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Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution

Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer, Frankfurt am Main 1998. 288 Seiten, DM 44,–.


Stephen Jay Gould, Professor für Zoologie und Geologie an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts), ist international als Autor von Büchern zur Geschichte des Lebens und der Evolutionstheorie bekannt.

In dem vorliegenden Buch bindet er drei Gedankenstränge zusammen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: das Baseball-Spiel, seine persönliche Krebserkrankung und die biologische Evolution. Die verbindende Gemeinsamkeit ist die statistische Fehlinterpretation: Sie läßt gewisse Dinge als bemerkenswert erscheinen, die es in Wirklichkeit nicht sind.

Wer die allgemeinen Rahmenbedingungen nicht beachtet, kann leicht einen Trend annehmen, den es gar nicht gibt. Am Ende des ersten Teils "Wie man Trends erkennt und deutet" weist Gould auf solche Unzulänglichkeiten statistischer Beschreibungen hin (Seite 51): "Auf klassische Weise verdeutlicht das ein berühmter Statistiker: Er wies nach, daß zwischen den Haftstrafen wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit und der Zahl amerikanischer Baptistenprediger im 19. Jahrhundert ein genauer Zusammenhang besteht. Der Zusammenhang ist echt und stark, aber wir können annehmen, daß die beiden Zuwächse nicht in einer Kausalbeziehung stehen, sondern sich als Folgen aus einem einzigen, ganz anderen Faktor ergeben: aus dem allgemeinen Wachstum der amerikanischen Bevölkerung."

Der zweite Teil verdeutlicht an zwei Fällen, daß nicht, wie man üblicherweise unterstellt, ein statistischer Mittelwert, sondern die "Variation... einzig bedeutsame Realität" eines Phänomens ist. Der erste Fall: Eine durchschnittliche Lebenserwartung von acht Monaten nach der Diagnose einer Krebserkrankung wäre Anlaß zu tiefstem Pessimismus, wenn man sich nicht klarmacht, daß die Verteilung der Überlebenszeiten nicht symmetrisch ist – prinzipiell nicht sein kann, weil es Überlebenszeiten unter null nicht gibt: Wer stirbt, bevor sein Krebs diagnostiziert wurde, kommt nicht in die Statistik. Tatsächlich ist die Verteilung schief: Es gibt sehr wenige sehr lange Überlebende (zu denen in diesem Fall Gould selbst gehört).

Der zweite Fall weist die vermeintliche Entwicklungstendenz vom Urpferd zum modernen Pferd als Ergebnis einer willkürlichen Betrachtungsweise aus: Die inzwischen bekannten Fossilien belegen, daß eine Tendenz von der Mehr- zur Einhufigkeit, zu größeren Körpermaßen und anderen für das moderne Pferd charakteristischen Merkmalen in der Evolution der Pferde nicht nachweisbar ist. Das moderne Pferd ist der zufällige Überlebende einer Gruppe, deren Variationsbreite fast über den gesamten Zeitraum ihrer Geschichte Tiere unterschiedlichster Ausprägung umfaßte.

Der dritte Teil befaßt sich mit Baseballstatistik. Mit umfangreichen Auswertungen begründet Gould, warum eine scheinbare Tendenz zum Schlechteren, die Verminderung eines Trefferdurchschnitts, in Wirklichkeit Indiz dafür sein kann, daß die Spielleistungen insgesamt sich verbessern: Indem das Verhalten der Spieler sich vereinheitlicht, wird die Verteilung der Leistungen schmaler, und eine Meßgröße, die sich nur an den Maximalwerten (dem rechten Schwanz) einer Verteilung orientiert, muß abnehmen.

Im vierten Teil "Die bakterielle Form: Warum der Fortschritt nicht die Geschichte des Lebens bestimmt" wird diese Erkenntnis auf die Rekonstruktion der Evolution der Organismen angewandt. Üblicherweise wird diese als Zunahme von Komplexität mit dem Menschen als glorreichem Endpunkt dargestellt. Dieses Postulat einer zielgerichteten Entwicklung widerspricht der Theorie Charles Darwins (1809 bis 1882), wonach die wesentliche Triebkraft der Evolution der Zufall ist. Gould schreibt den Erfolg dieser Vorstellung der menschlichen Eitelkeit zu und führt auch die zugehörige statistische Fehlinterpretation an. Wie im Beispiel der Krebserkrankung gibt es eine absolute Untergrenze der Komplexität: Was einfacher ist als ein Bakterium, ist nicht selbständig überlebensfähig. Durch Variation der Organismen können sich also nur Lebensformen entwickeln, die mindestens genauso komplex sind wie Bakterien. Dabei bleibt die Hauptmasse der Organismen auf der bakteriellen Stufe, die wenigen zufälligen Abweichler sind jedoch die Formen, die hauptsächlich die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler erregen und so zur Illusion einer Fortschrittstendenz in der Evolution beitragen (Bild).

Die zentrale Aussage des Buches, nämlich die Ungerichtetheit darwinscher Evolution, ist zwar nicht neu, wurde aber bislang in der Diskussion um die Evolutionstheorie nicht ausreichend beachtet. Es ist sehr zu begrüßen, daß ein von seinem Gegenstand begeisterter Autor wie Gould dieses Thema aufgreift und populär macht.

Allerdings ist die Begeisterung des Autors für Baseball seinem essayistischen Geschick zum Trotz nicht auf mich übergesprungen: Das Kapitel über Baseball war eine Qual. Zudem bringt es keinerlei Erkenntnis, die nicht auch in den anderen Kapiteln zu finden wäre. Das Buch kann dennoch zu einem Lesevergnügen werden, wenn man Baseball mag oder den entsprechenden Abschnitt einfach überliest.Dr. Jürgen RießDresden


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1998, Seite 116
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 1998

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