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Jagdspeere der jüngeren Altsteinzeit

Cro-Magnon-Handwerker entwickelten verschiedene Generationen von Speerspitzen aus Geweih und Knochen. Der Nachbau solcher Waffen und die Erprobung der Replikate offenbaren die Kunstfertigkeit der eiszeitlichen Großwildjäger und ihr tiefes Verständnis für das Material.

Seit jeher suchen Archäologen ein Bild der urgeschichtlichen Kulturen aus dem zu gewinnen, was Ausgrabungen zu Tage fördern. Obwohl diese Artefakte nach all den Jahrtausenden zumeist in schlechtem Zustand und mitunter am Fundort zerstreut sind, läßt sich an ihnen viel über die Menschen ableiten, die sie gemacht und gebraucht haben, sowie über Herstellungsweise und -grund. Neuerdings ergänzen Experimente diese Forschungen; indem man beispielsweise Replikate erprobt, vermag man Theorien zu überprüfen, die auf Grabungsbefunden beruhen, und neue Einsichten in das Leben unserer Vorgänger auf der Erde zu gewinnen.

Mit dieser Methodik habe ich Jagdwaffen und -techniken der Cro-Magnon-Menschen untersucht, der ersten anatomisch modernen Vertreter unserer Gattung in Europa, die hier während der letzten Eiszeit (vor 40000 bis vor 12000 Jahren) umherstreiften. Relikte ihrer Gerätschaften, Beutetiere und Nahrungsabfälle belegen ihr Können in der Großwildjagd. Dennoch war bislang wenig darüber bekannt, wie sie ihre äußerst tauglichen Waffen entwickelt, gefertigt, verwendet und gepflegt haben.

Zu ihrer Ausrüstung gehörten vermutlich unter anderem Schlingen und Fallen aus Pflanzenfasern, tierischen Sehnen und Holz; sie sind seit langem vergangen. Zu den Innovationen ihrer Zeit zählen aber vor allem Speere, deren hölzerne Schäfte mit scharfen Spitzen aus Stein, Geweih, Knochen oder Elfenbein versehen waren. Bis auf wenige Ausnahmen sind uns allein diese erhalten geblieben, doch in so reicher Zahl von vielen Orten Europas, daß genügend Material für eingehende Analysen vorhanden ist.

Gegenstand meiner Untersuchung waren vier Typen von Geschoßspitzen aus dem Jungpaläolithikum, dem letzten Abschnitt der Altsteinzeit, und zwar aus der Periode vor 40000 bis vor 22000 Jahren. Dabei stützte ich mich auf Funde aus Frankreich (anderwärts in Europa gab es ähnliche Entwicklungen, allerdings unter Umständen zu anderen Zeiten).

Aus früheren Forschungen waren mir prinzipielle handwerkliche Verfahren und Werkzeuge dieser Zeit bekannt. Um nun spezielle Arbeitsweisen aufzuklären, die zur Herstellung der Jagdwaffen dienten, stellte ich im Labor mittels Cro-Magnon-Techniken Replikate her, die den Originalen bis ins Detail glichen. Damit unternahmen dann Kollegen und ich Feldversuche, um uns mit ihren Eigenschaften vertraut zu machen und Anhaltspunkte dafür zu erhalten, warum sich im Verlauf der verschiedenen Perioden der jüngeren Altsteinzeit Herstellungsweise und Form der Speerspitzen so stark geändert haben.


Expertentum aus Alltagserfahrung

Cro-Magnon-Jäger haben ihre Beutetiere offenbar sehr genau beobachtet und kannten ihre Gewohnheiten; sie müssen gewußt haben, wo sich die Herden zu welcher Jahreszeit aufhielten. Zudem war ihnen sicherlich bekannt, daß ein Tier je nach Jahreszeit unterschiedlich großen Wert für die Gemeinschaft hatte. Rentiere sind beispielsweise im Frühsommer häufig von Insekten befallen, und ihre Häute eignen sich dann nicht sonderlich, um daraus Kleidung oder Zelte zu fertigen. In jedem Falle aber bedurfte es eines Arsenals an effektiven Waffen, um so große und kräftige Säuger wie Wisent oder Mammut zu erlegen.

