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Interview: "Die Zahnarztpraxis als reine Reparaturwerkstatt ist ein Auslaufmodell."




Spektrum der Wissenschaft:
Es gibt viel Neues an zahnmedizinischer Technik für Diagnose und Therapie. Was hat Otto Normalverbraucher davon?


Dr. Willmes:
Er profitiert vom Zuwachs an Wissen, aber nicht immer von neuer Technik. Nicht jeder Zahnarzt kann deren ganzes Spektrum anbieten, denn die Anschaffung neuer Geräte geht ins Geld und muss sich rechnen. Doch 90 Prozent der Bundesbürger sind in der Gesetzlichen Krankenkasse versichert, und die kann für ihre Versicherten nur einen bestimmten Leistungskatalog anbieten – bei zusätzlicher Einschränkung durch die Budgetpolitik der Regierung. Zu diesem Katalog gehören weder das gesündere digitale Röntgen noch zahnfarbene Füllungen, noch Implantate. Das sind deshalb Privatleistungen. Das bedeutet: Grundversorgung für alle und weitergehende Leistungen als Wahlangebote bei privater Zuzahlung. Ein entsprechender Katalog ist in Arbeit.

Spektrum:
Angenommen, ich wäre bereit, für eine neue Technik selbst Geld hinzulegen, wie finde ich denn den Zahnarzt, der sie einsetzt?


Willmes:
Fast alle Zahnärztekammern haben Patientenberatungsstellen eingerichtet, viele führen Listen der auf bestimmte Behandlungen spezialisierten Ärzte. Angaben zu fachlicher Qualifizierung, Zertifizierungen und dergleichen erlauben Rückschlüsse auf die gesuchte Therapiemethode. Allerdings beruhen diese Einträge auf Selbstangaben der Zahnärzte.

Spektrum:
Ist eine Praxis mit fünf Jahre alter technischer Ausstattung überhaupt noch in der Lage, moderne Zahnheilkunde zu bieten?


Willmes:
Im Prinzip schon. Bei den meisten Maßnahmen zur Behandlung kariöser Defekte, in der zahnärztlichen Chirurgie und auch beim Zahnersatz spielt es in der Regel keine entscheidende Rolle, ob man mit den Möglichkeiten von vor fünf Jahren arbeiten muss. Neue Methoden sind aber oft schonender. Wenn zum Beispiel eine Ecke angebrochen ist, muss man eben nicht mehr den verbliebenen gesunden Zahn abschleifen und eine Krone draufsetzen, sondern kann das fehlende Stück mit Komposit Schicht für Schicht wieder aufbauen.

Spektrum:
Wie steht es mit der Prophylaxe? Können die neuen Entwicklungen Zahn- und Munderkrankungen zurückdrängen?


Willmes:
Es sieht so aus. Die Statistik zeigt uns, dass die Zahngesundheit bei Kindern und Jugendlichen ganz deutlich besser geworden ist. Bei 12-Jährigen – eine international gebräuchliche Vergleichsgruppe – ist die Zahl der durch Karies geschädigten Zähne in den letzten zehn Jahren hier zu Lande von durchschnittlich 3,9 auf 1,6 zurückgegangen. Dahinter steht zum einen die verbesserte Mundhygiene als Ergebnis unserer Aufklärungsarbeit etwa in Kindergärten und Schulen. Dahinter stehen aber auch neue Produkte der Industrie als Ergebnis der Forschung. So gibt es seit einiger Zeit einen speziellen Kunststoff zum Verschließen feiner Rillen auf den Backenzähnen. Das reduziert Bakterienherde. Die Dritte Deutsche Mundgesundheitsstudie, die 1999 veröffentlicht wurde, weist nach, dass Kinder ohne solche Fissurenversiegelung durchschnittlich 2,2 von Karies betroffene Zähne hatten, behandelte Kinder hingegen nur 1,3. Auf diese Ergebnisse sind wir sehr stolz.

Spektrum:
Können nicht auch Erwachsene Sorgenkinder sein? Wie steht es denn mit deren Zahngesundheit?


Willmes:
Natürlich gibt es auch da Fortschritte. Jedes gut sitzende Implantat schützt den Kieferknochen vor möglicher Fehlbelastung. Von den gentechnischen Entwicklungen, die ja noch gar nicht in aller Tragweite abzusehen sind, gar nicht zu reden. So wird beispielsweise erforscht, wie man Kariesbakterien soweit verändern kann, dass sie keine Säuren mehr produzieren.

Spektrum:
Immer bessere Prophylaxe, medizinischer Fortschritt – wie sehen Sie die Zukunft Ihres Berufsstandes?


Willmes:
Die Zahnarztpraxis als reine Reparaturwerkstatt ist ein Auslaufmodell. Wir werden noch mehr als heute schon Ansprechpartner "rund um den Mund" sein, die Patienten begleiten und beraten. Allerdings wird der Umfang solcher Leistungen stark davon abhängen, dass Zahngesundheit für jedermann von der Politik auch wirklich gewollt wird.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 89
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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