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Geburt: Hilfe bei der Geburt

Schon seit mehreren Millionen Jahren gebären Frauen vermutlich ungern alleine. Denn der aufrechte Gang und das große Gehirn des Menschen machten die Geburt so schwierig, dass Beistand die Gefahren für Mutter und Kind erheblich mindert.


Noch liegt Nebel über den Hütten. Leise zerteilen einsame Schritte die Stille. Im ersten Morgengrau taucht die Silhouette einer jungen hochschwangeren Frau auf. Schwerfällig bahnt sie sich einen Weg aus dem Dorf in den nahe gelegenen Wald. Wie es bei ihrem Volk Sitte ist, wird sie sich einen geschützten Platz suchen und ihr Baby zur Welt bringen – allein. Nach einigen Stunden wird sie zurückkehren und dem stolzen Vater das Neugeborene in die Arme legen.

So romantisch geht es in Wirklichkeit fast nirgends zu. Nur Bücher und Filme verklären die Geburt bei Naturvölkern: In der Fantasie der Autoren gebären Frauen in ursprünglichen Gesellschaften leicht und ohne fremde Hilfe. Der wissenschaftliche Befund lautet völlig anders. Nach Erkenntnissen von Anthropologen lassen sich heutzutage die Frauen aller Kulturen nach Möglichkeit bei der Entbindung helfen. Selbst bei den !Kung, Buschleuten der Kalahari, bei denen die einsame Geburt als kulturelles Ideal gilt, bleibt die Gebärende selten auf sich allein gestellt. Mutter, Schwestern und andere erfahrene Frauen leisten ihr Beistand. Erst wenn eine !Kung-Frau schon mehreren Kindern das Leben geschenkt hat, vermag sie auch ohne fremde Hilfe zu entbinden.

Hinderlicher aufrechter Gang

"Unter Schmerzen sollst du deine Kinder gebären" – lautete Gottes Strafe für Eva und ihre weiblichen Nachkommen nach dem Sündenfall. Dennoch wünschen und benötigen Frauen Beistand bei der Niederkunft nicht nur wegen der Schmerzen. Denn eine Geburt ist tatsächlich aus anatomischen Gründen heikel – der Preis für unser großes Gehirn, das sich beim Gebären schwer mit den anatomischen Anforderungen des aufrechten Gangs verträgt. Dieser bestimmt die Form unseres Beckens. Dem Geburtskanal setzt die aufrechte Gehweise nicht nur buchstäblich enge Grenzen, sondern macht ihn auch in sich gewunden. Das zwingt den Säugling, auf seinem Weg ans Licht der Welt bestimmte komplizierte Drehungen zu vollführen.

Obwohl dies lange bekannt ist, begreifen Anthropologen erst jetzt, dass unsere Vorfahren sicherlich schon in Urzeiten mit Komplikationen bei der Geburt zu kämpfen hatten. Rekonstruiert man den Geburtskanal an hominiden Fossilien, so dürften Frauen dabei seit mindestens 100000 Jahren Hilfe beansprucht haben. Vielleicht wurde Geburtshilfe sogar noch viel früher in der menschlichen Evolution praktiziert, obwohl damals das Gehirn noch nicht so groß war. Als vor über zwei Millionen Jahren die Gattung Homo auftrat, könnte es sie bereits gegeben haben, vielleicht sogar schon, seitdem die ersten Hominiden vor etwa fünf Millionen Jahren den aufrechten Gang erwarben und das Becken sich deswegen verändert hatte. Wir vermuten, dass der Wunsch einer Gebärenden nach Beistand sich in unserer Stammlinie recht früh einpflanzte, und dass seine Ursache nicht nur die soziale Natur des Menschen ist. Auch dies unterscheidet uns von unseren nächsten Primatenverwandten.

Bei einem Neugeborenen unserer Tage ist der Kopf von oben betrachtet oval, mit dem längsten Durchmesser von der Stirn zum Hinterkopf, und hinten etwas dicker. In der Längsachse misst er durchschnittlich zehn Zentimeter. Quer dazu steht der Schultergürtel, mit zwölf Zentimetern etwas sperriger, aber auch beweglicher. Die ovale Beckenöffnung der Mutter misst durchschnittlich 13 mal 10 Zentimeter. Sie bietet damit dem Säugling im Prinzip ausreichend Raum, wenn auch Kopf und Schultern nicht gleichzeitig hindurchpassen.

