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Israel - neue Forschungspolitik und das Rahmenprogramm der Europäischen Union

Als erstes nicht-europäisches Land ist Israel an den Forschungs-Rahmenprogrammen der Europäischen Union (EU) förmlich beteiligt. Seine nationale Forschungspolitik hat - unabhängig vom Ergebnis der Wahlen im vergangenen Mai - neue Akzente erhalten und ist nun auf die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts sowie auf engere Kooperation mit der Wirtschaft hin orientiert. Der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland und anderen europäischen Staaten eröffnen sich damit neue Perspektiven.

Dem Wunsch israelischer Wissenschaftler, vollwertige Partner in den EU-Forschungsprogrammen zu werden, stand die Brüsseler Kommission anfangs skeptisch gegenüber. Der Ministerrat der EU drängte dann im September 1994 auf ein formelles Abkommen über eine wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit. Dieses wurde schließlich im März 1996 unterzeichnet und am 19. Juli vom Europäischen Parlament gebilligt.

Die Übereinkunft räumt Israel in der Forschungspartnerschaft eine bessere Position ein als anderen nicht-europäischen Mittelmeer-Anrainern. Außer an den Bereichen nukleare Sicherheit und Kernfusion können sich israelische Forscher und Institutionen nun an allen "spezifischen" Programmen des 4. Rahmenprogramms, das von 1994 bis 1998 läuft, sowie an den Arbeiten der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU in Ispra beteiligen. Im Gegenzug können europäische Wissenschaftler an entsprechenden Vorhaben in Israel teilnehmen. Den EU-Programmhaushalt für 1996 bis 1998 stockt Israel um 96,1 Millionen ECU auf insgesamt 9,149 Milliarden ECU auf. In den Programmausschüssen hat es jedoch kein Stimm-, sondern nur ein Beratungsrecht. Ein gemeinsamer Forschungsausschuß begleitet das Abkommen.

Eine Reform der israelischen Wissenschaftspolitik kommt den Absichten des EU-Rahmenprogramms nahe. In den Jahren 1994 und 1995 hat das Executive National Committee for the Development of Scientific and Technological Strategic Research, dem 13 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Ministerien angehören, ein neues Konzept der sogenannten strategischen Forschung formuliert, das jetzt umgesetzt wird.

Von den rund 570 Millionen Dollar für zivile Forschung und Entwicklung (FuE) im israelischen Staatshaushalt 1994 entfielen 36 Prozent auf die Förderung der Grundlagenforschung über die Nationale Wissenschaftsstiftung dieses Landes. Hinzu kamen Mittel unabhängiger Einrichtungen, etwa von der Deutsch-Israelischen Wissenschaftsstiftung (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Februar 1995, Seite 97). Die Ministerien für Industrie und Handel, für Landwirtschaft sowie für Energie finanzierten mit 51 Prozent des FuE-Haushalts zusammen mit Unternehmen Projekte der angewandten Forschung. Für die strategische Forschung gab das Wissenschaftsministerium 1994 nur 4,5 Prozent des staatlichen FuE-Etats aus.

Das "Committee of Thirteen" stieß sich daran, daß die Nationale Wissenschaftsstiftung in der Grundlagenforschung keine Prioritäten setzte und den Status quo einfach fortschrieb, daß aber andererseits in der angewandten FuE die Industrie die Forschungsrichtung bestimmte. Mit stärkerer Förderung der strategischen Forschung setzt das israelische Wissenschaftsministerium seit 1995 staatliche Prioritäten durch. Wie dessen Mitarbeiterin Leah Boehm vor Mitgliedern der deutschen Wissenschafts-Pressekonferenz in Jerusalem erläuterte, soll so die Lücke zwischen Grundlagen- und industrieller Forschung geschlossen werden. Das Komitee hat Prioritäten für interdisziplinäre, relativ aufwendige Forschungen definiert, die für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Israels wichtig sind.

Mit den rund 22 Millionen Dollar, die dem Wissenschaftsministerium 1995 für strategische Forschung zur Verfügung standen, wurden nicht – wie zuvor – kleine Einzelvorhaben mit jeweils 20000 bis 30000 Dollar, sondern nur noch große Verbundprojekte mit 300000 bis 500000 Dollar im Jahr gefördert. Fünf Bereiche erhielten Priorität: Biotechnologie, Elektrooptik (jeweils 23 Prozent der Mittel), neue Materialien (19 Prozent), Mikroelektronik (17 Prozent) und Informationstechnologie (16 Prozent). Externe Begutachtungs- und Bewertungskomitees begleiten die Vorhaben. Künftige Projekte strategischer Forschung sollen Biowissenschaften und Medizin, Umweltschutz und Wasser, angewandte Mathematik sowie Sozialwissenschaften umfassen.

Diese Neuorientierung entspricht deutschen Tendenzen zu einer vernetzten Verbundforschung (Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seite 116); die wissenschaftliche Zusammenarbeit beider Länder wird ihr angepaßt. Vor allem unterstützt die Deutsch-Israelische Wissenschaftsstiftung zunehmend größere und industrienahe Vorhaben. Die Kooperation der beiden Forschungsministerien ändert sich entsprechend den Schwerpunkten in den deutschen Regierungsprogrammen. Die Minerva-Zentren in Israel werden im Laufe der Zeit von der institutionellen Förderung mit deutschen Stiftungsmitteln auf Projektförderung umgestellt. Neue vierte Säule sollen Verbundvorhaben mit israelischen Universitäten in den Bereichen Materialforschung, Biomedizin und Informationstechnik sein. Das deutsche Forschungsministerium will zur Begutachtung dieser Vorhaben die Deutsche Forschungsgemeinschaft heranziehen.

Während die von Israel verhängten Ausgangssperren für palästinensische Forscher und die von Ägypten auferlegten bürokratischen Hindernisse neuere, von Deutschland initiierte Vorhaben der multilateralen Zusammenarbeit erschweren, eröffnen sich mit der Teilnahme Israels am Forschungs-Rahmenprogramm der EU neue Formen der Kooperation. Zum Beispiel soll am 1. Januar 1997 ein von dem Molekularbiologen Werner E. G. Müller von der Universität Mainz geleitetes Programm zu "Schädigungen von Korallenriffen durch touristische Nutzung" beginnen, an dem auch das Nationale Institut für Ozeanographie in Haifa, das Nationale Institut für Ozeanographie und Fischerei in Kairo und das niederländische Meeresforschungsinstitut auf der Insel Texel beteiligt sind.

Einen bemerkenswerten weiteren Vorstoß zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit im Nahen Osten machte der israelische Staatspräsident Ezer Weizman. Zum Übergang in das 21. Jahrhundert stieß er am Interdisziplinären Zentrum für Technikfolgenabschätzung der Universität Tel Aviv das Projekt "Israel in a Changing World" an. Es bezieht Wissenschaftler aus den Nachbarländern mit ein, soll Schlüsselbereiche von gemeinsamem regionalem Interesse identifi-zieren, Aktionspläne erarbeiten und Kooperationszentren einrichten. Weizman begründete seine Idee so: "Nach Generationen der Konfrontation und Feindseligkeiten müssen die Länder des Nahen Ostens ihre menschlichen, wissenschaftlichen und intellektuellen Ressourcen teilen, um effektiver am offenen Welthandel und dem wirtschaftlichen Wettbewerb zugunsten der Menschheit teilhaben zu können."


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1996, Seite 126
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1996

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