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Hepatitis C - Die stille Volksseuche

Ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung ist Träger des Hepatitis-C-Virus, aber viele Menschen ahnen nichts von ihrer Infektion. Oft macht sich die schleichende Lebererkrankung erst nach Jahrzehnten bemerkbar – dann ist es jedoch vielfach zu spät.


Vor Hepatitis A oder Hepatitis B, zwei Arten von "Gelbsucht", versuchen sich viele gefährdete Menschen zu schützen. Sie wissen, daß Hepatitis A mit verunreinigter Nahrung oder verschmutztem Trinkwasser und Hepatitis B durch Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen wird. Viele lassen sich gegen die verursachenden Viren – HAV und HBV (Hepatitis-A-Virus und Hepatitis-B-Virus) – impfen.

Nur wenige Menschen wissen, daß ein drittes Hepatitis-Virus weitverbreitet ist. Oft ahnen nicht einmal die infizierten Personen, daß sie betroffen sind. Denn häufig bemerken sie die Erkrankung anfangs gar nicht. Dabei führt eine schleichende Infektion mit diesem Erreger (HCV oder Hepatitis-C-Virus) vermutlich etwa mindestens bei jedem Dritten nach Jahrzehnten nicht selten zu schwersten Leberschäden bis hin zum Versagen des Organs. Auch verursacht die Leberzirrhose, die allmählich entsteht, oft Leberkrebs. Die Medizin erprobt inzwischen Behandlungen, um das Virus im Körper wenigstens zu schwächen, besser noch zu eliminieren. Eine vorbeugende Impfung gegen dieses dritte Hepatitis-Virus existiert aber nach wie vor nicht.

Erst 1988 spürten Molekulargenetiker das Hepatitis-C-Virus auf und entwickelten anschließend Nachweisverfahren, die sie seitdem noch laufend verbessern. Die Schätzungen, wie viele Menschen mit HCV infiziert sind, gehen noch weit auseinander: von einem bis an die drei Prozent der Weltbevölkerung.

Anscheinend variiert die Rate der "Durchseuchung" mit HCV regional stark – die Anzahl Personen, die sich im Laufe ihres Lebens angesteckt hat; nicht alle sind noch Virusträger. Für Europa reichen die Schätzwerte von 1,2 bis zu fünf Millionen Betroffene. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts von 1998 ergab für Deutschland mindestens rund 275000 Virusträger (und entsprechend mehr Infizierte, von denen ein Teil das Virus erfolgreich bekämpfen konnte) und jährlich etwa 5000 Neuinfektionen. Andere Berechnungen halten für die Bundesrepublik allein sogar 800000 Infizierte für realistisch und zusammen mit der Schweiz und Österreich eine Million. Das entspräche etwa einem Prozent der Bevölkerung. Auch die Zahlen für die Vereinigten Staaten liegen erschreckend hoch: Vermutlich sind dort 1,8 Prozent der Erwachsenen – fast vier Millionen Menschen – mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert, auch hier viele, ohne es zu wissen.

HCV verursacht wahrscheinlich mehr chronische Lebererkrankungen als Alkoholmißbrauch. Das Virus steht damit in vorderster Reihe der Faktoren, die zu Leberleiden führen, bis hin zum Leberversagen. So erfolgen die meisten Lebertransplantationen denn auch bei Hepatitis-C-Patienten. An Komplikationen der Infektion sterben in den USA jedes Jahr rund 9000 Menschen. Mediziner befürchten, daß sich die Zahl in den nächsten zehn Jahren verdreifacht.

Daß eine Leberentzündung oder "Hepatitis" eine mögliche Ursache von "Gelbsucht" darstellt, ist altbekannt. Hiervon berichten bereits historische und alte medizinische Schriften. Haut und Augenweiß nehmen eine unnatürliche gelbliche Färbung an, weil sich der Farbstoff Bilirubin im Organismus anreichert, den die Leber normalerweise abbaut oder mit der Galle ausscheidet. Er entsteht aus zersetzten roten Blutkörperchen.

Was im Einzelfall die Leberentzündung verursacht hat, ob eine Infektion, eine Vergiftung – etwa mit Alkohol – oder noch etwas anderes, können Mediziner heute recht gut diagnostizieren. Für eine Infektion mit einem Hepatitis-Virus kommen nach derzeitigem Forschungsstand wenigstens fünf Erreger in Frage: HAV bis HEV genannt. (Die Bedeutung zweier weiterer ist noch unklar.) Davon sind HAV, HBV und HCV medizinisch und gesundheitspolitisch die wichtigsten.

