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Kernspaltung: Interview: 'Der deutsche Atomausstieg findet kaum Nachahmer'

Gert Maichel, Jurist und Agrarökonom, Präsident des Deutschen Atomforums und Vorstandsvorsitzender der RWE Power AG, sieht neue Chancen für die Kernkraft.


Spektrum der Wissenschaft: Im Jahr 2001 haben deutsche Kernkraftwerke 171,3 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert – ein Rekord. Der beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie zeigt wohl bislang noch keine Wirkung?

Dr. Gert Maichel: Es wurden keine festen Laufzeiten, sondern Reststrommengen festgeschrieben, und die lassen sich von einem Kraftwerk auf ein anderes übertragen. Geplant ist zunächst nur, Stade Mitte 2003 und Obrigheim bis November 2005 vom Netz zu nehmen. Nach dem heutigen Stand dürfte es in Deutschland noch weit über das Jahr 2020 hinaus Strom aus Kernenergie geben.

Spektrum: Wie viel Geld ist in Deutschland seit den 1950er Jahren in die Kernenergie geflossen, und haben sich die Ausgaben letztlich gelohnt?

Maichel: Die öffentliche Hand hat nach meinen Informationen bis 1998 rund 250 Millionen Euro für Forschungen zum Leichtwasserreaktor zur Verfügung gestellt. Die kommerzielle Stromerzeugung selbst ist jedoch – anders als etwa bei den erneuerbaren Energien – nicht subventioniert worden. Vielmehr leisteten die Betreiber selbst den größten Beitrag von mehreren Milliarden Euro. Da aber der Strom aus Kernenergie trotz höchster Sicherheitsstandards immer noch zu den wirtschaftlichsten Erzeugungsformen zählt, lohnt sich der Betrieb.

Spektrum: Sie behaupten, dass es bei der Kernenergie Entwicklungspotenziale gibt, die sie zum nachhaltigsten Energieträger überhaupt machen kann. Wie begründen Sie das?

Maichel: Im Gegensatz zu Erdöl oder Erdgas, das wir aus wenigen und politisch instabilen Regionen importieren, ist Uranerz weltweit ausreichend verfügbar. Mit nur einem Kilogramm aufbereitetem Uran ­lassen sich in einem Leichtwasserreaktor heute 350000 Kilowattstunden Strom erzeugen. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Öl reicht nur für zwölf Kilowattstunden. Und durch den Betrieb der Kernkraftwerke werden der Erdatmosphäre weltweit rund 2,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr erspart.

Spektrum: Hat die Kernenergie also doch noch eine Zukunft?

Maichel: Der deutsche Alleingang beim Atomausstieg ist ideologisch motiviert und hat international kaum Nachahmer gefunden. Im Gegenteil: Innerhalb der letzten Dekade ist die weltweite Stromproduktion durch Kernenergie um ein Drittel gestiegen. Rund um den Globus befinden sich über 400 Kernkraftwerksblöcke in Betrieb und 33 Reaktoren in zwölf Ländern im Bau. Planungen für weitere Kraftwerke gibt es in den USA, Russland, China oder auch in Finnland, wo ein privater Energieversorger völlig ohne Subventionen ein neues Kernkraftwerk errichten will.

Spektrum: Gibt es denn innovative Konzepte in der Reaktortechnik, die eine Renaissance fördern könnten?

Maichel: Weltweit werden verschiedene Modelllinien verfolgt. In Europa zum Beispiel der deutsch-französische Druckwasserreaktor EPR oder der in Deutschland entwickelte Siedewasserreaktor SWR 1000. Beides sind Weiterentwicklungen bewährter Leichtwasserreaktor-Linien mit höchstem Sicherheitsstandard. Darüber hinaus wird in zwei internationalen Studien ein breites Spektrum neuer Reaktorkonzepte diskutiert, die in zwanzig bis dreißig Jahren zum Tragen kommen könnten. Hier wird auch das Konzept des einst in Deutschland entwickelten gasgekühlten Hochtemperaturreaktors wieder aufgegriffen. In Modulbauweise wird dieser jetzt in China und Südafrika weiterentwickelt.

Spektrum: Was für Chancen geben Sie neuen Techniken zur Behandlung des Atommülls?

Maichel: Sie sprechen die Transmutation an, also die Elementumwandlung langlebiger Isotope in kurzlebigere. Ein solches Verfahren würde die Menge an hochradioaktiven Abfälle erheblich reduzieren. Denn die Langlebigkeit der künstlichen Elemente, die im Reaktor anfallen, kann so um den Faktor hundert verringert werden. Allerdings setzt das einen geschlossenen Brennstoffkreislauf mit fortentwickelter Wiederaufarbeitung voraus. Insgesamt bleibt derzeit noch ein großer Klärungsbedarf im Hinblick auf die Realisierbarkeit und die Finanzierung dieser Ideen.

Spektrum: Sie fordern weiteres Geld vom Staat für die Forschung. Wofür soll das ausgegeben werden?

Maichel: Es ist meines Erachtens ungemein wichtig, dass das kerntechnische Know-how Deutschlands nicht verloren geht. Schließlich sind unsere Sicherheitsphilosophie und unsere sehr hohen Standards weltweit anerkannt. Weitere Kürzungen der Budgets für Forschung und Lehre wären da absolut kontraproduktiv. Nur um das klarzustellen: Ich bin überzeugt, dass neue Technologien wie die Brennstoffzelle, aber auch regenerative Energien durchaus ihren Teil zur künftigen Stromversorgung beitragen werden. Doch wir werden auch dann nicht auf die großen Kraftwerke verzichten können, um unsere Grundversorgung zu sichern. Spätestens ab 2010 müssen in Deutschland rund 40000 Megawatt an Kraftwerksleistung neu in Betrieb genommen werden, um die Altanlagen aus den 1960er Jahren zu ersetzen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass auch künftigen Generationen die Option Kernenergie offen bleibt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003, Seite 86
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003

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