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"In Mathe war ich immer schlecht..."

Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden 1996.
160 Seiten, DM 28,-.

Der Titel ist die hierzulande übliche Reaktion eines Gesprächspartners, der soeben erfahren hat, daß sein Gegenüber von Beruf Mathematiker ist. Der Autor, selbst Mathematik-Professor in Gießen, beginnt sein Buch mit dem seltenen Ereignis, daß seine neue Bekanntschaft eben nicht den Standardspruch bringt, sondern ernsthaftes Interesse zeigt.

Was macht ein Mathematiker eigentlich den ganzen Tag? Gibt es überhaupt noch Zahlen, die nicht berechnet, mathematische Sätze, die nicht bewiesen sind? Auf Fragen dieser Art antworte ich gerne mit der Gegenfrage, warum denn ein Spiegel rechts und links vertauscht, nicht jedoch oben und unten. Ein Experimentalphysiker hat 1993 in der "Süddeutschen Zeitung" behauptet, das sei offensichtlich so. Aber Hand aufs Herz: Wie würden Sie den Sachverhalt Ihren Kindern erklären?

Jedenfalls gibt Albrecht Beutelspacher eine unterhaltsame und allgemeinverständliche Übersicht über einige mathematische Probleme, etwa das Schnittmuster für einen Fußball; er erläutert auch den Nutzen heutiger mathematischer Forschung anhand einiger origineller Anwendungen, zum Beispiel der Kryptologie oder einer optimalen Telephonkette, bei der am Ende jeder alles von jedem weiß.

Ich selbst fand die Beiträge über die Mathematikerzunft am interessantesten. Beutelspacher erklärt anhand eines Gesprächs mit einem (mir bekannten) Taxifahrer, wie komisch es bisweilen um das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach herum zugeht. Die internationale Bedeutung dieses abgeschieden in einem Schwarzwalddorf gelegenen Instituts, das jede Woche eine Tagung ausrichtet, mag man daran ermessen, daß die American Mathematical Society ihr traditionelles Sommertreffen mit der veröffentlichten Begründung eingestellt hat, "die Gurus eines Spezialgebietes führen doch lieber nach Oberwolfach". Der Taxifahrer jedenfalls berichtet, wie einmal Mathematiker gedankenverloren mit der Teetasse in der Hand das Dorflokal "Hirsch" verließen – eine durchaus glaubwürdige Geschichte.

Der Autor stellt auch – barmherzigerweise anonym – eine Reihe von Charaktertypen unter den Mathematikern vor; einige hätte man nicht besser beschreiben können. Dabei kann Beutelspacher seine grundsätzliche Kritik am unverständlichen Vortragsstil vieler seiner Kollegen nicht verhehlen. Ein Mathematiker, der seinen Zuhörern mitvollziehbar erklären kann, wie einfach ein kompliziert aussehender Sachverhalt in Wahrheit strukturiert ist, hat auch meiner Ansicht nach erstens ein dankbareres Publikum und zweitens sein Gehalt eher verdient als einer, der sich hinter Unverständlichem verstecken muß. Wann ein Beweis als schön und klar anzusehen sei, ist denn auch ein weiteres Thema des Büchleins, das mit Zeichnungen von Andrea Best – einer Insiderin – bestens illustriert ist.

Schließlich gibt es ein kurzes Kapitel mit der Überschrift "Worüber Mathematiker lachen (können)". Einer unter den dort aufgeführten Witzen war mir neu: "Es gibt drei Sorten von Mathematikern: solche, die bis drei zählen können, und solche, die nicht bis drei zählen können." Wo ist der Witz? Bitte beachten Sie, daß ein Mathematiker ihn erzählt.

Für welchen Leser ist das Buch geeignet? Ich empfehle es jeder professionell mit Mathematik beschäftigten Person und deren Lebensabschnittsgefährtin (beziehungsweise -gefährten) als Nachthupferl und jedem an Mathematik interessierten Nichtmathematiker zum Schmunzeln und Wundern, aber auch denen, die "in Mathe immer schlecht waren" und wissen möchten, was sie eigentlich dabei verpaßt haben.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1996, Seite 133
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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