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Winters' Nachschlag: Im Bann der Hängematte

Verglichen mit mancher ausgefuchsten Werbung ist Toxoplasma gondii ein blutiger Anfänger.
Uli Winters
Höchst zutreffend bezeichnet Simone Einzmann in ihrem Artikel ab S. 62 den Toxoplasmose-Erreger und andere Organismen, die auch Menschen befallen und deren Verhalten beeinflussen können, als "Marionettenspieler". Doch übersieht sie dabei einen noch viel gefährlicheren und verbreiteteren Hirnparasiten, der aus uns ferngesteuerte Untote macht: die Werbung.

Zum ersten Mal befiel mich ein solcher Werbeparasit im Alter von neun Jahren – in Form einer unscheinbaren Zigarettenanzeige in unserer Fernsehzeitschrift. Bei einem Preisausschreiben konnte man dort eine Hängematte mit zugehörigem Stahlrohrgestell gewinnen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen bohrte sich beim Anblick der Anzeige ein Parasit in mein Gehirn, der statt aus DNA und Proteinen aus Bild- und Textinformationen bestand.

Mit glasigem Blick heftete ich mich unter der Herrschaft des Eindringlings an die Fersen potenzieller Folgewirte: meiner nichts ahnenden Eltern. Bei Preisausschreiben gewinnt man nie etwas – so viel wusste ich bereits. Also schoss ich oder, genauer gesagt, der Zombie in Uli-Gestalt die Psyche meiner Eltern durch totale soziale Verweigerung und unendliche Wiederholung des Wortes "Hängematte" sturmreif: Kein Satz verließ mehr meine Lippen, der nicht irgendwie diesen Ausdruck enthielt.

Der Versuch meiner Mutter, mich mit einer selbst gebastelten Hängematte zufrieden zu stellen, scheiterte kläglich. Für mich war klar: Diese oder keine – und Letzteres kam nicht in Frage. Nach der dritten Nacht, in der ich mich geweigert hatte, ins Bett zu gehen ("Ich kann nur in einer Hängematte schlafen!"), und meine Eltern stündlich mit der Frage geweckt hatte, ob sie mir nicht das Objekt meiner Begierde besorgen können, hatte das Virus sein Ziel erreicht. Noch im Schlafanzug setzte sich mein Vater mit einem ähnlich glasigen Blick wie ich an den Schreibtisch und verfasste einen Brief an die betreffende Zigarettenfirma. In diesem flehte er sie an, uns ein Exemplar der Hängematte zu verkaufen, koste es, was es wolle, und flocht sogar noch die frei erfundene Behauptung ein, die gesamte Familie rauche seit Generationen Unmengen "Ihrer köstlichen Zigaretten".

Nach Tagen endlosen Wartens, während derer ich wie die im Artikel beschriebene von parasitären Wespen befallene Kakerlake in meinem Zimmer vegetierte, traf endlich die Antwort ein. Damit gerieten die Dinge völlig außer Kontrolle: Während mein Vater zur Bank raste, um den völlig überzogenen Betrag zu überweisen, versuchte meine Mutter verzweifelt, den bevorstehenden Sommerurlaub zu verschieben – würde doch sonst die Hängematte eventuell in unserer Abwesenheit eintreffen. Mein Bruder und ich räumten inzwischen im ganzen Haus dutzende in Frage kommende Stellplätze frei und verbannten alle hinderlichen Einrichtungsgegenstände in die Garage.

Und dann war endlich der große Tag gekommen, an dem die Post einen riesigen, mit chinesischen Schriftzeichen bedruckten Karton lieferte! Ich nahm ihn nur wie durch dichte Nebelschwaden wahr. Meine Erinnerung setzt erst in jenem Augenblick wieder ein, als ich von meiner Familie umringt in der im Vorgarten aufgebauten Hängematte lag, meinen Blick in die Wolken gerichtet.

Das dürfte wohl auch jener Moment gewesen sein, an dem der Parasit sich aufmachte, neue Opfer zu suchen, und meine Familie und mich als ausgehöhlte Wracks zurückließ. Ich spürte lediglich, dass mein Hinterteil auf Grund eines Konstruktionsfehlers des Hängemattengestells auf dem kalten Erdboden auflag. Ansonsten empfand ich nur eine unbeschreibliche Leere. Es begann zu regnen.

Wortlos zerlegten wir die Hängematte in ihre Einzelteile und räumten sie in die Garage. Erst zwölf Jahre später sollte sie diese wieder verlassen – um zur Müllkippe gefahren zu werden. Die Moral der Geschichte? Wenn Sie das nächste Mal "ich" sagen, überlegen Sie doch einmal, wer das eigentlich ist.

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