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Hirschhausens Hirnschmalz: Stimmung in der Schwitzhütte

Ein künstliches Fieber scheint gegen Depression zu helfen
Eckart von Hirschhausen

Psychiatrie fand ich immer spannender als Gastroenterologie. Was Menschen im Innersten beschäftigt, lässt sich im Gespräch oder mit einer Darmspiegelung herausfinden, je nachdem, wo man das Innerste vermutet. Dabei gibt es Verbindungen. Eine aktuelle These lautet, dass der Darm an Depressionen beteiligt ist: Die Bakterien in unseren Eingeweiden produzieren Stoffe, die Veränderungen im Gehirn auslösen können. Patienten, die sagen "Ich fühl mich scheiße", hätten dieses Konzept damit intuitiv schon lange vorweggenommen.

Bitte kreuzen Sie an: Ab 38,5 Grad Körpertemperatur …

  1. A) … werde ich durstig.
  2. B) … mach ich mich nackig.
  3. C) … nehme ich fiebersenkende Medikamente.
  4. D) … beklatsche ich den Aufguss des Saunameisters.

Andere Depressive bezeichnen sich dagegen als "innerlich eingefroren". In einer aktuellen Studie testeten Psychiater um Charles Raison von der University of Wisconsin–Madison, ob Hitze gegen Schwermut hilft. Tatsächlich sind bei einer klinischen Depression nicht nur die Gefühle gestört, sondern auch die Thermoregulation. Wohl wegen einer fehlerhaften Verarbeitung von Wärmereizen ist die Körperkerntemperatur der Betroffenen dabei aber in Wahrheit sogar leicht erhöht.

Die Forscher heizten den depressiven Probanden nun mit Infrarotlicht kräftig ein – bis zu einer Körpertemperatur von 38,5 Grad, also künstlichem Fieber. In der Kontrollgruppe gab es "Placebo"-Wärme nur an bestimmte Hautpartien, aber der Körperkern wurde dadurch nur leicht erhitzt. Das Verblüffende: Wer eine Stunde lang künstlich zum Schwitzen gebracht wurde, dem ging es anschließend besser. Dieser Effekt war sogar nach sechs Wochen noch nachweisbar!

Mich freut an dieser Studie, dass die Psychiatrie endlich wiederentdeckt, dass Patienten einen Körper haben, über den man die Seele erreichen kann. Dafür wurde es höchste Zeit. Denn die Beweise häufen sich, dass viele Psychomedikamente kaum besser wirken als ein Placebo, die meisten haben heftige Nebenwirkungen.

Warum also stattdessen nicht mal in die Sauna gehen? Dass die unsere Stimmung aufhellt, kann man nach jedem Aufguss erleben. Die Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System ist ebenfalls gut belegt. Vielleicht noch besser: sich selbst zum Schwitzen bringen. Wer Sport treibt, tut das meist für seinen Körper. Aber die positiven Gefühle dabei dürften mindestens genauso wichtig sein, und die sind wiederum gut fürs Herz.

Übrigens: So neu ist das alles nicht, auch wenn das eine erste Pilotstudie mit kleiner Teilnehmerzahl war. In der schamanistischen Tradition findet man den Zugang zur Seele durch die Schwitzhütte. Ich durfte einmal dieses uralte Ritual miterleben. Nackig ging ich in ein Zelt, in dessen Mitte glühende Steine die einzige Lichtquelle bildeten. Mit Gesängen und Gebeten bereitete man sich auf die Wandlung vor. Alle hatten sich vorher klar gemacht, was sie an Ballast loswerden wollten. Und das schwitzte man nun bei den Aufgüssen aus jeder Pore aus. Transpiration und Transformation verschmolzen so wie die Leiber der Teilnehmer, die irgendwann alle am Boden lagen, weil das der einzige Ort war, wo man es gerade noch aushalten konnte. Dann wurde man durch einen engen Ausgang des Zeltes "neu geboren".

Aufrecht, geklärt und dankbar für jeden Atemzug der frischen Luft begann ein neues Leben. Bin gespannt, wann es das auf Rezept gibt.

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