Hinzu kommt aber, dass der Querschnitt des Geburtskanals variiert. Im oberen Abschnitt, hin zur Gebärmutter, erstreckt sich die längste Achse des Ovals im Becken von rechts nach links. In der Mitte des Kanals dreht sie sich um neunzig Grad. Nun weist die längere Achse vom Bauch zum Rücken, wobei die bauchwärts gelegene Seite etwas mehr Raum bietet.

Das Kind muss während der Geburt also Kopf und Schultern stets in die jeweils günstigste Richtung bringen. Wenn es in den Geburtsweg eintritt, schaut das Gesicht zur Seite. Später muss es das Gesicht zum mütterlichen Rücken drehen, sodass der etwas breitere Hinterkopf an das Schambein gepresst wird. Die Schultern liegen nun in der Mutter quer. Sobald der Kopf ins Freie kommt, dreht das Kind ihn wieder etwas zur Seite, womit auch die Schultern in die günstigere Lage zwischen Steißbein und Schambein rutschen.

Gedrehter Geburtskanal und großer Kopf

Aber nicht nur diese Drehungen im engen Geburtskanal machen den Vorgang heikel. Hinzu kommt, dass es für die Mutter schwierig ist, selbst einzugreifen. Egal, ob sie bei der Geburt hockt, sitzt oder liegt: Wollte sie das Kind eigenhändig herausziehen, bestünde die Gefahr, dass die kindliche Wirbelsäule gegen deren natürliche Krümmung gebogen würde und das Neugeborene Verletzungen an Rückenmark, Nerven oder Muskeln erlitte. Auch wäre es für die Mutter alles andere als einfach, gleich selbst die Atemwege des Kindes zu reinigen oder es gar von einer um den Hals gewickelten Nabelschnur zu befreien. Solange der Säugling noch mit der Nabelschnur verbunden ist, vermag sie ihn nicht einmal ohne weiteres an die Brust zu holen.

Andere Primaten haben es leichter. Zwar besitzen auch deren Neugeborene einen ovalen Kopf, der bei vielen Arten knapp durch die Geburtsöffnung passt. Doch der ebenfalls im Querschnitt ovale Geburtskanal verwindet sich nicht.

Wann in unserer Stammesgeschichte mag sich das geändert haben? Als Modell für die Verhältnisse bei direkten Vorfahren des Menschen, die beim Gebären noch nicht Hilfe in Anspruch nahmen, eignen sich unter den heute lebenden Primaten weniger die Menschenaffen. Mit denen sind wir zwar am engsten verwandt. Doch um sich den Geburtsvorgang bei vormenschlichen Primaten vorzustellen, sollte man besser Tieraffen, also etwa Paviane oder Rhesusaffen, zum Vergleich heranziehen.

Schließlich stammen wir nicht von den heutigen Menschenaffen ab, sondern wir haben mit ihnen nur gemeinsame Vorfahren. Die Vorfahren der Menschenaffen haben später ihre eigenen Entwicklungen durchgemacht. Ein potenzieller Vorfahre des Menschen, der vor rund 25 Millionen Jahren lebende Proconsul, ähnelte zwar äußerlich den heutigen Menschenaffen. Er besaß etwa keinen Schwanz mehr. Nach seinem Skelettbau bewegte er sich jedoch eher wie ein Tieraffe. Auch sein Becken glich stärker dem eines Tieraffen.

Bei Schimpansen lässt der Geburtskanal dem Jungen vergleichsweise viel Raum. Bei Tieraffen hingegen sind die Verhältnisse eng: Typischerweise passt der Kopf gerade noch hindurch.

Allerdings muss das Affenjunge sich nicht drehen, denn der Kanal behält seine Form im Querschnitt von Anfang bis Ende bei. Die längere Achse des Ovals zieht von vorn nach hinten, vom Bauch zum Rücken der Mutter.

