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Milzbrand: Heimtückischer Stratege

Sobald der Erreger des Milzbrands den Körper überschwemmt, ist eine Rettung kaum mehr möglich. Wie überlistet Bacillus anthracis das Immunsystem? Trotz der neuesten Erkenntnisse birgt sein ausgefeiltes strategisches Vorgehen noch immer einige Rätsel.


Im Jahr 1842 erblickte der französische Tierarzt Mamert Onésine Delafond (1805-1861) wohl als einer der Ersten jene Geißel, die damals das Vieh noch oft binnen Tagen dahinraffte: Unter seinem Mikroskop entdeckte er im Blut von erkrankten Tieren kleine Stäbchen. Aber er verwarf den Gedanken, die Verursacher dieser damals noch recht häufigen Tierseuche vor sich zu haben. Erst Jahrzehnte später erkannten sein Landsmann, der Mediziner Casimir-Joseph Davaine (1812-1882), und der deutsche Arzt Robert Koch (1843-1910), dass diese auffälligen Partikel Krankheitskeime sind, die Tier und Mensch mit Milzbrand infizieren können. Koch nannte den Erreger Bacillus anthracis. Er klärte auch den Lebenszyklus dieses Bakteriums auf (siehe den vorigen Artikel), das als Spore im Boden oder in Tierfellen jahrzehntelang überdauern kann, sich aber nur in Säugetieren vermehrt.

Doch erst jetzt erkennen Wissenschaftler das wahre Gesicht des Erregers. Sie beginnen zu verstehen,

- wie es dem Milzbrand-Bazillus gelingt, sich fast unbemerkt vom Immunsystem im Körper zu verbreiten,

- wie er seine Gifte in die Zellen einschleust und

- wie diese verheerenden Stoffe aussehen und wirken.

Zwar gibt es gegen Milzbrand Impfstoffe, und im Frühstadium lässt sich eine Infektion mit Antibiotika bekämpfen. Wird die Erkrankung aber nicht sofort erkannt – weil die Symptome anfangs denen einer Grippe oder Darmverstimmung ähneln – und überschwemmen die Toxine schon die Körperzellen, kommt oft jede Hilfe zu spät. Die Erforschung des molekularen Geschehens soll Wege eröffnen, bereits erkrankte Menschen und Tiere zu retten.

Solche Studien werden seit den achtziger Jahren vorangetrieben, weil der Milzbrand-Bazillus als biologische Waffe von Militärmächten sowie in den letzten Jahren auch von Terrororganisationen eine Bedrohung darstellt (siehe auch Seite 34, und: "Milzbrand: Nur der Anfang?" SdW 12/01, S. 86; "Zwischen Massenpanik und Massenmord", SdW 1/2002, S. 93).

Von allen Bazillen dieser Gruppe, die für den Menschen gefährlich werden können, ist eine Infektion durch Bacillus anthracis am meisten zu fürchten. Die Zellen sind für Bakterien recht groß: Sie werden bis zu 10 m (Mikrometer, tausendstel Millimeter) lang und etwa 1 m dick. Sie keimen aus den sehr widerstandsfähigen Sporen aus, wenn diese in ein Säugetier gelangen.

Um sich im Wirtsorganismus zu behaupten, hilft dem Erreger eine äußere Kapsel, welche die für Bakterien übliche Zellwand und unter ihr befindliche Zellmembran umkleidet und die Zelle zusätzlich schützt. Die Kapsel – aus langen Filamenten eines Polymers der Gamma-D-Glutaminsäure – hüllt das Bakterium wie ein Pelzmantel ein.

Diese Schutzhülle, die im Jahre 1903 das erste Mal beschrieben wurde, ist für krankheitserregende Bakterien charakteristisch. Sie verhindert, dass die Makrophagen, Fresszellen des Immunsystems, den Eindringling beseitigen. Hinzu kommt, dass die langen Filamente die Antikörperbildung durch das Immunsystem kaum anregen. So kann sich der Erreger fast ungestört vermehren.

