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Medizin: Hormon-Irrweg verlassen

Die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren war lange Zeit eines der Lieblingskinder der Medizin. Seit erstem November mahnen neue Richtlinien Pharmaindustrie und Ärzte zur Zurückhaltung.


Wahrheit in der Medizin ist nur so alt wie die jüngste Studie. Und auch dann braucht es seine Zeit, bis Erkenntnisse Eingang in die Praxis finden. Propagiert als Jungbrunnen für die Frau in den Wechseljahren, bedauerten Ärzte noch kürzlich, dass nicht alle Frauen einer Hormontherapie zustimmten. Nun wissen sie: Die gesundheitlichen Risiken überwiegen den Nutzen bei weitem.

Jenseits der vierzig nimmt beinahe jede zweite deutsche Frau Hormonpräparate ein; zwei Drittel von ihnen gegen Beschwerden in den Wechseljahren. Vom Beginn unregelmäßiger Blutungen an bis zum Erliegen der zyklischen Eierstockfunktionen kann die nachlassende Hormonproduktion mit vegetativen Symptomen wie Hitzewallungen, aber auch psychischen und somatischen Beschwerden einhergehen. Manche betroffene Frau empfindet ihre Lebensqualität als stark eingeschränkt. In den letzten 15 Jahren verzehnfachte sich die Zahl hormonhaltiger Ersatzpräparate, die einige dieser Symptome lindern. Auch einen bremsenden Einfluss von Östrogen auf die Geschwindigkeit des altersbedingten Knochenabbaus konnte die Wissenschaft in den 1980er Jahren belegen. Weltweit empfahlen Ärzte folglich die Hormontherapie zur Vorbeugung der Osteoporose. Zusätzlich vermuteten viele Mediziner, Hormone könnten vor Gefäßerkrankungen und sogar vor Altersdemenz schützen. Klinische Studien fehlten aber.

Im selben Zeitraum mehrten sich Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Brustkrebs und der Einnahme von Östrogenen. Doch erst als im vergangenen Jahr die amerikanische Frauengesundheitsinitiative (WHI) eine Langzeitstudie abbrach, rückte das Thema Hormonersatztherapie in das Interesse der Öffentlichkeit. Der Hauptbestandteil einer solchen Therapie ist Östrogen. Für sich allein und ohne Unterbrechung eingenommen, verursacht es Zellteilungen im Uterus, die häufig zu Gebärmutterkrebs führen. Deshalb werden meist Kombinationspräparate mit Gestagen verordnet, das die Wirkung des Östrogens im Uterus blockiert.

Erschreckende Zahlen

Von 16600 gesunden Frauen, die an der WHI-Studie teilnahmen, wurde die Hälfte mit dem Gestagen-Östrogen-Präparat "Prembro" behandelt, die andere Hälfte bekam Placebos. Nach fünf Jahren musste die Studie jedoch gestoppt werden. Im Vergleich zur Kontrollgruppe war bei den hormonbehandelten Patientinnen die Zahl schwerer Erkrankungen signifikant gestiegen. Es kam unter 10000 Frauen zu 18 Thrombosen, acht Brustkrebserkrankungen, acht Schlaganfällen sowie sieben Herzinfarkten zusätzlich. Positiv wirkten sich die Hormone auf Darmkrebs und Osteoporose aus: Fünf Frauen weniger erlitten einen Oberschenkelhalsbruch und sechs weniger erkrankten an Darmkrebs.

Schnell wurde Kritik an der Studie laut. Besonders Fachgesellschaften und industrienahe Gynäkologen versuchten, die Ergebnisse der Studie zu verharmlosen. Auf Grund der Präparatwahl seien die Ergebnisse nicht auf andere Formen der Hormonersatztherapie übertragbar, hieß es. Erst die im vergangenen August veröffentlichte britische "Million Women"-Studie entkräftete dieses Argument endgültig. Durch Befragung von über einer Million Frauen im Alter von 50 bis 64 Jahren, die zwischen 1996 und 2001 an einem Screening-Programm teilnahmen, untersuchten Wissenschaftler den Einfluss verschiedener Hormonpräparate auf das Brustkrebsrisiko. Es erkrankten noch mehr Frauen, als bei der WHI-Studie, vor allem Anwenderinnen von Östrogen-Gestagen-Präparaten. Auch Darreichungsform und Dosierungshöhe konnten das erhöhte Risiko nicht mildern.