Die wissenschaftliche Erforschung der Virushepatitis begann in den dreißiger und vierziger Jahren. Damals waren die Erreger noch völlig rätselhaft. Die Mediziner untersuchten Insassen von Gefängnissen, Behindertenanstalten und anderen Einrichtungen, in denen Gelbsucht häufig auftrat. Sie erkannten bereits zwei Formen der Krankheit, die sie Hepatitis A und B nannten. Und sie fanden heraus, daß Hepatitis A offensichtlich durch Exkremente, also bei mangelnder Hygiene, übertragen wird. Diese Form heißt deswegen auch "infektiöse" oder "epidemische Hepatitis". An der zweiten Form steckten Menschen sich offenbar über das Blut an – deswegen die Bezeichnung "Serumhepatitis". (Wie man heute weiß, ist auch die Ansteckungsgefahr durch Sexualkontakte beträchtlich.)

Einen wichtigen Fortschritt in der Diagnose von Hepatitis brachten die fünfziger Jahre mit den ersten Nachweisverfahren für bestimmte Enzyme, die bei Leberschäden oft in stark erhöhter Konzentration im Blutserum auftreten. Absterbende Leberzellen setzen solche Enzyme – sogenannte Transaminasen – ins Blut frei. Ungewöhnliche "Leber-werte" gelten als verläßlicheres Anzeichen für eine Erkrankung der Leber als eine Gelbsucht. (Als gute Indikatoren dienen etwa die Enzyme GPT und insbesondere GOT – im englischen Sprachgebrauch ALT und AST. Allerdings können veränderte Serumwerte mitunter auch von seltenen, erblichen Stoffwechselstörungen herrühren.)

Mitte der sechziger Jahre dann fand der amerikanische Mediziner Baruch Blumberg im Blut von Serumhepatitis-Patienten molekulare Spuren, die auf ein Virus hinwiesen, das spätere Hepatitis-B-Virus. Der Durchbruch brachte ihm 1976 den Medizin-Nobelpreis ein. Dank der Entdeckung gelang es den Wissenschaftlern, Tests zu entwickeln, um HBV im Blut nachzuweisen. Zehn Jahre später identifizierte der amerikanische Forscher Stephen M. Feinstone ein anderes Virus im Stuhl von Patienten mit Hepatitis A. Auch für diesen Erreger wurden daraufhin Tests entwickelt. Das Blut Infizierter enthält bestimmte "Antikörper" gegen die Erreger, Komponenten einer Immunreaktion, die sich nachweisen lassen (Spektrum der Wissenschaft, 6/91, S. 126, 8/96, S. 48, Spezial 6/97, S. 69).

Lange Jahre mußten Patienten, die Bluttransfusionen oder Blutprodukte benötigten, befürchten, an Hepatitis zu erkranken. In den sechziger Jahren wies nach einer Bluttransfusion fast jeder Dritte einige Wochen danach erhöhte Leberwerte auf oder hatte sogar Gelbsucht. Als die Tests auf HAV und HBV verfügbar wurden, konnten die Mediziner wenigstens einen Teil der Infektionen abwehren. Doch immer noch erkrankten viele Blutempfänger. Die Mediziner sprachen dann von einer Hepatitis "Non-A-Non-B".

Trotz aller Bemühungen benötigten die Wissenschaftler weitere 15 Jahre, bis sie dem Hauptverursacher dieser Erkrankungen, dem Hepatitis-C-Virus, endlich auf die Schliche kamen. Michael Houghton und seine Kollegen von der Biotechnologiefirma Chiron im kalifornischen Emeryville identifizierten das Virus schließlich im Blutserum infizierter Schimpansen. Das Serum hatte ihnen Daniel W. Bradley von den Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellt. Wie wir heute wissen, verursacht HCV die meisten Fälle von Virushepatitis, die nicht auf eine Infektion mit HAV oder HBV zurückgehen. Die übrigen bekannten Hepatitis-Viren treten vergleichsweise selten auf.