In der Frühphase des Jungpaläolithikums nahm die Technik einen vergleichsweise raschen Aufschwung (siehe auch "Bildhaftes Denken in der Eiszeit" von Randall White, Spektrum der Wissenschaft, März 1994, Seite 62). Außer Stein wurden nun Knochen und Geweih auf kunstfertige Weise zu allerlei Gerätschaften verarbeitet, auch zu Speerspitzen. Die Entscheidung für eines von diesen beiden Rohmaterialien war zunächst wohl davon bestimmt, wann es verfügbar war. Während jede erfolgreiche Jagd Knochen lieferte, tragen nur wenige Tierarten Geweihe, und das auch nicht zu allen Jahreszeiten und nicht immer in der erforderlichen Qualität: Sie sind während der Brunft und nach dem Abwurf im Herbst am härtesten und größten, ergeben dann also mehr widerstandsfähige Speerspitzen; und mit Ausnahme der Rentiere tragen jeweils nur die Männchen Geweihe.

Aber auch Knochen waren nicht immer verfügbar, denn sie dienten ebenso als Brennmaterial, und die langen Röhrenknochen wurden zur Gewinnung des stark fetthaltigen Marks zerschlagen. (Die Cro-Magnon-Menschen stellten auch eine kräftige Brühe her, indem sie aufgebrochene Knochen kochten; dazu erhitzten sie vermutlich das Wasser in einer mit Leder ausgekleideten Grube durch heiße Steine.)

Das zweite wichtige Kriterium waren die Materialeigenschaften. Zwar sind auch Geweihe eine Art von Knochen (Hörner etwa von Ziegen oder Wildrindern sitzen dagegen als Scheiden auf Knochenzapfen ), doch bedingen das andere Wachstum und die Entwicklung unter dem blutgefäßreichen Bast strukturell und mechanisch vorteilhafte Unterschiede zum Skelettknochen. John D. Currey, ein Biologe an der Universität York (England), hat die Biegefestigkeit, die Elastizität und die Brucheigenschaften beider Biomaterialien untersucht. Bei Belastung entlang der Längsachse zeigen sie sehr ähnliche Druck- und Biegefestigkeiten; Knochen ist jedoch steifer und stärker mineralisiert, darum bricht er bei einem Aufprall eher als Geweih. Zwar konnten die Handwerker der letzten Eiszeit dieses Detailwissen nicht haben, doch sammelten sie durch den regelmäßigen Umgang mit diesen Materialien eingehende Erfahrungen und Kenntnisse darüber, welches als Werkstoff für welchen Zweck besonders geeignet war und wie sie es zu bearbeiten hatten.

Während des Aurignacien, des ältesten Abschnitts im Jungpaläolithikum (so benannt nach einem französischen Fundort, der Höhle von Aurignac im Département Haute-Garonne), vor etwa 40000 bis vor 28000 Jahren, bevorzugten die Handwerker Geweih zur Herstellung der Geschoßspitzen. In aufeinanderfolgenden Phasen entwarfen sie drei verschiedene Typen (Bild 2): zunächst rhombenförmige Spitzen mit gespaltener Basis, dann vor etwa 30000 Jahren dickere mit runder Basis und schließlich 2000 Jahre später spindelförmige mit leicht spitz zulaufender Basis. Erst im darauf folgenden Gravettien (benannt nach dem Abri La Gravette in der Dordogne; als Abri bezeichnet man einen schützenden Felsüberhang, der als Lagerstätte benutzt wurde oder den Eingang einer Unterkunft bietenden Höhle überdachte) entwickelten sie auch eine Methode, verläßliche Speerspitzen aus Knochen zu fertigen; diese hatten eine abgeschrägte Basis. (Die Bezeichnungen der jungpaläolithischen Perioden werden auch zur Einordnung entsprechender Fundschichten im übrigen Europa und in Vorderasien verwendet, doch können Alter und Kulturmerkmale differieren. Charakteristisch für das Aurignacien ist aber überall, daß menschliche Skelettreste an den diversen Fundorten nur noch vom Homo sapiens sapiens stammen, also von der jetzt lebenden Art unserer Gattung. Die Redaktion)


