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Jahrtausendprojekt Mars. Standort All - Chance und Schicksal der Menschheit.

Langen Müller, aktualisierte Auflage München 1997.
320 Seiten, DM 59,90.

Die Neuauflage dieses Buches erscheint zu einem Zeitpunkt, zu dem das Interesse der Öffentlichkeit am Mars gerade besonders groß ist: Knapp 21 Jahre, nachdem die beiden amerikanischen "Viking"-Raumsonden Roboter und Meßinstrumente auf dem Planeten abgesetzt hatten, ist dort wieder ein Gerätesystem gelandet; "Pathfinder" begann sogleich, Aufnahmen und erheblich eingehendere Informationen zu senden. Zudem glaubte man kurz zuvor in einem Meteoriten, der vom Mars stammt, deutliche Hinweise auf früheres Leben gefunden zu haben (Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seite 112). Von diesem mittlerweile wieder umstrittenen Befund konnte der Autor noch gar nichts wissen, als er den Text für die – mir vorliegende – Version von 1996 verfaßte, das spektakuläre Landemanöver immerhin antizipieren.

Jesco von Puttkamer, Planungsmanager im Hauptquartier der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA, schlägt zum Thema einen ganz weiten Bogen von den ersten Mythen und Überlieferungen alter Völker und Kulturen über die klassische Antike und das Mittelalter bis in die Gegenwart. In manchmal etwas länglichen Darlegungen zeigt er die wichtigsten Etappen in der Entwicklung der Wissenschaft im allgemeinen und der Astronomie im besonderen auf. Auch für den einschlägig informierten Leser ist es jedoch keineswegs langweilig nachzulesen, welch riesige Bewußtseinssprünge die Menschheit mit den Veränderungen ihres Weltbildes in den letzten 2000 Jahren gemacht hat.

Das zentrale Thema des Buches ist allerdings eine Expedition von Menschen zum Mars, ja sogar dessen Besiedlung. Um die technischen Schwierigkeiten eines solchen Mammutprojekts besser verständlich zu machen, gibt der Autor eine Einführung in die Himmelsmechanik, insoweit es um mögliche Flugbahnen von einem Planeten zum anderen geht. Basierend auf den ersten Projektstudien des Teams um Wernher von Braun vom Anfang der fünziger Jahre, beschreibt er eine Kolonisation des wüstenhaften Himmelskörpers in einzelnen Schritten, wie er und die NASA sie für erforderlich hielten beziehungsweise halten. Die ersten Nahaufnahmen von der Oberfläche des Mars, welche die Sonde "Mariner 4" im Jahre 1965 zur Erde funkte, veranlaßten die Projektplaner zu weitreichenden Änderungen. Von Puttkamer bringt zahlreiche Details, in die er als Mitglied verschiedener Planungsgruppen Einblick hatte. Als Insider versteht er es, die Anstrengungen und Rückschläge der frühen Raumfahrt-Phase, die in der erfolgreichen Landung der beiden "Viking"-Sonden gipfelten, aus dem Blickwinkel der Beteiligten darzustellen.

Ist ein so hochfliegendes Unterfangen wie eine bemannte Mars-Mission oder gar die Besiedlung unseres Nachbarplaneten überhaupt realisierbar? Und wenn ja, wäre es politisch durchzusetzen? Das sind unter den heutigen politischen und finanziellen Bedingungen die entscheidenden Fragen. Der Autor legt kritisch dar, daß bereits der Hin- und Rückflug einer Astronauten-Crew erheblich mehr kosten würde als die 120 Milliarden Dollar, welche die NASA über zehn Jahre verteilt für das "Apollo"-Programm ausgegeben hat. Und schon auf den Flug zum Mond hätten sich die USA wohl nicht eingelassen, wenn sie dem Gegner im Kalten Krieg nicht ihre Überlegenheit hätten zeigen wollen - ein Motiv, das mittlerweile entfallen ist.

Aber von Puttkamer ist ein Verfechter der bemannten Mars-Mission; also stellt er ausführlich und in Analogie zum "Apollo"-Programm den zu erwartenden Gewinn für die Menschheit in Form von technologischen Entwicklungen, Wissenszuwachs und ähnlichen spin-offs den Ausgaben gegenüber. Doch ist ihm klar, daß solche Auflistungen von Gründen, die man bei gutem Willen als rational verbuchen könnte, nicht ausreichen: Die Idee "bleibt ein Wolkenkuckucksheim, solange beim freien Menschen nicht auch ein aus tieferen Bewußtseinsquellen schöpfender Konsens der Gemeinschaft zum kollektiven Willensakt die Tat auslöst".

Mit "Jahrtausendprojekt Mars" will sich der Autor offenbar als Urheber oder zumindest als Propagator einer Vision ausweisen, die eine spätere Generation beflügeln könnte. Aber das ist nicht die zweite Stufe der Träume von Raketen-Pionieren wie Konstantin Ziolkowski (1857 bis 1935), Robert H. Goddard (1882 bis 1945) oder Hermann Oberth (1894 bis 1989), die sich erstaunlich schnell erfüllt haben. Denn über "Chance und Schicksal der Menschheit", wie der Untertitel verheißt, wird gewiß nicht auf dem roten Planeten, sondern auf der Erde entschieden – immer wieder und bis in absehbare Zukunft. Das Buch ist also kritisch zu lesen, enthält aber viele Informationen, die allgemein von Interesse sind.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1997, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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