Mehrfacher Schutzwall

Zwischen Kapsel und Zellwand liegt beim Milzbrand-Erreger außerdem eine so genannte S-Schicht. Dies kommt bei kapselbewehrten Bakterien selten vor und ist in dem Fall eine Besonderheit von Bacillus anthracis. Seine S-Schicht besteht aus einer Lage zweier so genannter Glykoproteine, die sich kristallartig als Sechs-ecke zusammenlagern. Ob diese Schicht dem Milzbrand-Erreger seine Form gibt, ob sie als Filter für Moleküle dient oder ob sie die Aggressivität – die so genannte Virulenz – des Bazillus erhöht, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich steigert sie seine Widerstandsfähigkeit gegen Angriffe des Immunsystems. Diese Schicht hat aber keinen Einfluss darauf, in welcher Dosis der Erreger tödlich wirkt.

Jedes der beiden Proteine für sich kann eine S-Schicht bilden. Das eine stellen die Zellen des Milzbrand-Bazillus anfangs her, während sie sich bei einer Infektion zunächst rasch vermehren. Später, wenn sie aufhören, sich zu teilen, wird dieses nach und nach durch das andere Protein ersetzt. Der Sinn dieses Verhaltensmusters ist allerdings noch nicht aufgeklärt. Bacillus anthracis ist das einzige bekannte Bakterium, das diese beiden Moleküle herstellt.

Völlig anders als die aktiven Bakte-rien sehen die Sporen aus, der Dauerzustand, in dem der Bazillus widrige Zeiten übersteht, zum Beispiel Nahrungsmangel überbrückt, aber auch hohe Temperaturen, ultraviolette Strahlung und viele aggressive Chemikalien aushält. Zur Sporenbildung, die in dem Fall vollständig innerhalb der Bakterienzelle abläuft (man spricht deshalb von Endosporen), braucht der Erreger Sauerstoff. Zunächst verdichtet sich das genetische Material des Bakteriums, dann wird es mitsamt ein paar Enzymen von zwei Schutzschichten umgeben, der Sporenrinde und der Sporenhülle. Anschließend zerstört sich die restliche Zelle selbst mit Hilfe von Enzymen. Die nun entstandene Spore als solche kann sich nicht ver-mehren.

Nur bei Bakterien der Gruppe, zu der Bacillus anthracis gehört, besitzen die Sporen ganz außen noch eine weitere Hüllschicht: das so genannte Exosporium. Dieses enthält zum größten Teil Proteine und besteht aus drei Lagen einer hexagonalen Struktur, die mit fadenartigen Anhängen bedeckt ist. Mit diesen Fäden kommen die Zellen des infizierten Tieres als Erstes in Kontakt.

Die Krankheit der Wollsortierer

Das Exosporium dürfte als Filter dienen, das Abwehrenzyme des Wirtes abfängt und so verhindert, dass diese die tiefe-ren Schichten der Sporen angreifen, also die Sporenhülle und die Sporenrinde. Außerdem könnte es den Sporen dabei helfen, sich auf den Zellen des Wirts festzusetzen.

Die Sporenoberfläche von Bacillus anthracis bewirkt auch, dass die Sporen aneinander haften. Dann entstehen Aggregate, die zu schwer sind, um in der Luft zu schweben. Beim Einsatz als Biowaffe sollen die Milzbrand-Sporen aber gerade mit der Atemluft in die Lunge gelangen. Sie werden zu dem Zweck mit einer Substanz überzogen, die das Verkleben verhindert.

Früher zogen Menschen sich Lungenmilzbrand oft bei der Arbeit mit Fellen, Wolle und Lumpen zu. In England hieß diese Form entsprechend "Krankheit der Wollsortierer", in Deutschland Hadernkrankheit. Außer über die Lunge können die Sporen auch über den Verdauungstrakt oder durch kleine Hautwunden in den Körper dringen. Der meist etwas weniger gefährliche Hautmilzbrand war früher eine häufige Berufskrankheit von Gerbern und Lumpensammlern. An Darmmilzbrand erkrankten Menschen, die verseuchtes Fleisch gegessen hatten.

Im Körper werden die Sporen rasch von den Makrophagen aufgenommen und dabei in ein abgeschnürtes Mem-branbläschen, ein Vesikel, im Zellinnern eingeschlossen. Diese Reaktion der Immunzellen zu provozieren, gehört zur Strategie von Bacillus anthracis, das sich im Gegensatz zu anderen Bazillus-Arten seiner Gruppe nicht außerhalb von Organismen vermehrt. Denn die Dauerformen geben erst jetzt ihr Ruhestadium auf und keimen: Sie schwellen an, die Sporenhülle zerreißt und der Stoffwechsel setzt allmählich wieder ein. Schließlich erscheint die vegetative Form, das aktive Bakterium. Die Keimung geschieht offenbar in Reaktion auf ein Wirtssignal hin. Wissenschaftler haben kürzlich bei dem Erreger eine Proteinfamilie identifiziert, die für die betreffenden Signalmoleküle Erkennungsstrukturen bildet.