Warum ließ sich das Hepatitis-C-Virus so schwer aufspüren? In einer Zellkultur können Forscher es nicht zuverlässig züchten. Außerdem erwiesen sich bisher als einzige Tiere Schimpansen und südamerikanische Krallenaffen als infizierbar. Diese Arten stehen für medizinische Zwecke aber nur in begrenzter Zahl zur Verfügung. An ihnen zu forschen ist überdies sehr teuer. Bis heute schränkt dies alles die Studien an HCV ein. Um das Virus zu finden, wählten die Forscher deswegen einen besonderen Weg: Die Klonierung von Nucleinsäure. Erstmals wurde ein Krankheitserreger mit dieser aufwendigen molekularbiologischen Methode aufgespürt (Schema oben).

Viren schleusen ihr Erbgut in Zellen ein und benutzen deren molekularen Apparat zur Vervielfältigung. Generell stellt RNA ("Ribonucleinsäure") die Bauanweisung dar, nach der eine Zelle neue Proteine bildet. (RNA ist die "Umschrift" von DNA, "Desoxyribonucleinsäure", aus der die Erbsubstanz von Zellen besteht. Viele Viren weisen stattdessen ein RNA-Genom auf.) Wenn sich also bei Hepatitis Non-A-Non-B ein Virus versteckt hielt, mußte seine RNA in infizierten Schimpansen vorhanden sein, inmitten der vielen regulären RNA. Die Wissenschaftler wollten versuchen, diese winzigen Anteile zu isolieren.

Die Arbeitsgruppe um Houghton extrahierte deswegen die Gesamt-RNA. Zunächst mußten sie die Sequenzen getrennt vervielfältigen. Das besorgten Kulturen des Bakteriums Escherichia coli. Die Forscher schleusten in sein Genom DNA-Kopien der RNA-Sequenzen ein und züchteten "Klone". Ein Teil dieser Bakterienkolonien würde bei jeder Zellteilung auch das fremde Erbmaterial vervielfältigen und die entsprechenden Proteinfragmente bilden. Sollte ein Fragment des
Virus darunter sein, müßte dieses sich immunologisch nachweisen lassen. Bakterienklone mit solchen Virusfragmenten müßten nämlich mit Antikörpern im Serum eines infizierten Menschen oder Schimpansen reagieren.

Die Forscher prüften eine Million Klone – und hatten Erfolg: Ein einziger Klon sprach an – auf das Serum von kranken Schimpansen. Und dieser Klon reagierte nicht auf Serumproben derselben Tiere aus der Zeit vor der Infektion. Demnach enthielt die Bakterienkolonie Erbgut des unbekannten Erregers. Von diesem Klon gingen die Wissenschaftler aus, als sie anschließend das übrige genetische Material des Virus charakterisierten. Sie entwickelten nun auch den ersten diagnostischen Bluttest auf HCV, einen Antikörper-Nachweis. Seit Anfang der neunziger Jahre werden Blutspenden auf HCV geprüft (in Deutschland seit April 1991).

Wie der Antikörpertest sehr bald erwies, kommt Hepatitis C viel öfter vor als befürchtet und hat auch gravierendere Folgen. Infektionen sind auch deswegen häufiger als erwartet, weil viele Infizierte von der Erkrankung lange wenig merken. Viele andere Viren besiegt unser Körper nach einiger Zeit. Hepatitis A etwa dauert meist nur Wochen. Doch eine Hepatitis C wird oft chronisch. Rund 90 Prozent der Infizierten schleppen den Erreger über Jahre und sogar über Jahrzehnte mit. Viele von ihnen werden schließlich schwer leberkrank. (Das Robert-Koch-Institut schätzt für Deutschland, daß die Infektion bei 50 bis 80 Prozent der Infizierten chronisch wird und daß etwa ein Drittel der chronisch infizierten 20 bis 30 Jahre später eine Leberzirrhose entwickelt.)

Nur die wenigsten der Patienten wissen, woher sie das Virus haben. Fragt man sie gezielter, kommt allerdings oft heraus, daß sie einmal eine Bluttransfusion erhielten, sich Drogen spritzten oder sich mit einer Injektionsnadel verletzten, an der das Blut eines Kranken klebte. Für etwa 40 Prozent der Betroffenen gelten diese Risikofaktoren aber nicht. Epidemiologische Untersuchungen ergaben für diese Gruppe andere mögliche Faktoren: sexueller Kontakt mit einem Hepatitis-C-Infizierten; mehrere Sexualpartner im vergangenen Jahr; Zugehörigkeit zu einer niedrigen sozioökonomischen Schicht.

