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Interview: Aussterbende Sprachen

Dieter Wunderlich ist Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.


Spektrum: Sollte man aussterbende Sprachen schützen?

Wunderlich: Man kann Sprachen als solche natürlich überhaupt nicht schützen. Man kann einer Bevölkerungsgruppe das Recht geben, in der eigenen Sprache zu kommunizieren, die Kinder in ihr zu erziehen, einschließlich des Schreiben- und Lesenkönnens. Und vor allem muss man der Bevölkerungsgruppe die Möglichkeit geben, ihre Identität in der angestammten Sprache zu bewahren, also muss diese Sprache auch ein Prestige haben können.

Spektrum: Gibt es Sprachen, die wertvoller sind als andere?

Wunderlich: Viele Sprachen haben bestimmte grammatische Parameter, also Lautstruktur, Wortstruktur und Syntax, in einer Weise ausgeprägt, die wir von den bekannteren Sprachen nicht kennen. Beinahe jede Sprache hat ihre Spezialitäten. Für die Kenntnis dessen, was in den Grammatiken von Sprachen prinzipiell möglich ist, ist es wünschenswert, so viele Sprachen wie möglich untersuchen zu können. Im Prinzip sind alle Sprachen interessant, besonders natürlich diejenigen, die eine ganze Sprachfamilie und womöglich eine sehr alte Sprachfamilie repräsentieren.

Spektrum: Was geht Ihrer Meinung nach wirklich verloren, wenn eine Sprache ausstirbt?

Wunderlich: Viele Besonderheiten kommen nur in ganz bestimmten Sprachen vor, etwa Konsonantensysteme, Klassifikatoren für Gegenstände, Verfahren für komplexe Prädikate oder der Raum-Zeit-Bezug. Solche Aspekte kann man sich nicht ausdenken, man kann nur durch konkrete Sprachen auf sie gestoßen werden.

Spektrum: Kann man Sprachen wiederbeleben?

Wunderlich: Nein, allenfalls wenn sie schon gut dokumentiert sind. Stirbt eine Sprache, so sehe ich darin einen unwiederbringlichen Verlust für die Menschheit. Die meisten denken zunächst vielleicht eher an den Verlust von Poesie, Mythos, Ritualen. Als Linguist sehe ich den Verlust vor allem in den elementaren grammatischen Voraussetzungen, um solche kulturellen Eigenheiten überhaupt ausprägen zu können.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2002, Seite 70
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 2002

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