Die Keimung von Milzbrand-Sporen dauert im Mittel dreißig Minuten. Im Säugerorganismus herrschen dazu beste Bedingungen. In der Laborkultur sind die optimalen Voraussetzungen ein leicht saures Milieu und eine Temperatur von 37 Grad Celsius. Schon während des Keimens aus der Spore setzt der Milzbrand-Erreger Toxine frei.

Bacillus anthracis produziert drei verheerende Proteine: das schützende (protektive) Antigen, den Ödem-Faktor und den tödlichen (lethalen) Faktor. Einzeln sind diese Moleküle harmlos. Sie richten nur als Zweierpack Schaden an, wenn nämlich das schützende Antigen entweder kombiniert mit dem Ödem-Faktor oder zusammen mit dem Lethal-Faktor auftritt. Dabei ermöglicht das schützende Antigen den beiden anderen Proteinen, in die Wirtszelle einzudringen und dort wichtige Abläufe zu stören.

Nach gleichem Prinzip funktionieren viele Bakterien-Toxine. Allerdings vereint bei den meisten ein und dasselbe Molekül beide Funktionen: Ein Teil des Moleküls erlaubt das Eindringen in die Zelle, ein anderer sorgt im Zellinnern für das Desaster.

Das schützende Antigen erhielt seinen Namen, weil es beim Wirtsorganismus die Synthese von Antikörpern auslöst, also einen Schutzmechanismus des Immunsystems anregt.

Die eigentliche Verheerung richten die beiden anderen Proteine an. Spritzt man einem Tier unter die Haut zusammen mit dem Schutz-Antigen den Ödemfaktor, bilden sich an der Einstichstelle große Ödeme, also Schwellungen durch Gewebewasser. Die Kombination von Schutz-Antigen und lethalem Faktor, intravenös verabreicht, wirkt für den Organismus tödlich.

Listenreiches Eindringmanöver

Das schützende Antigen des Milzbrand-Bazillus lagert sich an ein bestimmtes Membranprotein der Fresszellen an, den Anthrax-Toxin-Rezeptor (ATR). Dieses Protein bilden alle Säugetierzellen. Erst vor kurzem konnte eine Gruppe um John Young von der Universität von Wisconsin in Madison diesen Rezeptor identifizieren. Eine nach außen ragende Domäne dieses Membranproteins ähnelt einem Blutgerinnungsfaktor, dem Von-Willebrand-Faktor. Im Laborversuch gelang es, kultivierte Zellen vor den Milzbrand-Toxinen zu schützen, indem man eine lösliche Version dieses äußeren Abschnitts dazugab. Vermutlich wurde der Toxin-Komplex davon abgefangen.

Hat sich das schützende Antigen jedoch an eine Zelle angeheftet, zerlegt ein Enzym es in zwei ungleiche Stücke. Das kleinere, PA20, wird verworfen. (PA steht für protektives Antigen, die Zahl bezieht sich auf das Gewicht des Moleküls.) Das größere Fragment, PA63, bleibt an den Rezeptor gebunden. Jeweils sieben PA63-Moleküle formen nun zusammen einen zylindrischen Komplex, ein Heptamer. Das ist die entscheidende Struktur, an die sich bis zu sieben Moleküle des Ödem-Faktors beziehungsweise des Lethal-Faktors binden. Die Zelle holt dieses Arrangement in ihr Inneres, indem sie ihre Außenmembran an der Stelle zu einem Bläschen einstülpt. Als Nächstes wird das Milieu im Bläschen saurer. Nun entfaltet jedes der sieben PA63-Moleküle eine bisher zusammengelegte Schleife, die sich in die Membran des Bläschens schiebt. Dadurch entsteht eine Pore, durch die der Ödem-Faktor beziehungsweise der Lethal-Faktor in die Zelle schlüpft.

