheiden also die Begabten von den weniger Befähigten und überwinden damit das Problem der asymmetrischen Information. Wenn allerdings bei niedrigen Ausbildungskosten alle das Signal (das Abitur oder ein Diplom) erwerben können, verliert es seinen Wert, weil es die beiden Gruppen nicht mehr separiert.

In seinem Grundmodell unterstellt Spence sogar, dass Ausbildung die Fähigkeiten nicht erhöhen muss, um als Signal erfolgreich zu sein. Sie zeige nur, dass der Bewerber eine Hürde genommen hat, die anderen zu hoch erscheint. In der Tat dürfte sich manch ein Bewerber mit Diplom an die Worte seines Chefs erinnern, er könne getrost alles vergessen, was er gelernt habe – er brauche diese Kenntnisse im Berufsleben ohnehin nicht. Demnach sind die Ausbildungskosten eigentlich eine Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen; dennoch müssen sie aufgebracht werden, um eine angeborene Fähigkeit zu signalisieren. Märkte können demnach erstaunlich ineffizient sein.

Der dritte Nobelpreisträger – Joseph Eugene Stiglitz, Jahrgang 1943 und seit 2000 Professor an der Columbia-Universität in New York – interessierte sich vor allem dafür, wie die schlechter informierte Partei sich an die Marktsituation anpassen kann. Paradebeispiel dafür sind Versicherungsunternehmen. Sie wissen sehr viel weniger als der Versicherungsnehmer über dessen Gesundheitszustand oder Risikotyp. Verlangen sie nun durchschnittliche Einheitsprämien, schließen Personen mit geringem Gefährdungsgrad eventuell keinen Vertrag ab, sondern tragen das Risiko lieber selbst. Die Versicherungsgesellschaft macht dadurch Verluste und muss die Prämie erhöhen. Das schreckt auch Personen mit etwas höherem, aber immer noch relativ niedrigem Risiko ab. Folglich muss die Prämie abermals erhöht werden – ein Teufelskreis wie bei den Gebrauchtwagen.

Eine restriktive Lösung ist die gesetzliche Pflichtversicherung für alle – in Deutschland etwa die Kranken-, Alters- und Arbeitslosenversicherung. Alternativ können die Versicherungen aber auch individuell zugeschnittene Verträge anbieten. Dazu brauchen sie freilich Informationen über die unterschiedlichen Risiken ihrer Kunden. So ist es beim Abschluss einer Kraftfahrzeugversicherung heute üblich, die Prämien anhand von überprüfbaren Angaben wie dem Vorhandensein einer Garage oder der jährlichen Kilometerleistung zu bemessen. Bei einer Auslandskrankenversicherung wird nach dem Alter gefragt oder bei einer Haftpflichtversicherung nach dem Beruf.

Wie Versicherungsnehmer ihr Risiko zwangsläufig verraten

Eine subtilere Strategie besteht darin, sowohl Verträge mit hoher als auch solche mit geringerer Prämie, aber einer Selbstbeteiligung an den Kosten im Schadensfall anzubieten. Versicherungsnehmer mit niedrigen und hohen Risiken offenbaren sich dann selbst. Erstere wählen den Versicherungsvertrag mit Selbstbeteiligung, da sie es für unwahrscheinlich halten, dass der Versicherungsfall eintritt, während Letztere die volle Abdeckung des Schadens beanspruchen.

Unter unzureichender Information leiden auch Kreditinstitute. Sie behelfen sich, wie Stiglitz darlegte, unter anderem durch Abweichung von dem ehernen Prinzip, wonach Angebot und Nachfrage den Preis einer Ware – in diesem Falle die Zinsen für einen Kredit – bestimmen. Bei erhöhter Nachfrage nach Krediten können die Banken nämlich nicht einfach den Preis (Zins) erhöhen, wie dies auf den Gütermärkten der Fall ist. Denn dann würden sie überwiegend Kreditnehmer anziehen, die sich von hohen Zinsen nicht abschrecken lassen, weil sie diese ohnehin nicht bezahlen können oder wollen. Deshalb rationiert die Bank lieber die Kredite und sichert sich im Einzelfall zusätzlich über Bürgschaften, Nebensicherheiten und Erfahrungen über die "Kredithistorie" des betreffenden Kunden ab.

Bei der anwendungsorientierten Denkweise der diesjährigen Nobelpreisträger überrascht es nicht, dass sie mit einem Fuß in der Wirtschaft oder Politik stehen. Spence ist Partner von Technologiegesellschaften im Silicon Valley und trat 1999 als Dekan der Stanford Graduate School of Business zurück, um mehr Zeit für seine privatwirtschaftliche Tätigkeit zu haben. Stiglitz ließ sich 1992 von der Stanford-Universität beurlauben, wurde Wirtschaftsberater von Präsident Bill Clinton und war von 1995 bis 1999 Chefökonom der Weltbank.

Elemente der Signaltheorie finden sich übrigens auch beim Wettbewerb der amerikanischen Spitzenuniversitäten um zahlungskräftige Studierende. Beispiels-weise verkündet Stanford stolz, dass 16 Nobelpreisträger mit der Universität assoziiert sind – und signalisiert damit eine hohe Qualität ihrer Ausbildung. Allerdings übersieht die kalifornische Hochschule dabei geflissentlich, dass Spence seine Dissertation "Market Signaling" (1974) an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) geschrieben hat, wo er bis 1990 lehrte. Sein Doktorvater war Kenneth Arrow, der 1972 den Nobelpreis erhielt. Auch er verließ Harvard und erhöhte die Zahl der Nobelpreisträger in Stanford.

Als Trost und Ermutigung für junge Wissenschaftler sei noch am Rande erwähnt, dass die Studie von Akerlof über "The Market for Lemons" von den Gutachtern zweier renommierter amerikanischer Fachzeitschriften abgelehnt wurde, bevor die Dritte sie schließlich veröffentlichte.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2001, Seite 24
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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