Das Zusammenspiel von Schaft und Spitze

Welche Ideen leiteten jene Menschen bei der Entwicklung und Herstellung dieser unterschiedlichen Typen, die jeweils wie Standards über Jahrtausende genau beibehalten wurden? Zunächst suchte ich mir über die Gemeinsamkeiten klar zu werden: Jede Speerspitze mußte so geformt sein, daß sie durch die Haut eines Tieres in Muskeln und innere Organe eindringen und lebensbedrohende Wunden zufügen konnte; die Grundfunktion der Basis war, die Spitze am hölzernen Schaft zu fixieren, so daß sie sich auch beim Aufprall nicht löste.

Form und Gewicht der Spitze wirkten sich überdies auf die ballistischen Eigenschaften des Speeres aus, und eine zu schwere hätte die Flugbahn verkürzt. Zudem mußte ein durchschnittlicher Jäger eine solche Waffe gezielt werfen können, entweder frei von Hand oder mit Hilfe einer Speerschleuder. Dieses Gerät bestand aus einem Stock oder Geweihstück mit einem Haken, der dem Speerende Halt bot (Bild 5). Derartige Schleudern, die schon vor 22000 Jahren in Gebrauch kamen, vergrößern die Hebelwirkung des Wurfarms und damit die Reichweite beziehungsweise auf nähere Distanz die Wucht des Geschosses. Wie es zu dieser Erfindung und deren weiter Verbreitung kam (solche Geräte werden bis in die Gegenwart von eingeborenen Jägern und Fischern vor allem Australiens, Melanesiens, Polynesiens und Amerikas zum Schleudern von Speeren, Pfeilen oder Harpunen verwendet), wird unter Archäologen aber noch immer diskutiert.

Um die Unterschiede der vier Formen von Speerspitzen und die Gründe des Designwandels herauszuarbeiten, habe ich zunächst originalgetreue Replikate hergestellt, wobei ich nur Werkzeuge aus Stein, Knochen und Geweih verwandte. Weil auch zahlreiche unfertige Originale sowie Abfälle und Materialreste aus dem Herstellungsprozeß gefunden worden sind, die alle Phasen der Fertigung dokumentieren, konnte ich meine Herstellungsmethode immer wieder überprüfen. Dazu verglich ich auch die Spuren, welche die Werkzeuge an den Objekten hinterlassen. Schließlich vermochte ich Spitzen anzufertigen, die den urgeschichtlichen Artefakten aus jeder der vier Perioden weitgehend glichen.

Dann untersuchte ich gemeinsam mit Kollegen auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Les Eyzies im Südwesten Frankreichs die Befestigung der Spitzen an hölzernen Schäften, die ballistischen Eigenschaften der Speere, die Widerstandsfähigkeit und Reparatur der Replikate und deren Eigenschaften beim Durchdringen von Fell und Knochen. Zur Schäftung verwendeten wir Harz und Bänder aus Tierhaut für die Umwicklung (Bild 3). Als Beutetier-Dummies dienten uns Ziegenkadaver, die in einer lebensnahen Haltung aufgehängt wurden. Um reproduzierbare Kräfte und Geschwindigkeiten einfach zu gewährleisten, schossen wir die Speere mit einer kalibrierbaren Armbrust ab (Bild 4); die kinetischen Energien stellten wir anhand von Untersuchungen mit Speerwerfern so ein, daß sie Würfen aus freier Hand oder mit einer Speerschleuder entsprachen. Aufgrund der vergleichbaren Anatomie der Cro-Magnon-Menschen ist es wahrscheinlich, daß wir so tatsächlich den Speerwurf eines eiszeitlichen Jägers simulierten.