Unter diesen Umständen verläuft eine Geburt normalerweise glatt: Während der Niederkunft hockt sich die Affenmutter hin oder kauert sich auf alle Viere. Die Wehen pressen den Säugling dann mit dem Kopf voran in den Kanal, wobei der breite Hinterschädel durch den etwas geräumigeren Bereich zwischen Becken und Steißbein der Mutter rutscht. Auf diese Weise kommt das Affenbaby mit dem Gesicht nach vorn auf die Welt, blickt also in die gleiche Richtung wie die Mutter.

Sobald der Kopf herausschaut, greift die Affenmutter nach dem Jungen und hilft ihm ins Freie. Sie zieht es zu sich, und oft wischt sie ihm Schleim vom Gesicht und erleichtert ihm so das Atmen. Die Affenkinder selbst sind kräftig genug, ins Fell der Mutter zu greifen, sobald ihre Hände frei sind, und sich allein aus dem Geburtskanal herauszuziehen.

Für Menschenfrauen wäre vieles leichter, wenn auch ihre Babys mit dem Gesicht nach vorn zur Welt kämen. Doch unter den gegebenen Umständen verrichten andere Personen all das, was eine Affenmutter alleine erledigt. Hebammen ersetzen außerdem Verhaltensweisen, zu denen das relativ hilflose menschliche Neugeborene nicht in der Lage ist. Man darf annehmen, dass Geburtshilfe seit jeher die Sterblichkeit von Mutter und Kind vermindert.

Sicher haben Frauen früher, wie auch heute noch, allein geboren. Dies dürften aber seit jeher eher Ausnahmen gewesen sein. Es kann gut sein, dass die Geburtshilfe in menschlichen Kulturen einem universalen Brauch gleichkommt.

Unseres Erachtens könnte das bedeuten, dass der Beistand bei der Geburt in der menschlichen Stammlinie ziemlich alte Wurzeln hat. Ein derart komplexes Verhalten lässt sich an Fossilien zwar nicht direkt ablesen. Man kann aber an fossilen Skeletten den Geburtsablauf rekonstruieren – und daraus Schlüsse ziehen –, sofern man die Größenverhältnisse des Beckens der Frau und des kindlichen Kopfes kennt oder errechnen kann.

Für die meisten Epochen der menschlichen Evolution ist die Anatomie des Beckens mittlerweile bekannt. Die Maße der Säuglingsköpfe lassen sich nach den Schädeldaten Erwachsener abschätzen. Denn während Schädel von erwachsenen Individuen in größerer Zahl existieren, sind die zarten Knochen von Neugeborenen gewöhnlich erst überliefert, seit Menschen vor etwa 100000 Jahren ihre Toten zu bestatten begannen. Anhand solcher Daten und Berechnungen gingen wir und andere Forscher auch der Frage nach, ob die Kinder früher Hominiden mit dem Gesicht nach vorne oder nach hinten zur Welt kamen. Mit solchen Ergebnissen lässt sich abschätzen, wie schwierig und riskant die Geburt in den einzelnen Phasen unserer Evolution war – ob die Mütter sie allein bewältigen konnten oder Hilfe in Anspruch nehmen mussten.

Schwere Geburt schon bei Vormenschen

Am Beginn der menschlichen Evolution spielte eine zunehmende Schädelgröße noch keine besondere Rolle – das Gehirn vergrößerte sich erst später so auffallend. Den ersten entscheidenden Schritt, der auf den Ablauf der Geburt bereits beträchtlichen Einfluss hatte, stellte vielmehr der Übergang zum aufrechten Gang dar. Die Abkehr von der für Primaten typischen Niederkunft dürfte mit dem Erscheinen der Gattung Australopithecus vor rund vier Millionen Jahren zusammenfallen. Diese frühen afrikanischen Hominiden wurden nur etwa 1,20 Meter groß. Ihre Gehirne hatten nur wenig mehr Volumen als die heutiger Schimpansen. Doch wandelten sie bereits auf zwei Beinen.

Welche von den verschiedenen Australopithecus-Arten zur direkten Stammlinie des Menschen gehören, ist nicht sicher. Trotzdem sind Daten über ihre Beckenanatomie aufschlussreich, auch wenn diese von einer etwas abseits stehenden Art stammen sollten. Denn bei der gesamten Gruppe dieser Hominiden dürfte der aufrechte Gang die Größe von Becken und Geburtskanal in ähnlicher Weise verändert und begrenzt haben.