Wie diese beiden eigentlichen Zellgifte, zwei Enzyme, ihr Werk verrichten, ist erst teilweise aufgeklärt. Der Ödem-Faktor ist eine Adenylatcyclase. Das heißt, dass er den Energieträger Adenosin-Triphosphat (ATP) in zyklisches Adenosin-Monophosphat (cAMP) umwandelt, ein wichtiges Signalmolekül von Zellen. Dazu benötigt er aber Cal-modulin, das sich an ihn binden muss. Dieses Protein besitzen nur Zellen von Organismen mit abgegrenztem Zellkern, also nicht Bakterienzellen. Hiermit dürfte zusammenhängen, dass sich Bacillus anthracis nur in höheren Organismen vermehrt, in dem Fall nur in Säugetieren. Im Gegensatz zu anderen Bakterien der Gruppe verlangt sein Lebenszyklus offenbar einen Wirt.

Die intrazelluläre Konzentration des Signalstoffs cAMP steigt nun rasch an. Dadurch erhöht sich die Ionen-Konzen-tration außerhalb der Zellen übermäßig. Zum Ausgleich wird Zellen und Blutplasma Wasser entzogen: Ödeme entstehen. Die viele freie Flüssigkeit dürfte es den Bakterien leicht machen, sich in den Geweben zu verteilen. Weitere Studien haben zudem gezeigt, dass der Ödem-Faktor Zellen daran hindert, größere Partikel aufzunehmen, sie also regelrecht aushungert.

Bei dem lethalen (tödlichen) Faktor handelt sich um eine Protease – ein Enzym, das Proteine zerschneidet. Die Protease enthält im katalytischen Zentrum ein Zinkatom. Erst vor wenigen Monaten konnte ein Forscherteam um Robert Liddington vom biomedizinischen Forschungsinstitut Burnham in La Jolla (Kalifornien) die Struktur dieses Moleküls aufklären. Der Lethal-Faktor zerschneidet ein Protein, das bei der Weiterleitung von Botschaften mitwirkt, die bei der Zelle eintreffen und zum Zellkern übermittelt werden müssen. Es gehört zu einer MAPKK genannten Proteinfamilie, deren Mitglieder alle an solchen Signalkaskaden beteiligt sind. Die Zerstörung dieses Proteins unterbindet folglich mindes-tens einen wichtigen Signalweg innerhalb der Zellen.

Molekulare Ziele für neue Medikamente

Der lethale Faktor besteht aus vier Domänen. Domäne I bindet sich an das schützende Antigen, das ihn in die Wirtszellen einschleust. Die drei anderen Domänen bilden eine Rinne, in die ein Ende der MAPKK hineingerät – und wo dieses Protein dann zerschnitten wird. Die Domänen II und III ähneln einander: Vielleicht ist die eine aus einer Verdopplung der anderen hervorgegangen. Die vierte Domäne enthält das Zinkatom: Sie ist das Messer, das die MAPKK schneidet. Die Struktur des lethalen Faktors lässt vermuten, dass er unter anderem durch Verdopplung eines Gens entstand. Mutationen und Verschmelzungen von Genabschnitten dürften ihm zu seiner außergewöhnlichen Spezifität verholfen haben.

Leider weiß man noch nicht, welche Signalkette der lethale Faktor zerstört, wenn er das erwähnte Protein lahm legt. Fest steht nur, dass dieser Faktor bei der tödlichen Wirkung von Bacillus anthracis ein Schlüsselelement darstellt.

Klar ist auch, dass er es auf weitere Moleküle in den Zellen abgesehen hat. Zweifellos stehen die Fresszellen des Immunsystems – die Makrophagen – bei Milzbrand im Zentrum des Krankheitsgeschehens. Warum zerstört der Erreger unseres Wissens fast ausschließlich diese Immunzellen, obwohl auch die anderen Körperzellen das Erkennungsmolekül für das schützende Antigen tragen, mit dessen Hilfe die Toxine ins Zellinnere eindringen?

Anscheinend sind die durch den Lethal-Faktor zerrütteten Signalwege für die Herstellung von Cytokinen wichtig, jenen maßgeblichen Immunmolekülen, welche die Kommunikation innerhalb des Immunsystems und damit seine Reaktionen in vielfältiger Weise beeinflussen. Möglicherweise sorgt der lethale Faktor in den ersten Stadien der Infek-tion dafür, dass die Bakterien sich zunächst ungestört vermehren können. Später, wenn die Milzbrand-Erreger den Organismus überschwemmen, gehen die Fresszellen an der nun hohen Konzentration des lethalen Faktors zu Grunde. Dann werden unvermittelt riesige Mengen von entzündungsfördernden Stoffen frei, TNF-alpha, Interleukin 1 sowie Stickstoffmonoxid. Dies bewirkt einen Schock: Der Blutdruck sackt plötzlich stark ab, in der Lunge sammelt sich Wasser, und die feinen Blutkapillaren werden blockiert. Die Konsequenz: Der Organismus leidet Sauerstoffmangel. Auch das Herz ist dadurch geschwächt und kann den Mangel nicht ausgleichen. Der Infizierte stirbt.