Jede der Speerspitzen wurde so lange getestet, bis sie zerbrach. Dabei suchten wir nach besonderen Bruchmerkmalen der verschiedenen Materialien, um unterscheiden zu können, ob bei Grabungen entdeckte Originale schon infolge der Herstellung, des Gebrauchs oder erst später im Boden beschädigt worden waren. Sofern Speerspitzen bei den Versuchen auf Knochen im Tierkörper trafen, zerbrachen solche aus Knochen entlang ihrer Mittelachse, diejenigen aus Geweih hingegen zeigten quer laufende Brüche nahe der Spitze. Allerdings erwiesen sich beide als wesentlich durchschlagskräftiger, als wir erwartet hatten: Die Spitzen durchstießen sogar unbeschädigt Wirbel, Rippen und Oberschenkelknochen, wenn der Speer mit einer Kraft abgeschossen wurde, die dem Wurf mit einer Schleuder entsprach (Bild 1).


Geschoßspitzen mit gespaltener Basis

Das Nachahmen jungpaläolithischer Techniken war gar nicht so einfach. Während unserer Experimente wurde immer deutlicher, daß auch während der frühen Phase des Aurignacien die Handwerker eine Reihe sehr ausgefeilter und aufeinander abgestimmter Verfahren beherrschten. Wenn sie mit der Zeit ihre Methoden änderten, so gewiß deswegen, um höheren Anforderungen zu genügen. Wie wir anhand der Replikate herausfanden, waren die Spitzen jeweils neueren Designs beispielsweise leichter zu reparieren und die des Gravettien sogar auf einfache Weise auszutauschen. Das ermöglichte den Jägern, dem wandernden Wild zu folgen, ohne wegen einer gebrochenen Geschoßspitze lange aufgehalten zu werden oder vorzeitig zum Lager zurückkehren zu müssen.

Zur Herstellung der gespaltenen Basis des frühesten Typs wurde zunächst ein Geweihstück längs halbiert und der so gewonnene Rohling schabend so geformt, daß er sich zu den Enden hin verjüngte. Dann wurde ein harter Keil vorsichtig in das abgeflachte Ende getrieben. Je dicker das zu spaltende Material war, desto mehr Kraft wurde benötigt; darum konnten Spaltlänge und Richtung anhand der Verdickung des Rohlings kontrolliert werden.

Der Spalt half, die Spitze sicher am Schaft zu fixieren, und ist ein Beispiel für die Spalt- und Keiltechnik jener Zeit: Die Basis wurde in einen U-förmigen Schlitz am Ende des hölzernen Schaftes eingepaßt und mit einer Schnur aus pflanzlichen Fasern oder tierischen Sehnen umwickelt. Dann trieb man einen kleinen Keil aus Geweih oder Holz quer in den Spalt, wodurch die Flügel der Basis auseinandergedrückt und gegen den Schaft gepreßt wurden (Bild 2 oben). Derartige Geweihkeile sind bei der Ausgrabung des Abri Castanet im Tal von Castelmerle in Frankreich gefunden worden. Auch mikroskopische Untersuchungen an Speerspitzen aus dem frühen Aurignacien geben deutliche Hinweise auf diese Befestigungsart: In den umwickelten Bereichen wird die Spitze komprimiert, wodurch sich ihre Elastizität ändert und typische Schadensbilder wie Mikrorisse auftreten können.

Zur Schärfung wurden die Kanten vor der Fixierung der Länge nach abgeschabt; dann wurden Ober- und Unterseite geschliffen. Trotz dieser Sorgfalt bei der Herstellung waren die Handwerker damals aber anscheinend nicht daran interessiert, ihre Produkte auch zu reparieren. Während die meisten gefundenen Spitzen aus dieser Zeit eine symmetrische Form haben, wirken solche mit Reparaturspuren schief und unförmig. Möglicherweise ist das aber auch ein Nachteil der Schäftungstechnik, denn der Spalt gibt eine Symmetrie vor, die beim Nachschärfen einer schief abgebrochenen Spitze schwer einzuhalten ist.