Wie das Becken weiblicher Australopithecinen aussah, verraten zwei komplett erhaltene weibliche Skelette. Eines, als "Sts 14" katalogisiert, stammt von Sterkfontein in der südafrikanischen Region Transvaal. Sein Alter wird auf zweieinhalb Millionen Jahre geschätzt. Bei dem zweiten handelt es sich um die berühmte Lucy aus der Hadar-Region in Äthiopien, die etwas über drei Millionen Jahre alt sein dürfte. Beide Skelette lassen erahnen, dass die Geburt bei diesen frühen Hominiden vollkommen anders ablief als bei allen heutigen Primaten einschließlich des Menschen. Das folgerten C. Owen Lovejoy von der Kent State University (US-Bundesstaat Ohio) und Robert G. Tague von der Louisiana State University mit Hauptsitz in Baton Rouge. Mitte der achtziger Jahre untersuchten diese Anthropologen beide Fossilien und verglichen die Daten mit der geschätzten Schädelgröße damaliger Neugeborener (siehe "Die Evolution des aufrechten Gangs" von C. Owen Lovejoy, SdW 10/89, S. 92).

Der Geburtskanal der Australopithecinen war nämlich ein auffallend flaches Oval, dessen Längsachse nicht – wie sonst bei Primaten – vom Bauch zum Rücken zeigte. Vielmehr erstreckte diese Achse sich von einer Körperseite zur anderen. Der Kanal war nicht in sich gedreht. Das heißt, das Kind konnte mit dem Kopf glatten Weges hindurchtreten, und zwar in Seitenlage. Wir vermuten aber, dass es zumindest den Kopf drehen musste, sobald der ins Freie kam, damit zuletzt auch die Schultern durchpassten.

Hierdurch gerieten die Australopithecinen oft in eine Situation, die bei Primaten bisher nicht da gewesen war: Genauso gut wie nach vorn zur Mutter konnte das Gesicht des Kindes am Ende nach hinten schauen. Wegen der anatomischen Verhältnisse war die Richtung der Drehung praktisch beliebig. Zeigte das Gesicht aber zufällig nach hinten, brachte das die Frau womöglich in eine prekäre Lage. Vermutlich war es für sie und ihr Kind dann vorteilhaft, wenn nun andere Frauen geschickt zugriffen. Geburtshilfe könnte darum schon bei den Australopithecinen vorgekommen sein.

Als hätte der aufrechte Gang die Geburt nicht schon genügend verkompliziert, bereitete das größer werdende Gehirn zusätzliche Probleme. Eine nennenswerte Gehirnzunahme setzte erst in der Gattung Homo ein, mehrere Millionen Jahre nachdem die Vorfahren des Menschen sich aufgerichtet hatten.

Einigermaßen vollständig erhaltene fossile Skelette früher Homo-Arten sind selten. Das kompletteste Exemplar, das gut 1,5 Millionen Jahre alte Nariokotome-Fossil aus Kenia, gehörte einem Halbwüchsigen, der häufig als Turkana-Junge bezeichnet wird. Wissenschaftler schätzen, dass dessen erwachsene Zeitgenossen bereits ein ungefähr doppelt so großes Gehirn hatten wie Australopithecinen. Es erreichte damit rund zwei Drittel unserer Gehirnmasse.

Großes Gehirn erst dank Hebammen

Christopher B. Ruff von der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) und Alan Walker von der Pennsylvania State University haben aus den fossilen Fragmenten die Form des Beckens rekonstruiert und hochgerechnet, wie sie wohl bei einem Erwachsenen ausgesehen haben mag. Aus den deutlichen Unterschieden männlicher und weiblicher Beckenform späterer Menschenarten erschlossen die Forscher, wie Becken und Geburtskanal von Frauen im Umfeld des Turkana-Jungen geformt waren. Danach musste das Kind ein abgeflachtes Oval durchqueren, das sich zu den Beckenseiten hin streckte, so wie bei den Australopithecinen. Ruff und Walker vermuteten, dass auch die Geburt in vergleichbarer Weise ablief.

