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Implantate & Co.

Künstliche Wurzeln im Kiefer, so genannte Implantate, kommen den natürlichen Verhältnissen näher als andere Prothesen.


Die Zahnfee braucht in Deutschland ein gutes finanzielles Polster: Nicht weniger als etwa 15 Millionen Zähne werden in hiesigen Praxen alljährlich gezogen. Damit der Mund gesund bleibt und auch künftig zu kauen vermag, fertigen Zahntechniker und Ärzte Ersatz an. Mittlerweile lassen sich drei Verfahren unterscheiden, von denen die Implantate etliche Vorteile haben, allerdings deutlich teurer kommen können.

Die schon den Etruskern bekannte Form solcher Prothesen ist herausnehmbar. Die Kunst dabei: Sie muss einerseits leicht zu entnehmen und andererseits sehr belastbar sein. Dafür gibt es heute technisch ausgereifte Halteelemente: Klammern genannte gebogene Metallarme klemmen durch Eigenspannung an gesunden Zähnen, als Geschiebe bezeichnete Fräsungen an Kronen und Prothesen passen exakt ineinander, Teleskopkronen sind hauchdünne Kronen, auf die als ein Gegenstück die Prothese aufgesetzt wird.

Die letzten beiden Möglichkeiten der Verankerung erfordern Überkronung gesunder Zähne, kosten also intakte Substanz, die erste kommt nur scheinbar ohne aus, denn die Klammern reiben Hartsubstanz ab. Darüber hinaus haben herausnehmbare Prothesen mitunter deutliche Nachteile: Zum einen empfindet sie der Patient anfangs meist als Fremdkörper, zum anderen werden die zur Befestigung genutzten Zähne über die Maßen belastet. Klammern als Halteelemente führen langfristig zum Abrieb von Schmelz, manchmal muss ein gesunder Zahn überkront, das heißt beschliffen werden, und mitunter verstärkt Hebelwirkung die auf die Zähne wirkende Kraft. Am Ende droht dann die Totalprothese. Dass sie heute immer seltener vorkommt, ist ein Erfolg von Prävention und moderner Therapie.

Eindeutig komfortabler ist fest sitzender Zahnersatz; auch verursacht er weniger Folgeschäden. Problematisch sind aber insbesondere die bekannten "Brücken": Intakte Zähne rechts und links einer Lücke werden beschliffen und überkront, daran wird der überbrückende Zahnersatz dauerhaft befestigt. Der Nachteil ist zunächst der Verlust gesunder Substanz. Bei sehr großen Prothesen droht zudem wieder Überlastung, denn die "Brückenpfeiler" müssen ja nun die gesamte Kaukraft aufnehmen.

Hinzu kommt ein generelles Problem: Bei Zahnverlust geht meist auch Kieferknochen verloren – gerade im ästhetisch wichtigen Frontbereich lassen sich solche Defekte durch konventionelle Brücken und Prothesen nicht immer kaschieren.

Eine medizinisch und ästhetisch optimale Lösung bieten Implantate. Das sind fest im Kiefer eingepflanzte Verankerungen, die mit einer einzelnen Krone versehen oder als Träger von Prothesen genutzt werden. Zu Beginn der Entwicklung, die bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hineinreicht, hatte man sie nur für Notfälle in Betracht gezogen. Seit ihrer wissenschaftlichen Anerkennung im Jahre 1982 hat sich die Implantologie aber so weiterentwickelt, dass man diese Technik heute vielfach als die überlegene Methode bezeichnen kann. Der Grund: Implantate helfen fast immer, die Begleit- und Folgeschäden herkömmlicher Prothesen zu vermeiden. In einer Studie von 1996 erwiesen sich 80 Prozent der untersuchten Implantate nach zwanzig Jahren als noch voll funktionstüchtig. Kein anderes Gebiet der Zahnmedizin hat im vergangenen Jahrzehnt auch nur annähernd so viele wissenschaftliche Untersuchungen hervorgebraucht wie die Implantologie.

Heute nutzt man als Grundwerkstoff der Wurzel fast ausschließlich Titan, nur hinsichtlich der optimalen Oberflächengestaltung gibt es unterschiedliche Auffassungen. Je größer die Kontaktfläche mit dem Kiefer, desto inniger und fester wird die Verbindung. Die einfachste Vergrößerungs-Methode ist das Schraubengewinde. Manche Implantate sind auch mit Hydroxylapatit beschichtet. Dieses Material, das beispielsweise bei hochwertigen Hüftgelenksimplantaten verwendet wird, entspricht in der chemischen Zusammensetzung etwa dem Knochen und kann deshalb eine enge, chemische Verbindung mit ihm eingehen. Das Hydroxylapatit wird im Laufe der Zeit teilweise abgebaut und durch Knochen ersetzt. Neuere Wurzel-Typen vergrößern die Mikrooberfläche durch chemisches oder mechanisches Aufrauen des Titans selbst; man spricht dann von einer 3D-Struktur.

Jeder Verlust an Zähnen und Knochensubstanz erschwert aber auch eine Behandlung mit Implantaten. Die aktuelle Forschung konzentriert sich deshalb nicht mehr auf Fragen der Technik, sondern der Biologie: Wie kann man verloren gegangene Knochenmasse so weit wieder herstellen, dass ein Implantat Halt findet?

Die wichtigsten, schon genutzten Lösungen sind: Die Transplantation körpereigenen Knochens aus anderen Kieferbereichen, dem Hüftknochen oder Unterschenkelknochen; der Einsatz tierischen Materials; seit 1999 die Stimulierung der Knochenneubildung durch Wachstumsfaktoren, die von Rindern gewonnen wurden; das allmähliche Aufdehnen des verbliebenen Knochens, um dessen Volumen zu erhöhen. Neuerdings gelingt es auch, Wachstumsfaktoren durch Zentrifugieren aus Patientenblut anzureichern.

Mit den meisten der erwähnten Verfahren lassen sich zwar geradezu spektakuläre Erfolge erzielen, doch nur bei entsprechend großer Erfahrung. Enorme Forschungsanstrengungen sind noch vonnöten, um die Verfahren zu standardisieren und als Regelangebot in den Praxen einzuführen.

Bleibt die Frage nach den Kosten. Ein Implantat mit Krone beläuft sich je nach Aufwand auf 3000 bis 6000 Mark. Bei kleineren Behandlungen ist das damit kaum teurer als konventionelle Kronen. Anders aber bei umfangreichen Rekonstruktionen. Der Extremfall – eine herausnehmbare Totalprothese – kostet 1000 bis 8000 Mark, eine Totalimplantation – bei der fast immer auch ein Kieferaufbau notwendig ist – etwa 30000 bis 150000 Mark. Zahnlosigkeit lässt sich unter den Vorgaben einer Sozialversicherung damit wohl nicht beheben. Mit der größeren Verbreitung – 1998 wurden in Deutschland immerhin etwa 190000 Zahnimplantate eingesetzt – dürfte sich der hohe Preis etwas reduzieren.

Dennoch glaube ich, dass die Implantologie im Verein mit einer Wiederherstellung des Kieferknochens immer mehr in den Industrieländern zur Standardlösung bei Zahnverlust werden wird – sie entspricht einfach am ehesten den natürlichen Verhältnissen gesunder Zähne. Aus finanziellen, manchmal auch aus praktischen Gründen werden aber konventionelle Brücken und Kronen weiter existieren. Zu wünschen wäre, dass durch eine Verbesserung der Prävention Zahnverlust immer seltener vorkommt oder zumindest nur noch einzelne Zähne ersetzt werden müssen statt ganzer Zahngruppen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 87
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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