Rhomben- und spindelförmige Geschoßspitzen mit einfacher Basis

Vor 32000 Jahren verschwand dieses Design plötzlich. Fortan wurden rhombenförmige Speerspitzen mit einfacher Basis gefertigt. Weil diese in der Mitte recht breit sind, der Speer aber nicht zu dick und schwer werden durfte, wurden sie vermutlich so in einen Schlitz im schlanken Schaft eingesetzt, daß die Kanten am Schaftende etwas überstanden (Bild 2 Mitte oben).

Solche Speerspitzen waren nicht nur einfacher herzustellen, weil das aufwendige Spalten der Basis entfiel, sondern ließen sich auch leicht nachschärfen, ohne sie aus dem Schaft herausnehmen zu müssen. Tatsächlich erhielten wir nach jedem Schärfen beschädigter Replikate eine Form, die innerhalb der Variationsbreite der bekannten Originale lag. Mithin könnte das Motiv dieser Entwicklung gewesen sein, Speerspitzen leichter reparieren zu können, um sie dann länger zu benutzen.

Nach wenigen Jahrtausenden ersetzten spindelförmige Spitzen mit einfacher Basis mehr und mehr die Rhomboide. Meist wurden auch sie aus Geweih gefertigt und nur vereinzelt aus Knochen oder Elfenbein. Weil sie schlanker sind, konnten aber aus derselben Menge Rohmaterial mehr Geschoßspitzen hergestellt werden. Der Rohling war überdies leichter zu bearbeiten – er konnte in einem Arbeitsgang gleichmäßig herausgearbeitet werden. Mit einer spindelförmigen Spitze war der Speer zudem der ganzen Länge nach rotationssymmetrisch (Bild 2 Mitte unten).

Die sich schlank verjüngende Basis wurde vermutlich in eine zentrische Bohrung im Schaftende eingepaßt. Diese Art der Befestigung erlaubte es, spindelförmige Spitzen ebenso einfach nachzuschärfen wie rhomboide, ohne die Schäftung zu lösen. Zudem ermöglichte die nahezu identische Formgebung beider Enden, nach einer Beschädigung die Spitze einfach umzudrehen; Spindeln konnten also länger benutzt werden als Rhomboide.


Übergang zu Knochenspitzen

Mit Aufkommen der Gravettien-Kultur fand erneut ein Designwandel statt: Zwar blieben die Speerspitzen lang und schmal, bekamen nun aber eine abgeschrägte Basis und wurden eher aus den Langknochen großer Säugetiere gefertigt (Bild 2 unten). Die Handwerker brachen dazu die Knochen in große Späne, schabten sie der Länge nach rundum ab, bis sie die gewünschte spitze Form hatten, und schnitten oder schabten dann eine schräge Basis.

Sicherlich wurde der Speerschaft im gleichen Winkel abgeschrägt und eine Harzschicht unterstützte den festen Sitz von Holz und Knochen. Bezeichnenderweise sind die Oberflächen der originalen Spitzen rauh, entweder weil die schwammige innere Knochenstruktur dort freiliegt oder weil absichtlich Rillen eingefügt wurden; dadurch erhöhte sich die Haftfähigkeit, während glatte Flächen leicht gegeneinander verrutscht wären. Manchmal wurden auch die Seiten der Basis abgeflacht und mit leichten Kerben versehen, was ebenfalls zur sicheren Schäftung beitrug.

Auf den ersten Blick scheint der Wechsel der Materialien merkwürdig, weil Geweih das haltbarere und flexiblere Material ist. Aufgrund seiner anderen Brucheigenschaften geht von Knochen bei jeder Beschädigung mehr verloren, und eine Speerspitze kann nicht so oft nachgeschärft werden.