Diese Beobachtung brachte eine interessante Hypothese auf, der Wissenschaftler in den letzten Jahren nachgingen. Konnte es sein, dass in unserer Evolution die Gehirnzunahme bei frühen Homo-Arten auf die Grenzen stieß, die der Geburtskanal wegen des aufrechten Gangs schon damals setzte? Der Kopf des Neugeborenen konnte nach diesen Überlegungen nur in dem Maße größer werden, wie auch das Becken in geeigneter Weise geräumiger wurde. Bei den Australopithecinen war der Durchgang im Becken zwar ziemlich breit, aber zugleich sehr flach, sodass nur ein recht kleiner Kopf hindurchpasste.

Die Erweiterung des Geburtskanals und die Vergrößerung des Gehirns wären nach dieser These bei den frühen Menschen Hand in Hand gegangen. Das Gehirnvolumen konnte wachsen, indem das Becken sich so veränderte, dass ein größerer Kopf hindurchpasste, wenn auch nun auf gewundenem Wege. Hilfestellung beim Gebären war dazu vermutlich Voraussetzung. Die rasante Zunahme der Gehirngröße, die vor zwei Millionen einsetzte und bis vor 100000 Jahren anhielt, wurde nach diesen Überlegungen durch den Umbau des Beckens im Verein mit Geburtshilfe möglich. Fossilfunde stützen diesen Zusammenhang für die letzten 300000 Jahre. In den vergangenen zwanzig Jahren entdeckten Wissenschaftler drei Beckenskelette von archaischen Homo sapiens, die bereits ein sehr großes Gehirn besaßen:

- in Sima de los Huesos in der spanischen Sierra Atapuerca über 200000 Jahre alte Fossilien eines Mannes;

- im chinesischen Jinniushan 280000 Jahre alte weibliche Skelettreste;

- in Israel die rund 60000 Jahre alten Knochen eines Mannes – des Kebara-Neandertalers.

Bei allen Dreien hat das innere Becken die gleiche Drehung wie beim modernen Menschen. Dies deutet darauf hin, dass die Kinder höchstwahrscheinlich schon damals im Geburtskanal Kopf und Schultern drehen mussten. Im Augenblick der Geburt schaute das Gesicht nach hinten, was es der Mutter schwer machte, allein zurechtzukommen.

Auch wenn eine Geburt beim Menschen schon aus anatomischen Gründen alles andere als trivial ist: Wir vermuten dennoch, dass in unserer Evolution der Wunsch der Gebärenden nach Beistand nicht nur deswegen aufkam. Wahrscheinlich lösten Schmerz und Angst auch das seelische Bedürfnis aus, nicht allein zu sein und jemanden um sich zu haben, dem man vertrauen kann und der im Notfall Hilfe leistet.

Ähnliche Gefühle erleben Menschen auch bei Krankheiten und Verletzungen. Psychologen und Anthropologen vermuten, dass sich solche Empfindungen mit unserer Evolution herausbildeten – wie auch auf der anderen Seite die Bereitschaft zu helfen. Denn die willkommene Hilfestellung bietet einen Selektionsvorteil: Stehen Artgenossen einem Individuum in Not zur Seite, steigen seine Überlebenschancen (siehe auch "Der evolutionäre Ursprung von Krankheiten", SdW 1/99, S. 38). Dies gilt auch für Mutter und Kind. Wohl nicht von ungefähr erleben Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, solche Gefühle in starkem Maße.

Gebärende unserer Zeit haben als Vermächtnis unserer Stammesgeschichte also gleich zwei Gründe, um Beistand zu ersuchen: Sie und das Kind benötigen physisch Hilfestellung, aber sie fühlen auch den starken Wunsch, während der Strapazen der Geburt nicht allein gelassen zu sein. Dies mag vielleicht weniger romantisch klingen als die Geschichten von einsam Gebärenden. Das komplexe Wechselspiel zwischen der Anatomie des aufrechten Ganges und den Anforderungen eines großen Gehirns ist dennoch faszinierender als verklärte Romanerzählungen. Und entgegen anders lautenden Behauptungen ist vielleicht der Beruf der Hebamme das älteste Gewerbe der Welt.

Literaturhinweise


On Fertile Ground: A Natural History of Human Reproduction. Von Peter T. Ellison. Harvard University Press, 2001.

Biedalism and Human Birth: The Obstetrical Dilemma Revisited. Von Karen R. Rosenberg und Wenda Trevathan in: Evolutionary Anthropology, Bd. 4 S. 161, 1996.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 30
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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