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Meeresforschung: Interview: 'Es muss sich wieder ein natürliches Räuber-Beute-System einstellen'

Dietrich Schnack, Direktor der Fischereibiologie am Institut für Meereskunde Kiel, plädiert für einen zeitweiligen Fangverzicht auf Ostseedorsch. Nur so könne sich dessen Bestand unter den gegebenen Bedingungen wieder erholen.


Spektrum der Wissenschaft: Herr Professor Schnack, die Fischereiforschung spricht von einem durch Sprotten dominierten System in der Ostsee. Warum will man dies verändern und dem Dorschbestand wieder Auftrieb verschaffen?

Professor Dietrich Schnack: Sprotten zählen zwar zu den wirtschaftlich genutzten Massenfischarten. Aber sie gelten nicht als attraktive Speisefische, sondern werden in erster Linie zu Fischmehl verarbeitet. Der Dorsch hingegen ist auf Grund seines Fleisches, seiner Größe und weniger unangenehmer Gräten viel gefragter. Nur ein gesicherter und gut wachsender Bestand an Dorschen sorgt für den Lebensunterhalt der Fischer. Zudem spielt die Balance der Fischarten für die Funktion des Ökosystems insgesamt eine große Rolle.

Spektrum: Wie kann der Dorschbestand gefördert werden?

Schnack: Dorsche halten sich als erwachsene Tiere in der Ostsee bevorzugt in bestimmten Tiefen auf. Denn nur dort, wo der Salzgehalt über elf Promille beträgt, können die Eier schweben, erfolgreich befruchtet werden und sich bei relativ konstanten Temperaturen entwickeln. Gegenwärtig ist aber in diesem Tiefenbereich die Sauerstoffversorgung besonders kritisch. Deshalb sind Wasseraustauschprozesse notwendig, verbunden mit einer massiven Verminderung des Fangdruckes. Nur wenn die Fischerei es schafft, sich auf die wechselnden natürlichen Bedingungen in der Ostsee einzustellen und ihre weit überhöhte Fangkapazität abzubauen, kann sich der Dorschbestand erholen und langfristig ertragreich sein.

Spektrum: Anfang des Jahres ist wieder verstärkt Nordseewasser in die Ostsee eingeströmt. Bedeutet das einen Schritt in die richtige Richtung?

Schnack: Einströme salzreicheren Wassers gibt es öfter. Aber nur besonders starke, bis in die zentralen Becken vordringende und vor allem regelmäßige Einstromsituationen können das Tiefenwasser der Ostsee ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Ein kurzzeitiger Einstrom ist in der Regel innerhalb einer Saison wieder aufgebraucht, weil damit auch eine Nährstoffzufuhr in das Oberflächenwasser verbunden ist. Dies regt die Produktion von Phytoplankton an. Ein Großteil der Algen sinkt zu Boden und wird dort unter Sauerstoffverbrauch von Bakterien abgebaut. Für den Dorschbestand sind solche einmaligen Ereignisse daher meist ohne große Wirkung.

Spektrum: Könnte nicht auch ein Abfischen der Sprotten helfen?

Schnack: Das würde das Problem nicht lösen. Zwar würde der Fraßdruck auf die Eier des Dorsches vermindert, doch zugleich würde man diesem Bestand eine wichtige Nahrungsgrundlage entziehen. Das einzig Sinnvolle ist ein Fangverzicht auf Dorsche, damit sich wieder ein natürliches Räuber-Beute-System einstellen kann. Der Dorsch könnte dann selbst den Sprottenbestand reduzieren und seinen Reproduktionserfolg verbessern. Im Übrigen können auch kalte Winter zu einer Begrenzung des Sprottenbestandes beitragen. Die Kälte bleibt in mittleren Tiefen bis weit ins Jahr hinein erhalten und die Überlebensrate der Sprotteneier nimmt bereits unter vier Grad Celsius deutlich ab.

Spektrum: Sind Sie frustriert darüber, dass die Empfehlungen, die Fischerei auf Dorsch stark zu reduzieren und vorübergehend auch ganz einzustellen, kaum beachtet wurden?

Schnack: Ja. Den Wissenschaftlern wird häufig unterstellt, sie wären zu pessimistisch und ihre Aussagen unzuverlässig. Natürlich gibt es im Detail immer Unsicherheiten. Trotzdem besteht kein Zweifel, dass der Fischereiaufwand bei weitem zu hoch ist. Und die Fischerei ist sich darüber auch im Klaren. In der Diskussion zwischen allen Ostsee-Anrainerstaaten und in der Europäischen Union erweist es sich jedoch als außerordentlich schwierig, zu geeigneten Beschlüssen zu kommen.

Spektrum: Und der Verbraucher?

Schnack: Der Verbraucher kann kaum eingreifen. Da er die Produkte zumeist schon verarbeitet auf den Tisch bekommt, vermag er Fangort und Größe der Fische nicht nachzuvollziehen. Doch bei frischem Dorsch sollte er darauf achten, keine kleinen, aber auch keine ganz großen Exemplare zu kaufen. Wenn sich der Absatz der gegenwärtig überwiegend gefangenen kleinen Dorsche nicht mehr lohnt, könnte der Bestand eine ausreichende Schonung erfahren.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003

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