Ob und wie leicht Hepatitis C sexuell übertragen wird, ist dennoch umstritten. In einer festen, ausschließlichen Beziehung steckt der kranke Partner den anderen offenbar nur selten an. Auch homosexuelle Männer mit wechselnden Geschlechtspartnern sind nicht häufiger infiziert als der Durchschnitt. Wie diese Befunde mit den vorher genannten epidemiologischen zusammenpassen, wissen die Mediziner noch nicht. Vielleicht wollen manche Personen früheren Drogenkonsum nicht zugeben, oder sie verdrängen das. Andere haben sich vielleicht mit unsauberen Rasierklingen oder Tätowierinstrumenten angesteckt. Gleiches könnte beim gemeinsamen "Schnüffeln" geschehen sein, wenn dabei die Nasenschleimhaut verletzt wurde.

Seit die Tests auf HCV verfügbar sind, kommen Übertragungen bei Bluttransfusionen fast gar nicht mehr vor. Früher war auch die Infektionsgefahr bei der Dialyse (Blutwäsche) und für "Bluter" sehr hoch, die regelmäßig bestimmte Blutprodukte benötigten. 10 bis 40 Prozent der Dialysepatienten und bis zu 90 Prozent der "Bluter", die vor Einführung der Tests auf HCV bestimmte Produkte erhielten, wurden mit dem Virus infiziert. Gleiches widerfuhr Ende der siebziger Jahre in der DDR etwa 2500 Frauen, die Immunpräparate wegen Rhesusunverträglichkeit in der Schwangerschaft erhielten.

Offenbar infizieren sich auch Drogenkonsumenten jetzt seltener, vielleicht aber hauptsächlich dank der AIDS-Kampagnen, in denen davor gewarnt wird, Spritzen gemeinsam zu benutzen.

Die Ansteckungsgefahr ist trotzdem längst nicht gebannt. Bisher besteht kaum Aussicht, das Hepatitis-C-Virus auszurotten. Ein Impfstoff konnte noch nicht entwickelt werden, denn selbst nach überstandener Infektion sind Tiere gegen den Erreger zukünftig nicht immun. Auch Menschen können sich erneut anstecken.

Wie eine Hepatitis C allmählich die Leber immer mehr schädigt, wissen Mediziner in etwa. Bei einer Virusinfektion sterben befallene Zellen entweder, weil der Erreger selbst sie umbringt oder weil das Immunsystem sie malträtiert. Bei HCV geschieht letzteres. Unser Immunsystem verfügt dazu über zwei verschiedene Arten der gezielten Attacke gegen solche Erreger: Zum einen kann es Antikörper einsetzen, die körperfremde Moleküle erkennen und eine Abwehr auslösen. Diese Strategie wirkt aber gegen HCV offenbar so gut wie gar nicht. Der Körper erzeugt zwar Antikörper gegen verschiedene Virus-Bestandteile, doch neutralisieren die den Erreger nicht. Und vorhandene Antikörper bedeuten nicht, daß die Person – wie bei Hepatitis B – gegen HCV immun ist.

Das Hepatitis-C-Virus mutiert ausgesprochen rasch. Vielleicht entgeht es deswegen so oft der Antikörperabwehr. Neue, genau passende Antikörper entstehen möglicherweise nicht schnell genug. Das Virus ändert insbesondere Genomabschnitte für Proteine, die es an der Außenseite trägt. Gerade dort lagern sich normalerweise Antikörper an. Die Forscher fanden in den Genomabschnitten zwei "hypervariable Regionen" für solche Hüllproteine. Sie kennen von dem Virus mittlerweile sechs unterschiedliche Genotypen mit noch weitaus mehr Subtypen. Das Vertrackte: Ein und derselbe Patient beherbergt zahlreiche Varianten.

Als zweite Strategie operiert das Immunsystem mit besonderen Zellen, die gezielt den Kampf aufnehmen. Diese Abwehr wird speziell gegen Virusinfektionen mobilisiert. Gegen HCV baut sich dabei eine heftige Reaktion auf, die offenbar für den größten Teil der Leberschäden verantwortlich ist. Im Blut und in der Leber tauchen bei einer chronischen Infektion "cytotoxische T-Lymphocyten" auf, Immunzellen, die in dem Fall speziell darauf getrimmt sind, Proteine des Hepatitis-C-Virus aufzuspüren. Wahrscheinlich töten sie infizierte Leberzellen, die sich durch Virusproteine in ihrer Außenhülle zu erkennen geben.