Die Art, wie Bacillus anthracis seine Opfer tötet, ist außergewöhnlich kompliziert. Ohne ein besonderes genetisches Erbe wäre ihm dies nicht möglich. Und zwar verdankt der Bazillus seine gefürchteten Eigenschaften zwei Plasmi-den, Ringen aus DNA, die er zusätzlich zu seinem Bakteriengenom besitzt und die sich unabhängig davon vermehren. Eines der beiden Plasmide, genannt pXO2, trägt die Gene für die Enzyme zur Herstellung und zum Abbau der Kapsel, ein Prozess, der ständig im Gleichgewicht ablaufen muss.

Das andere Plasmid, pXO1, enthält die Gene für die drei Toxine. Auf ihm liegen auch Gene, deren Produkte an der Sporenkeimung beteiligt sind und dabei auf molekulare Signale des Wirts reagieren. Des Weiteren sitzt auf diesem Plasmid ein Gen für ein Regulator-Protein, das die Herstellung der Toxine und der Kapsel fördert.

Hochvirulente Stämme des Milzbrand-Erregers unterscheiden sich von weniger gefährlichen dadurch, dass sie beide Plasmide zugleich besitzen. Jedoch weisen die einzelnen Stämme von Bacillus anthracis auch feinere Unterschiede auf. Der Milzbrand-Bazillus enthält in seinem Erbmaterial Gene mit so genannten repetitiven Sequenzen, aber die Anzahl dieser Wiederholungen kann variieren. Das beeinflusst zwar nicht die Toxizität eines Stammes. Man erkennt daran aber seine Herkunft. Mikrobiologen haben einen phylogenetischen Stammbaum aufgestellt, der die einzelnen Stämme von Bacillus anthracis nach ihrem geografischen Ursprung ordnet. Zum Beispiel ergaben solche Analysen, dass die jüngst in den USA verschickten mit Milzbrand verseuchten Briefe mögli-cherweise den Stamm AMES enthielten, eine sehr virulente Version, die in den fünfziger Jahren im US-Bundesstaat Iowa isoliert wurde. Dieser besonders gefährliche Stamm wurde seitdem in den Labors am häufigsten untersucht.

Blick ins Innerste des Feindes

Obwohl Bacillus anthracis für sein Vernichtungswerk ein so hervorragendes Rüstzeug besitzt, ist der Erreger trotzdem nicht unverletzlich. Wissenschaftler operieren an zwei Fronten, um sich gegen den lebensgefährlichen Krankheitskeim zu wappnen: Das sind zum einen antibakterielle Wirkstoffe, zum anderen Impfstoffe.

Zahlreiche Antibiotika wirken gegen Bacillus anthracis – zum Beispiel Ciprofloxacin von Bayer, aber auch Doxycyclin von Pfizer. Jedoch helfen sie nur, wenn sie frühzeitig angewendet werden. Der Grund: Sie blockieren zwar die Vermehrung der Bakterien, schützen aber nicht vor bereits freigesetzten Toxinen. Deswegen suchen Wissenschaftler nach Wegen, diese Moleküle gezielt unschädlich zu machen.

Das Interesse der Forscher richtet sich vor allem auf das schützende Antigen, weil es die anderen beiden Toxine in die Wirtszellen einschleust. Gleichzeitig mit ihm würden diese eigentlichen Zerstörer ausgeschaltet. Kürzlich stellte das Team von John Collier von der Harvard-Universität in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) einen Hemmstoff gegen dieses Molekül vor, der sich an Stelle des Rezeptors von Säugetierzellen an das schützende Antigen bindet. Im Test an Ratten bewirkte dieser Hemmstoff, dass den Tieren erst wesentlich höhere Dosierungen von Lethalfaktor kombiniert mit dem Schutz-Antigen gefährlich wurden als normalerweise.