Doch die Jäger des Gravettien verwendeten nicht jede Art von Knochen, sondern bevorzugten Endstücke nahe dem Gelenk. Diese Segmente haben aufgrund ihrer Struktur gleichmäßigere mechanische Eigenschaften als solche aus der Mitte eines langen Röhrenknochens, unabhängig von der Belastungsrichtung; die Knochenspitzen waren zudem von gleichmäßigem Querschnitt, was die Stoßelastizität noch weiter erhöht. Außerdem sind Speere mit diesen Spitzen noch stromlinienförmiger als mit dem Spindeltyp.

Auch diese Spitzen waren am Schaft einfach zu reparieren, wie unsere Versuche mit Replikaten belegen; und manche beschädigten Originale sehen so aus, als sei gerade jemand dabei gewesen, sie zu reparieren. War die abgeschrägte Basis defekt, konnte ebenfalls schnell eine neue gefertigt werden. Auffällig ist, daß die Basenwinkel sehr einheitlich sind; so brauchte ein Jäger nicht mehrere Speere zu schleppen, sondern konnte denselben Schaft mit nachgeschärften oder neuen Spitzen nachrüsten.

Welchen Grund es letztlich dafür gab, nach Jahrtausenden von der bewährten Geweihtechnik abzurücken, bleibt unklar. Ein Mangel an Rohmaterial, also an den entsprechenden Beutetieren, war es sicherlich nicht. Die vier vorgestellten Typen von Speerspitzen sind auch nur ein Ausschnitt aus dem Arsenal von Jagdwaffen der letzten Eiszeit; es gab außerdem welche aus Stein oder – wie an Fundstätten in Süddeutschland belegt – aus Mammutrippen. Zudem sind anscheinend im Laufe der Zeit kompliziertere Schäftungsarten entwickelt worden, bei denen sich die Spitze vom Schaft löste, so daß sich ein getroffenes, aber davonlaufendes Tier durch seine Bewegung innere Verletzungen zuzog und so doch noch zur Strecke gebracht wurde.

Während der jüngeren Altsteinzeit wurden also verschiedene Strategien verfolgt, dem Großwild beizukommen; und zahlreiche Innovationen dienten dem einen Ziel, die Jagd effektiver zu machen. Erst durch vergleichenden Nachbau und experimentelles Erproben dieser Waffen gewinnen wir ein rechtes Verständnis dafür, wie sich die ersten Europäer modernen Typs den Herausforderungen der harrschen Natur stellten.

Literaturhinweise

- Osseous Projectile Points: Biological Considerations Affecting Raw Material Selection and Design among Paleolithic and Paleoindian Peoples. Von R. Dale Guthrie in: Animals and Archaeology. Band 1: Hunters and Their Pray. Herausgegeben von Juliet Clutton-Brock und Caroline Grigson. BAR International Series 163, Seiten 273 bis 294, 1983.

– The Optimal Design of Hunting Weapons: Maintainability or Reliability. Von Peter Bleed in: American Antiquity. Band 51, Heft 4, Seiten 737 bis 747, Oktober 1986.

– Bildhaftes Denken in der Eiszeit. Von Randall White in: Spektrum der Wissenschaft. Seiten 62 bis 69, März 1994.

– Hunters of the Recent Past. Herausgegeben von Leslie B. Davis und Brian O. K. Reeves. Unwin Hyman, 1990.

– Before Lascaux: The Complex Record of the Early Upper Paleolithic. Herausgegeben von Heidi Knecht, Anne Pike-Tay und Randall White. CRC Press, 1993.

– Hunting and Animal Exploitation in the Later Paleolithic and Mesolithic of Eurasia. Herausgegeben von G. L. Peterkin, H. M. Bricker und P. Mellars in: Archeological Papers of the American Anthropological Association. Heft 4, 1993.

– Spears, Darts, and Arrows: Late Woodland Hunting Techniques in the Upper Ohio Valley. Von Michael Shott in: American Antiquity. Band 58, Heft 3, Seiten 425 bis 443. Juli 1993.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1994, Seite 90
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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