Lebergewebe regeneriert an sich sehr gut. Die Leber von Hepatitis-C-Patienten enthält trotzdem zahlreiche abgestorbene oder sterbende Zellen. Auch Lymphocyten und Monocyten, andere Immunzellen, finden sich darin massenhaft – ein Zeichen für eine chronische Entzündung.

Wenn die Hepatitis länger fortbesteht (meist nach einigen Jahren), nimmt die Erkrankung eine neue Dimension an. Jetzt werden die "Sternzellen" ungewohnt aktiv. Diese Nachbarn der eigentlichen Leberzellen geben jetzt Kollagen und andere Proteine ab. Dadurch wächst der Bindegewebsanteil des Organs, und die Leber vermag nun immer ungenügender ihre wichtige Aufgabe wahrzunehmen, Moleküle umzusetzen und abzubauen. Mediziner bezeichnen den Zustand als "Leberfibrose".

Sofern die Leberfibrose fortschreitet, entsteht als nächstes Krankheitsstadium eine "Leberzirrhose". Typisch dafür sind Streifen von Bindegewebe, die "Knoten" mit regenerativen Leberzellen umschließen. Der Zustand der Leber verschlechtert sich schneller bei Männern, bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Ansteckung mit HCV über 50 Jahre alt waren, und bei Menschen, die täglich mehr als 50 Gramm Alkohol zu sich nehmen. Allerdings kommt eine Leberzirrhose sogar bei Personen vor, die niemals Alkohol trinken. Im allgemeinen gelten sowohl die Fibrose als auch die Zirrhose als irreversibel. Allerdings sind Mediziner sich dessen aufgrund neuerer Befunde nicht mehr so sicher.

Eine Leberzirrhose bekommen innerhalb von 20 Jahren nach der Ansteckung etwa 20 Prozent der Patienten. Bei manchen stellt sich dann ein Gleichgewicht ein: Die Leberschädigung nimmt nicht weiter zu. Bei anderen geht die Fibrose zwar langsam, aber stetig weiter. Im Endstadium äußert sich eine Lebererkrankung häufig durch Gelbsucht, Bauchwassersucht, blutende Krampfadern in der Speiseröhre oder auch geistige Verwirrung.

Hepatitis C gilt heute auch als eine der wichtigsten indirekten Ursachen des primären Leberkrebses. Dabei stellt offenbar nicht das Virus selbst den eigentlichen Risikofaktor dar, sondern die von ihm bewirkte Zirrhose.

Fast alle Krankheitserscheinungen bei der Hepatitis C gehen eigentlich auf die Leberzirrhose zurück. Die Infektion selbst bemerken die Patienten, wie gesagt, in der Regel zunächst gar nicht. Ein kleiner Teil der Erkrankten erinnert sich zwar, einmal Gelbsucht gehabt zu haben – wohl kurz nach der Ansteckung. Häufig aber verläuft eine chronische Hepatitis C anfangs ohne oder zumindest ohne spezifische Symptome. Manche Personen klagen nur über Müdigkeit, unbestimmte Übelkeit oder allgemein schlechte Befindlichkeit. Daß das Virus so lange unentdeckt blieb, hängt auch hiermit zusammen. Schuld daran hat sicher außerdem, daß eine chronische Erkrankung sich über Jahrzehnte hinzieht. Zudem verwirrt die Fachleute, daß die chronische Infektion sehr verschieden abläuft. Viele Menschen tragen das Virus jahrzehntelang in sich ohne erkennbare gesundheitliche Schäden. Andere werden bereits nach ein paar Jahren schwer krank.

Manche Patienten kann nur noch eine Lebertransplantation retten. Jedoch stehen bei weitem nicht genügend Spenderorgane zur Verfügung. Deshalb arbeiten die Wissenschaftler intensiv an Therapien, Infizierte von dem Virus wieder zu befreien.