Tiere werden gegen Milzbrand mit abgeschwächten, so genannten attenuierten Bakterien geimpft. In dem Fall fehlt dem Erreger das Plasmid pXO2. Bisherige Impfstoffe für den Menschen dagegen enthalten zur Sicherheit gar keine ganzen Zellen. Im Wesentlichen bestehen sie aus dem schützenden Antigen. Allerdings sind diese zellfreien Impfstoffe viel weniger wirksam. Und leider hängt die durch das Impfen erzielte Schutzwirkung nicht davon ab, wie viele Antikörper gegen das fremde Molekül jemand bildet. Bessere Impfstoffe müssten also wahrscheinlich andere Bestandteile des Erregers enthalten. Es sieht so aus, als wären vielleicht bessere Impfresultate zu erzielen, wenn dem Impfserum zusätzlich zum schützenden Antigen Komponenten der Sporen zugefügt würden.

Man weiß heute viel über Bacillus anthracis – aber noch nicht genug, um ihn endgültig zu besiegen. Bei Darm-Milzbrand sterben trotz Behandlung immer noch durchschnittlich die Hälfte aller Betroffenen, bei Lungen-Milzbrand sind es gar über achtzig Prozent. Indessen gelang es, das Genom eines Stammes des Bazillus vollständig zu sequenzieren. Damit blicken wir dem mörderischen Bakterium nicht mehr nur ins Gesicht – sondern können in sein Innerstes schauen.

Literaturhinweise


Anthrax. Von Michèle Mock und Angès Fouet in: Annual Review of Microbiology, Bd. 55, S. 647, 2001.

Crystal structure of the anthrax lethal factor. Von Andrew D. Pannifer et al. in: Nature, Bd. 414, S. 229, 2001.

Identification of the cellular receptor for anthrax toxin. Von Kenneth A. Bradley et al. in: Nature, Bd. 414, S. 225, 2001.

Designing a polyvalent inhibitor of an-thrax toxin. Von Michael Mourez et al. in: Nature Biotechnology, Bd. 19, Heft 10, S. 958, Okt. 2001.


Steckbrief


Das Bakterium

Der Erreger des Milzbrands, Bacillus anthracis, ist ein Mitglied der Bacillus-cereus-Gruppe. Es handelt sich um ein unbewegliches, stäbchenförmiges, so genanntes grampositives Bakterium von 3 bis zu 10 Mikrometer Länge und rund einem Mikrometer Durchmesser. Im Blut bilden die Bakterienzellen kurze Ketten.

Besondere Hüllschichten schützen die Zelle zum Beispiel vor Angriffen des Immunsystems und ermöglichen das Eindringen in den Wirt: die S-Schicht, die aus den beiden Proteinen Sap und EA1 besteht, sowie die äußere Kapsel aus Polymeren der D-Glutaminsäure.

Die Sporen

Unter widrigen Bedingungen bilden die Bakterien in ihrem Innern so genannte Endosporen. Diese Sporen sind äußerst widerstandsfähig. Im Boden, aber etwa auch in Lumpen, überdauern sie Jahrzehnte und wahrscheinlich noch viel länger.

Die Krankheit

Früher war Milzbrand eine häufige Infektionskrankheit von Weidevieh, die immer wieder seuchenartig auftrat. Menschen steckten sich meist durch Tierprodukte an, etwa durch Verzehr von rohem Fleisch, besonders aber an Tierhäuten oder Wolle.

Zur Vermehrung benötigt der Milzbrand-Bazillus Säugetiere als Wirte. Meist erfolgt die Infektion durch Sporen. Diese keimen im Wirt zu aktiven Bakterien aus, deren Toxine Signalketten in Zellen zerstören.

Drei Toxine sind am Werk: Das schützende Antigen, der Ödem-Faktor und der Lethal-Faktor.

Die Infektion erfolgt über kleine Hautwunden ("Haut-Milzbrand"), über die Lunge ("Lungen-Milzbrand") oder den Darm ("Darm-Milzbrand").

Die Inkubationszeit beträgt einen bis wenige Tage. Beim Hautmilzbrand entstehen zunächst kleine Pusteln, später große eitrige Karbunkel. Lungenmilzbrand beginnt mit grippeähnlichen Symptomen, Darmmilzbrand auch mit blutigen Durchfällen. Der Tod kann binnen Stunden eintreten. Dann sind Blut und Milz mit Bakterien übersät.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2002, Seite 40
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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