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Hirschhausens Hirnschmalz: Voodoo für die Wissenschaft

Warum Wissenschaftler Probanden dazu auffordern, gedanklich Nadeln in Voodoo-Puppen zu stechen
Eckart von HirschhausenLaden...

Stellen Sie sich vor, Sie könnten ein paar Nadeln in die unten abgebildete Voodoopuppe stecken. Sie dürfen sich dafür auch gerne das Bild ausdrucken und echte Stecknadeln oder Reißzwecken holen. Wie viele Stiche es werden, entscheiden Sie. Aber beachten Sie: Die Puppe repräsentiert Ihr Kind! Bevor Sie sich für die symbolische Strafe entscheiden, erinnern Sie sich bitte noch einmal an einen Moment, in dem Ihr Nachwuchs Sie schwer genervt hat, und schreiben Sie seine Initialen neben den Umriss.

So lautete die Aufgabe der Probanden in einer aktuellen Onlinestudie. Die gute Nachricht: 80 Prozent der Eltern wollten ihr Kind mit keinem einzigen Stich traktieren. Die schlechte Nachricht: Es waren keine 100 Prozent. Jeder Fünfte konnte sich das sehr wohl vorstellen – bis hin zum traurigen Rekord von 45 Nadeln. In einer Folgestudie, in der die Eltern an eine schöne Szene mit dem Kind denken sollten, pikste immer noch jeder Zehnte. Väter "nadelten" häufiger als Mütter, und Gebildetere griffen im Geiste wohl eher zu spitzen Worten als zu Folterinstrumenten. Kein Kind kam bei diesem Experiment zu Schaden.

Voodoo-Puppe mit NadelnLaden...
Voodoo-Puppe | Diese gezeichnete Puppe sollten die Probanden einer Studie gedanklich mit Nadeln malträtieren – um ihre unterschwellige Aggression gegenüber ihren Kindern zu messen.

Hinter dem scheinbar aus der Zeit gefallenen Versuchsaufbau steht eine ernste Frage: Wie lässt sich das Thema häusliche Gewalt untersuchen? Niemand gibt gern zu, dass er aggressive Impulse gegen sein Kind hegt oder es sogar körperlich bestraft. Die uralte magische Idee mit der Puppe bietet daher einiges modernes diagnostisches Potenzial. Die Forscher konnten zeigen, dass die Anzahl der fiktiven Nadeln mit Ergebnissen etablierter Fragebogen zur Aggression korreliert, mit Feindseligkeit und mit der Einstellung zum Prügeln.

Die Gewaltbereitschaft von Menschen versteckt sich unter einer dünnen Schicht Zivilisiertheit. Daher müssen Aggressionsforscher seit jeher trickreich vorgehen, um unsere Fähigkeit zum Fiessein gewissermaßen um die Ecke zu messen. So durften Probanden im Labor schon wählen, ob sie ein unliebsames Gegenüber mit vermeintlichen Elektroschocks bestrafen wollten oder mit schmerzhaft lautem Lärm. Auch eine scharfe Chilisoße, deren Dosierung die Versuchsteilnehmer bestimmen durften, kam bereits zum Einsatz.

Doch nehmen Menschen heutzutage Voodoozauber noch ernst? Das magische Denken steckt tiefer in uns, als wir glauben möchten. Sie können das gern mal in der nächsten Eckkneipe experimentell überprüfen: Kleben Sie ein Porträtfoto auf die Dartscheibe. Ändert sich Ihre Trefferquote? Geht es Ihnen auch so, dass Sie sich kaum trauen, auf das Gesicht eines Freundes oder eines Babys zu zielen? Aber bei Hitler voll drauf? Und ist Donald Trump der neueste Trumpf? Die Vorstellung, anderen Menschen mit Ritualen zu schaden oder Gutes zu tun, beeindruckt uns trotz ihrer Irrationalität. So offenbaren spielerische Tests unsere unbewussten Tendenzen.

Übrigens steckten Probanden deutlich mehr Nadeln in eine "Partnerpuppe", wenn sie auch angaben, täglich von diesem provoziert zu werden. Kriminologen wissen: Der gefährlichste Mensch in unserem Leben ist unser Lebenspartner. Haben Sie heute Abend schon was vor? Piksen Sie doch mal vorsichtig das Thema unterschwellige Aggressionen an und lassen Sie sich überraschen. Hoffentlich positiv. Vielleicht nehmen Sie zum Einstieg am besten Sicherheitsnadeln.

7/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 7/2016

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