Als erstes wirksames Medikament erwies sich das Protein "Alpha-Interferon", das unser Körper auch selbst in kleinen Mengen bildet. Das Molekül scheint unspezifisch antiviral zu wirken, und es kann die Immunabwehr stärken. In der Regel wird das Medikament ein Jahr lang dreimal wöchentlich unter die Haut gespritzt. Allerdings hilft die Behandlung nur 15 bis 20 Prozent der Patienten nachhaltig. Kriterium dafür ist, daß ihre Leberwerte sich normalisieren und auch mindestens ein halbes Jahr nach Ende der Therapie keine aktiven Viren mehr nachweisbar sind. Wieso das Interferon bei den meisten Behandelten nicht diesen Effekt hat, ist noch weitgehend unklar. Manche Virusvarianten scheinen aber stärker auf Interferon anzusprechen.

Seit kurzem – in Europa seit einem Jahr – ist ein weiterer Wirkstoff, in Kombination mit Interferon, zur Behandlung von Hepatitis C zugelassen, das "Ribavirin". Merkwürdigerweise hilft Ribavirin, das sonst viele Viren hemmt, allein anscheinend überhaupt nicht gegen HCV. Offenbar verstärkt das Medikament aber die Wirkung des Interferons. Die Kombination beider Stoffe, sechs bis zwölf Monate lang verabreicht, macht rund 40 Prozent der Infizierten virusfrei (in anderen Studien bis zu 50 Prozent). Die Mediziner versuchen den Behandlungserfolg durch weitere Verbesserungen bei der Verabreichung zu erhöhen, etwa mit langfristig wirkenden Formen des Interferons, die nur einmal in der Woche injiziert werden müssen.

An einer kleinen Patientengruppe erproben Mediziner einen weiteren Wirkstoff, den die Firma Vertex Pharmaceuticals aus Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) untersucht. Die Substanz hemmt das menschliche Enzym Ionosinmonophosphat-Dehydrogenase. Das Hepatitis-C-Virus benötigt dieses Enzym zur Vervielfältigung. Ergebnisse der Studie stehen noch aus.

Die amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute erforschen, ob Interferon trotzdem Patienten hilft, die nach der ersten intensiven Behandlung damit das Virus noch immer tragen. Vielleicht verlangsamt eine Langzeitgabe zumindest den Krankheitsverlauf. Wir selbst, wie auch andere Kollegen, untersuchen zudem mit gleichem Ziel, ob es den Patienten nützt, ihnen einfach regelmäßig einen halben Liter Blut abzunehmen. Dadurch sinkt der Eisenspiegel im Körper, und das wiederum kann die Leberwerte senken. Wieweit dies hilft, wissen wir aber noch nicht.

Am meisten versprechen Wissenschaftler sich aber von Wirkstoffen, die sich gezielt auf das Hepatitis-C-Virus richten, ähnlich wie dies seit einiger Zeit gegen den AIDS-Erreger HIV gelingt. Zu diesem Zweck haben sie die Struktur des Hepatitis-C-Virus detailliert ermittelt. Das Genom des Virus besteht aus einem einzigen RNA-Strang. Dessen Größe und Aufbau ähneln den Genomen des Gelbfieber- und des Dengue-Fieber-Virus. Sie alle gehören in die Gruppe der Flaviviren.

In einer infizierten Zelle stellen Enzyme an der Virus-RNA, die als Matrize dient, ein einziges sehr langes Proteinmolekül her (Bild Seite 32/33 oben). Dieses "Polyprotein" wird anschließend in mehrere, die eigentlichen, viralen Proteine gespalten. Diese haben unterschiedliche Funktionen: Manche stellen Bausteine für die neuen Viruspartikel dar; andere sind Enzyme und helfen, die Anfangs-RNA zu verdoppeln (Bild Seite 33 unten). An beiden Enden des viralen Genoms liegen kurze RNA-Abschnitte, die nicht zum Protein umgeschrieben werden. Einer davon veranlaßt offenbar die infizierte Zelle, das Polyprotein herzustellen. Dieser Abschnitt ist ein wichtiger Ansatzpunkt für medizinische Diagnosen. Der andere Abschnitt hingegen scheint wichtig zu sein, um die RNA-Verdoppelung einzuleiten.

Zu den Strukturproteinen gehört zum einen ein Protein ( das "Core"-Protein), das die RNA im "Nucleocapsid" einhüllt. Hinzu kommen zwei Hüllproteine, die das Nucleocapsid umschließen. Zu den enzymatischen Proteinen gehören unter anderem: eine Protease, die das Polyprotein spaltet; eine Triphosphatase, welche die RNA-Bausteine "abliest"; eine Polymerase zur Verdopplung der viralen RNA; und eine Helikase, um die neu gebildete RNA zu entwinden.