Ohne Hormontherapie droht etwa 32 von 1000 Frauen zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr eine Brustkrebs-Diagnose. In zehn Jahren kommt es unter Hormontherapie zu 19 zusätzlichen Krebsfällen. Das Risiko steigt schon zu Beginn und wächst mit Dauer der Einnahme um zehn Prozent jährlich. Entgegen früheren Annahmen werden Tumoren unter Östrogenbehandlung durch das hormonbedingt dichtere Brustdrüsengewebe erst später entdeckt. Sie haben zu diesem Zeitpunkt schon häufig Metastasen gebildet. Deshalb sinken durch eine Hormonersatztherapie auch die Heilungschancen. Etwa fünf Jahre nach Absetzen der Therapie scheint das Brustkrebsrisiko wieder ein altersgemäßes Niveau zu erreichen.

In Deutschland nahmen im vergangenen Jahr 4,5 Millionen Frauen Hormonersatzpräparate ein. Laut einer Befragung aus dem Jahr 2001 wendete jede dritte Konsumentin das Präparat länger als fünf Jahre an. Nach diesem Zeitraum ist die Gefahr von Krebserkrankungen bereits erheblich erhöht. Sozialmedizinern zufolge sind bis zu 8000 Brustkrebserkrankungen jährlich auf Hormonersatzpräparate zurückzuführen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führt nun eine Neubewertung dieser Präparate durch. Seit dem 1. November 2003 müssen die Produktinformationen erweiterte Angaben zu gesundheitlichen Risiken enthalten. Ärzte sind angehalten, Hormonersatzpräparate nur bei besonders schweren Fällen von Wechseljahrsbeschwerden und dann nur kurzzeitig zu verordnen. Eine jahrelange Einnahme von Hormonen zur Vorbeugung von Osteoporose soll nicht mehr stattfinden. Doch offenbar mangelt es vielen Ärzten an Information oder Einsicht. Immer noch bekennen sich Fachärzte dazu, die Hormonersatztherapie wie bisher fortführen zu wollen. Zusätzlich erbrachte eine aktuelle Umfrage des Forsa-Institutes, dass jede zweite Frau, die schon einmal wegen Wechseljahrsbeschwerden Hormone eingenommen hatte, vom Arzt weder über die Dauer noch über die Risiken der Behandlung informiert wurde.

Gesund durch die Wechseljahre

Wirksamkeit und Risiken pflanzlicher Hormonpräparate sind noch nicht ausreichend erforscht. Bei einigen ist die Wirksamkeit zweifelhaft. Andererseits scheint die Traubensilberkerze (Cimicifuga) wie Östrogen zu wirken und Hitzewallungen und Stimmungsprobleme günstig zu beeinflussen. Ob sie aber auch die kanzerogenen Eigenschaften des Östrogens besitzt, ist unbekannt.

Vielleicht sollten die Frauen nach der Hormoneuphorie des vergangenen Jahrzehnts wieder zu alten Weisheiten zurückkehren. Dass die persönliche Einstellung zum Alter mitbestimmt, wie die Menopause empfunden wird, zeigen Kulturen, die dem Jugend- und Schönheitskult weniger anhängen. Dort genießen viele Frauen das Alter als eine Zeit, in der sie wegen ihrer Lebenserfahrung besondere Achtung genießen. Sie klagen nur selten über die Wechseljahre. Nicht rauchen, viel Bewegung und gesunde kalziumreiche Ernährung sind weitere sinnvolle Empfehlungen zur Besserung des Befindens in der Wechselzeit – und zur Prävention von Osteoporose.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2003, Seite 85
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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