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Interview: Bild und Ton im Takt

Zu den Auswirkungen der Digitaltechnik auf die Produktion von Musik befragte "Spektrum der Wissenschaft" den Saxofonisten Klaus Doldinger, der seit 1971 mit seiner Band Passport eine feste Bank des Rock-Jazz in Deutschland ist. Der studierte Musikwissenschaftler und gelernte Tonmeister komponiert zudem Filmmusik. Zu seinen bekannteren Produktionen gehören die Musik zu "Das Boot" und "Die unendliche Geschichte" sowie die Erkennungsmelodie zur Kriminalfilmreihe "Tatort".


Spektrum der Wissenschaft: Ist die Digitaltechnik für den Musiker Segen oder Fluch?

Klaus Doldinger: Beides. Sie spart zum Beispiel Zeit und Mühe. Heute liefert man dem Presswerk nur noch eine CD oder ein DAT-Band mit allen Daten, früher musste man aus einem Masterband erst eine so genannte Matrize herstellen und damit eine Probepressung vornehmen. Wir brauchten manchmal ein Dutzend Anläufe und mehr, bis das Ergebnis so klang, wie wir das wollten. Da mussten nur die Tonköpfe der Bandmaschinen im Presswerk anders eingemessen sein als bei uns, schon gab es Abweichungen.

Spektrum: Der Produktionsprozess ist jetzt also durchgängiger geworden?

Doldinger: Und das verbessert die Qualität, denn zwischen der CD und dem Masterband gibt es praktisch keine hörbaren Unterschiede mehr. An dieser Stelle zeigt sich aber auch die Kehrseite der Medaille. Es ist sehr leicht geworden, hochwertige Kopien anzufertigen, und Produzenten wie Künstler gehen dann leer aus.

Spektrum: Mancher Musikliebhaber trauert dennoch der Analogtechnik nach, weil sie angeblich besser klang.

Doldinger: Einige meiner Freunde favorisieren tatsächlich die Vinyl-LP, und viele DJs arbeiten bevorzugt damit. Aber wir haben einmal analoge und digitale Aufnahmen gleichzeitig gemacht und hörten kaum Klangunterschiede. Eine weibliche Stimme, begleitet von Gitarre oder Klavier, in einem Raum mit guter Akustik vorgetragen, die klang in analoger Technik subjektiv besser, wärmer. Aber ich bin da sehr vorsichtig, zumal das letzte Wort bezüglich der technischen Standards noch nicht gesprochen ist. Heute produzieren wir noch im 16-Bit-Standard. Über kurz oder lang wird das auf 24 Bit rutschen, mit einer Samplingrate von 96 Kilohertz. Damit verbessert sich die Klangqualität, die Dateien werden allerdings auch größer.

Spektrum: Sie sind Musiker und Komponist. Welche Rolle spielen der Computer und Klangerzeuger in der kreativen Phase Ihrer Arbeit?

Doldinger: Ich entwickle meine Arrangements heute mit Keyboard und Sequenzer, spiele also alle Stimmen zunächst selbst ein. Das hat eine Reihe von Vorteilen. Dazu gehört, dass so ein Programm ein gutes Notenbild erzeugt, während ich früher per Hand notieren musste. Vor allem aber kann ich später den Musikern im Studio meine musikalischen Ideen einfach vorspielen. Bei Streichern hilft das elektronisch erzeugte Muster mitunter auch bei Intonationsproblemen.

Spektrum: Digitaltechnik wird heutzutage oft beim Filmschnitt eingesetzt. Gibt es Schnittstellen zu Ihrer Arbeit als Komponist von Filmmusik?

Doldinger: Hier sind Computer sogar ein besonderer Segen. Früher saß ich mit dem verantwortlichen Cutter im Schneideraum und nahm mit der Uhr die Zeiten der einzelnen Szenen ab, um passend zu komponieren. Nur bei teuren Produktionen wurde im Studio der Filmausschnitt vorgeführt, während wir spielten. Heute bekomme ich als Grundlage ein Video mit einem Timecode. Im Studio wird es digitalisiert und auf eine Festplatte gespeichert. Das Synchronisieren von Komposition und Bild erfolgt nun direkt, sozusagen im Takt. Was früher oft dem Zufall überlassen war oder nur mit sehr vielen Klimmzügen gelang, läuft nun viel effizienter ab.

Spektrum: Der digitalen Musiktechnik wird gelegentlich unterstellt, sie fördere musikalischen Einheitsbrei, da auch weniger versierte PC- und Keyboard-Besitzer Brauchbares zustande bringen. Stimmen Sie dem zu?

Doldinger: Zwar besteht tatsächlich die Gefahr, dass jeder mit ein paar Tastengriffen leidlich brauchbare Klangflächen bauen kann. Aber in meiner Sparte zählen immer noch Qualität und der originelle Einfall. Ich sehe eher den positiven Effekt, dass die Digitaltechnik den Künstler gegenüber Studios und Auftraggebern emanzipiert. Denn wer sein Metier versteht, kann heute in den eigenen vier Wänden Filmmusik kreieren und bis zum Stadium des Masterings selbst produzieren. Das nenne ich künstlerische Freiheit.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 85
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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