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Hinter dem Horizont. Von der Erkundung Afrikas bis zur Eroberung des Mount Everest: Die fotografischen Schätze der Royal Geographical Society.

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. GEO/Frederking und Thaler, München 1998. 340 Seiten, DM 98,–.

Die Royal Geographical Society (R.G.S.), 1830 in London aus einem Club britischer Weltenbummler hervorgegangen und später als „Reisebüro des britischen Empire“ charakterisiert, blickt inzwischen auf eine lange Tradi-tion zurück, in deren Mittelpunkt die Erforschung bis dato unbekannter Regionen der Erde steht. „Briten sind von jeher als Entdecker besonders erfolgreich gewesen, und die Society hat europäische Expeditionen an die entferntesten Enden der Erde geschickt und dadurch mitgeholfen, daß viele weiße Stellen auf der Weltkarte gefüllt werden konnten“, schreibt ihr vormaliger Direktor John Hemming in seiner Einführung zum vorliegenden Buch. Heute fördert und organisiert die R.G.S. eine Vielzahl von Expeditionen, die sich unter anderem der Erforschung großer Ökosysteme wie der Regenwälder oder der Ozeane widmen.

Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts bemühte sich die Society, die ausgesandten Forscher auch zum Photographieren anzuleiten. Mit der revolutionären Entwicklung photographischer Verfahren ab etwa 1880 und der Entwicklung moderner Handkameras im ersten Drittel dieses Jahrhunderts wurde dies zum Selbstläufer. Heute umfaßt das Archiv der R.G.S. neben einigen hunderttausend historischen Karten und Büchern rund eine halbe Million Photographien, von denen die meisten bisher unveröffentlicht sind. „Hinter dem Horizont“ präsentiert eine Auswahl von rund 300 Bildern aus dem Zeitraum von etwa 1860 bis zur Gegenwart.

Das Photomaterial ist durchweg phantastisch, und hierin liegt die größte Stärke des Buches. Die Bilder sind überwiegend ganzseitig und in hervorragender Qualität gedruckt. Bei der Reproduktion der alten Originalpositive und Glasplattennegative hat man sich offenbar große Mühe gegeben. Die mit langen Belichtungszeiten aufgenommenen Landschafts-, Städte- und Personenportraits bestechen durch ihre Klarheit und Tiefe sowie den ästhetischen Reiz ihrer Licht-Schatten-Komposition. Verglichen mit den Farbkompositionen der zeitgenössischen Photographen zeigen sich interessante Kontraste, aber auch Parallelen. Für den Laien bietet das einführende Kapitel „Die Welt im Objektiv“ einen knappen Überblick der Geschichte der Photographie und beschreibt anschaulich die Strapazen und technischen Widrigkeiten, unter denen die frühen Werke vor Ort entstanden.

Den Hauptteil des Buches bilden die Kapitel „Asien“, „Afrika“, „Die Pole“, „Der Nahe Osten“, „Australasien“ und „Amerika“, jeweils eingeleitet von einem knappen Essay, der den Leser auf die entsprechende Weltregion und die Geschichte ihrer Erforschung einstimmen soll. Diese Texte geben ein sehr heterogenes Bild ab.

Der Asien-Essay glänzt eher durch den Namen seines Verfassers, des Mount- Everest-Bezwingers Sir Edmund Hillary, als durch fundierte Auskünfte über asiatische Geographie. Hillarys persönliche Eindrücke von Ländern, Menschen und Kulturen wirken zum Teil reichlich einseitig und oberflächlich. Etwas merkwürdig wirkt der Kontrast zwischen dem unreflektierten Kolonialismus, wie er in dem Titel „Asien. Reich der Seide – Reich der Gewürze“ aufscheint, und dem Schlußsatz, der den Japanern eine ähnliche Grundhaltung vorwirft: „Warten wir es ab, ob das reiche Japan in Zukunft anfangen wird, auch einmal etwas zu geben, ohne dabei stets an den eigenen Vorteil zu denken“ (Seite 24).

Erfrischend emanzipatorisch wirkt im Vergleich dazu der Afrika-Essay des bekannten Paläoanthropologen Richard Leakey. Er relativiert den im Buch vorherrschenden britischen Entdeckerstolz mit einem Plädoyer für die Beteiligung der Afrikaner und ihres Wissens an jeder Form von zukunftsweisender Forschung, sowohl bei der Erfassung und Nutzung der genetischen Ressourcen des Kontinents als auch bei der Aufarbeitung der wahren Geschichte Afrikas.

Der Essay „Wüste und Oase“ zum Phototeil über den Nahen Osten ist ein Auszug aus einem Buch des Forschungsreisenden und Photografen Sir Wilfred Thesiger, eine spannende und einfühlsame Beschreibung der Durchquerung der Rub al-Khali mit Hilfe seiner Beduinen-Freunde. Aber wer nun wissen möchte, wo diese Wüste liegt, findet im Buch keine einzige Karte.

Innerhalb der Regionalkapitel folgt die Präsentation der Photos im wesentlichen der historischen Chronologie: von den ältesten, im nassen Kollodiumverfahren hergestellten Photographien bis zu den Farbphotos aktueller Expeditionen. Das ist im Prinzip sinnvoll und hilfreich, aber es ist schon etwas verwirrend, im Kapitel „Amerika“ innerhalb von vier Seiten vom brasilianischen Regenwald zum kalifornischen Yosemite-Tal und über Jamaika wieder zurück zum Mato Grosso zu reisen.

Der Genuß der Photos wird durch die Lektüre der Bildunterschriften leider häufig geschmälert. Dies gilt besonders für die zahlreichen ethnographischen Aufnahmen. Fehlerhafte oder ungenaue Beschreibungen, die wiederholte Verwendung des Begriffes „Eingeborene“ und banale Aussagen wie „Musik und Tanz spielen eine wichtige Rolle im traditionellen Leben der Australier“ (Seite 263) lassen vermuten, daß die Herausgeber keine ethnologischen Fachleute zu Rate gezogen haben. Dies würde auch

erklären, warum kaum einmal von den Umständen die Rede ist, unter denen die Photos entstanden sind. Dabei ist an ihnen einiges abzulesen: gestellte Posen, Requisiten, die das Flair des Exotischen vermitteln sollen, Abwehrhaltung der Photographierten, die Spontaneität einer Momentaufnahme und anderes mehr.

Die wichtigsten Photographen werden zwar in einem biographischen Anhang vorgestellt, bleiben aber im doppelten Sinne unsichtbar. So lassen die lachenden Gesichter und die Würde der meisterhaften Portraits von Frank Kingdon-Ward ab Seite 67 auf ein besonderes Verhältnis zu den Photographierten schließen, aber man erfährt nichts darüber.

Unbefriedigend ist schließlich, daß die koloniale Vorreiterrolle vieler R.G.S.-Expeditionen und die kolonialistische Funktion ihrer Bildproduktion eingangs nur kurz erwähnt, aber nicht ausführlich thematisiert werden.

Ohne Zweifel zeigt der eindrucksvolle Bildband einmalige Schätze; aber die Art der Präsentation wird ihrem Wert und ihrer historischen Aussagekraft nur zum Teil gerecht. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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