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Interview: "Noch sind es nicht viele Firmen"

Albert Löhr, Professor für Sozialwissenschaften am Internationalen Hochschulinstitut Zittau und Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik, bezieht Stellung zu den Nachhaltigkeitsverpflichtungen von Unternehmen.


Spektrum der Wissenschaft: Immer mehr Unternehmen verpflichten sich in ihren Leitlinien freiwillig zu mehr sozialer Nachhaltigkeit. Warum?

Albert Löhr: Wir haben lange vom guten Einvernehmen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft aus der Nachkriegszeit gezehrt. Das ist in den Zeiten der Globalisierung vorbei. Wenn Unternehmen soziale Probleme nicht meistern, fragwürdige Arbeitsbedingungen und zu wenige Arbeitsplätze stellen, geht ihre gesellschaftliche Akzeptanz, die license to operate, verloren. Zusätzlich führen permanente Umstrukturierungen und Unternehmensfusionen zu Sinnkrisen bei den Mitarbeitern. Sie sind nicht mehr motiviert, ihr Bestes zu geben, es herrscht Arbeitsverdrossenheit. Und schließlich verlieren Unternehmen, die nicht nachhaltig in die Aus- und Weiterbildung ihre Mitarbeiter investieren, ihre Konkurrenzfähigkeit.

Spektrum: Im Vergleich zu ökologischen Zielen stehen soziale Ziele in der Nachhaltigkeitsdebatte der Unternehmen aber meist im Hintergrund.

Löhr: Ökologische Themen sind viel leichter fassbar. Wenn der Fluss plötzlich rot ist oder Rauchschwaden am Himmel zie-hen – das sieht man. Die sozialen Grundlagen des Wirtschaftens verschwinden aber eher schleichend. Arbeitslosigkeit entwickelt sich über viele Jahrzehnte. Es dauert, bis solche Prozesse als gesellschaftliches Problem formuliert werden, dem auch Politik und Wirtschaft nicht mehr ausweichen können.

Spektrum: Ist es noch glaubwürdig, wenn Unternehmen sich zur Nachhaltigkeit bekennen, gleichzeitig aber soziale und ökologische Probleme verursachen?

Löhr: Glaubwürdig sind Unternehmen für mich dann, wenn sie sich ernsthaft auf den Weg machen und nicht bei der Formulierung von Zielvorgaben und Leitlinien stehen bleiben. Man kann allerdings auch von einem internationalen Großkonzern nicht erwarten, dass er von heute auf morgen eine weiße Weste und keine ökologischen Probleme mehr hat – das wäre unfair. Aber Probleme müssen zugegeben, diskutiert und angegangen werden. Glaubwürdigkeit muss schrittweise erworben werden, das funktioniert nicht zu einem Stichtag.

Spektrum: Deshalb brauchen Unternehmen Kontrolle – um glaubwürdiger zu werden. Reichen da unverbindliche Selbstverpflichtungen?

Löhr: Bei global wirkenden Unternehmen gibt es zurzeit keine Alternative, denn auf eine Welt-Gesetzgebung mit rechtsverbindlichen Standards kann man lange warten. Unternehmen müssen sich ihre Glaubwürdigkeit daher weitgehend selbst durch überzeugende positive Beispiele verdienen. Die kritische Öffentlichkeit als wirksame Kontrolle wird dabei immer noch maßlos unterschätzt. Wenn sich Unternehmen mit Leitlinien und Nachhaltigkeitsberichten brüsten, ist das wie ein großes rotes Tuch für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace oder Attac. Wenn Selbstverpflichtungen nicht eingehalten werden, verbreiten diese das in der Öffentlichkeit. Zunächst über Plattformen im Internet und schließlich durch medien- und publikumswirksame Kampagnen.

Spektrum: Die Unternehmen rechnen also damit, dass die Gesellschaft ihre Aufgabe wahrnimmt und Kontrolle ausübt. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt von oft ehrenamtlichen oder von Spenden finanzierten Mitarbeitern der NGOs?

Löhr: Für die Zukunft ist vorstellbar, dass unabhängige professionelle Institutionen zur Überwachung geschaffen werden, auf die sich Staat, Unternehmen und NGOs einigen. Die derzeitige Diskussion in den Unternehmen beschäftigt sich bereits damit, neuartige Überwachungssysteme nachhaltigen Wirtschaftens zu entwickeln. Puma beispielsweise unterhält eigens neun Mitarbeiter, die zu den Produktionsstandorten weltweit reisen und die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards überprüfen. Kritiker fordern, dieses interne Monitoring durch externe Überwachungssysteme zu ergänzen. Tatsächlich geht momentan eine kleine Welle los, dass Unternehmen Hand in Hand mit NGOs arbeiten, die Unternehmensaktivitäten auch extern überwachen.

Spektrum: Zum Beispiel?

Löhr: Noch sind es nicht viele. Hess Natur hat Aktivisten von Clean Clothes gebeten, seine Produkte unter die Lupe zu nehmen, der Otto-Versand Greenpeace.

Spektrum: Sollten die Unternehmen nicht Standards schaffen, die einen Vergleich von und einen Wettbewerb um Sozialverträglichkeit zwischen den Unternehmen ermöglichen?

Löhr: Ich rechne mit sinnvollen Standards auf der Branchen-ebene. Bei einzelnen Branchen wie den Spielzeugherstel-lern, der Chemischen Industrie oder der Sportartikelindustrie funktioniert das auch schon ganz gut. Was über diese Branchenebene hinausgeht, ist zu allgemein gehalten. Absichtserklärungen für mehr Nachhaltigkeit müssen aber in jedem Falle heruntergebrochen werden, im Idealfall bis auf die Unternehmensebene, damit der Mitarbeiter weiß, was er für die Nachhaltigkeit des Betriebs leisten muss.

Spektrum: Viele Unternehmen reiten nur symbolisch auf der Nachhaltigkeitswelle mit, um mit ihr zu werben. Wie kann der Laie die Spreu vom Weizen trennen?

Löhr: Wenn große Unternehmen kleine Geschenke an die Gesellschaft machen, hat das oft nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Sponsoring für Schulen und Kindergärten ist zwar ganz nett für das soziale Umfeld, aber für nachhaltiges Wirtschaften belanglos. Interne Geschäfts- und Managementtechniken werden davon nicht berührt. Erst wenn die Ebene der Arbeits- und Produktionsprozesse erreicht ist, wenn Unternehmen beispielsweise die Ökoeffizienz und Sozialverträglichkeit ihrer Produkte von der Entstehung bis zur Entsorgung verfolgen, ist die Dimension der Nachhaltigkeit erreicht. Da muss man genau hinschauen, welche Tragweite ein einzelnes Projekt hat.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 94
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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