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Forensik: Fälschliche genetische Fingerabdrücke

Mit den immer empfindlicheren Verfahren, um DNA-Spuren zu entdecken, steigt die Gefahr falscher Verdächtigungen. Denn sie finden auch indirekt übertragenes Zellmaterial.
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Die Polymerase-Kettenreaktion zählt zu den genialsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Der amerikanische Biochemiker Kary B. Mullis, der dafür 1993 den Nobelpreis für Chemie erhielt, hatte den Geistesblitz auf einer langen Autofahrt im Frühjahr 1983. Mit der Methode lassen sich DNA-Sequenzen rasch in den für genetische Analysen erforderlichen Mengen vervielfältigen.

Die Möglichkeit, Informationen aus winzigen Spuren DNA zu gewinnen, revolutionierte in den 1990er Jahren auch die Forensik. Schon die unsichtbaren Spuren von Hautabrieb, die jemand etwa an einer Türklinke hinterlässt, können genügen, um von ihm einen "genetischen Finger­abdruck" zu erstellen. Vor 20 Jahren reichten dafür 300 Pikogramm (10 – 12 oder ein billionstel Gramm) aus, die DNA von lediglich ein paar Dutzend Zellen. Die modernen Nachweismethoden benötigen nochmals deutlich weniger DNA. Heutige kommerzielle Test-Kits erfordern nur noch 100 Pikogramm Erbmaterial. Und die modernsten Sequenzier­automaten der Genomforschung können bereits eine einzelne DNA-Doppelhelix auslesen. Da diese Verfahren immer kostengünstiger werden, dürften auch sie bald in der Forensik Anwendung finden.

Meistens lässt sich mit solchen Analysen eine Person mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anhand bestimmter individueller genetischer Muster identifizieren. Genau genommen ist allerdings lediglich der Ausschluss von Individuen über DNA-Vergleiche wirklich zweifelsfrei möglich. Ein positiver Nachweis beruht dagegen immer auf komplexen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen. Denn obwohl jeder Mensch genetisch unverwechselbar ist, können manche Muster im Genom, die für solche Zwecke herangezogen werden, in seltenen Fällen zwischen verschiedenen Perso­nen übereinstimmen und dann zu Fehlschlüssen führen – sofern man die betreffenden Erbgutproben nicht nochmals eingehender überprüft. Mittlerweile liegen statis­tische Studien dazu vor, unter welchen Bedingungen falsche Zuordnungen praktisch auszuschließen sind. Daran orientieren sich Gerichte, und vor diesem Hintergrund haben genetische Indizien in der Strafverfolgung heutzutage hohes Gewicht. ...

Oktober 2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Oktober 2016

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  • Quellen

Blackie, R. et al.: DNA Profiles from Clothing Fibers Using Direct PCR. In: Forensic Science, Medicine, and Pathology 2016

Cale, C. M. et al.: Could Secondary DNA Transfer falsely Place Someone at the Scene of a Crime? In: Journal of Forensic Sciences 61, S. 196 – 203, 2016

Helmus, J. et al.: DNA Transfer – a never Ending Story. A Study on Scenarios Involving a Second Person as Carrier. In: International Journal of Legal Medicine 130, S. 121 – 125, 2016

Kamphausen, T. et al.: Everything Clean? Transfer of DNA Traces between Textiles in the Washtub. In: International Journal of Legal Medicine 129, S. 709 – 714, 2015