Die Protease und die Helikase von HCV haben Wissenschaftler mittlerweile eingehend charakterisiert. Auch konnten sie deren räumliche Form durch Röntgenstrukturanalyse aufklären. Beides ist Voraussetzung, um Medikamente zu entwickeln, die ein Enzym hemmen. Hieran arbeiten verschiedene Pharmaunternehmen, so Schering-Plough,Agou-ron Pharmaceuticals, Eli Lilly und Vertex Pharmaceuticals. Bis zur klinischen Erprobung werden wahrscheinlich nur noch wenige Jahre verstreichen. Auch die Polymerase von HCV kommt als Zielmolekül in Frage. Ob das Virus später gegen solche Wirkstoffe resistent wird, bleibt abzuwarten.

Wahrscheinlich wird es den Forschern bald leichter gemacht, solche Therapien für Hepatitis C zu entwickeln. Kürzlich nämlich beschrieben Ralf Bartenschlager und seine Kollegen vom Institut für Virologie der Universität Mainz eine gentechnisch konstruierte RNA – ein "Minigenom". Das Kunstmolekül enthält die codierenden Abschnitte für die HCV-Enzyme und vermehrt sich in Kulturen von Leberkrebszellen. An diesem Konstrukt könnten Wissenschaftler in Zukunft vielleicht prüfen, ob die von ihnen entwickelten Enzymhemmstoffe in gewünschter Weise wirken.

Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt wären die Sternzellen, welche die Leberfibrose herbeiführen. An der krankhaften Aktivierung der Sternzellen sind "Cytokine" beteiligt. Bestimmte Leberzellen geben diese Signalsubstanzen ab, wenn Lymphocyten (Immunzellen) sie dazu anregen. Es wäre ein großer Fortschritt, könnte man diesen Vorgang zum Stillstand bringen.

Andere Molekulargenetiker zielen auf die kurzen Endabschnitte des Virusgenoms ab. So arbeitet die Firma Ribozyme Pharmaceuticals daran, Moleküle zu konstruieren, die am Genomende gezielt bestimmte Sequenzen herausschneiden. Dafür wären "Ribozyme" (sogenannte RNA-Enzyme) oder verwandte Moleküle geeignet. Ein Hauptproblem wird dabei sein, überhaupt genügend Ribozyme in die infizierten Zellen einzuschleusen.

Dieselbe Schwierigkeit müssen die Forscher bei anderen neuartigen Konzepten, die ihnen vorschweben, ebenfalls meistern: bei einer Gentherapie etwa, um die Leberzellen gegen die Infektion unempfindlich zu machen; bei einer Therapie mit "Antisense"-RNA, dem "gegensinnigen" Molekül, das ein bestimmtes Virus lahmlegt; oder um gentechnisch hergestellte Proteine einzuschleusen, die von der Hepatitis-C-Protease gespalten werden und daraufhin den Selbstzerstörungsmechanismus der Zelle aktivieren.

Leider stehen für diese Forschungen gerade jetzt viel zu wenig Gelder bereit. Dabei geht es um die Gesundheit von Millionen Menschen. Dennoch sind wir zuversichtlich, daß die Therapie von Hepatitis C, dieser stillen Volksseuche, bald deutliche Fortschritte macht. Möglicherweise finden die Forscher endlich auch einen Impfstoff. Wir müssen alles tun, diese Forschungen schneller voranzutreiben.

Literaturhinweise


Management of Hepatitis C in: Hepatology, Bd. 26, Nr. 1, S. 2S–10S (1997).

Interferon Alfa-2B Alone or in Combination with Ribavirin as Initial Treatment for Chronic Hepatitis C. Von John G. McHutchison et al. in: New England Journal of Medicine, Bd. 339, Nr. 21, S. 1485–1492, 19. November 1998.

Molecular Characterization of Hepatitis C Virus. Zweite Auflage. Von Karen E. Reed und Charles M. Rice in: Hepatitis C Virus. Von H. W. Reesink (Hg.), Karger, Basel 1998.

Replication of Subgenomic Hepatitis C Virus RNAs in a Hepatoma Cell Line. Von V. Lohmann et al. in: Science, Bd. 285, S. 110–113, 2. July 1999.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000, Seite 28
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000

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