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Jean-Henri Fabre

Dieser eigenbrötlerische französische Insektenforscher, ein Meister der Naturbeobachtung und des wissenschaftlichen Essays, war einer der beliebtesten Bildungsautoren seiner Zeit. Eine Betrachtung seines Hauptwerkes offenbart im nachhinein zwar manche Schwachpunkte, aber auch bisher nicht hinreichend gewürdigte Entdeckungen.

Während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war Jean-Henri Fabre (1823 bis 1915; Bild 1) einer der gefeiertsten Lehrmeister der Naturkunde. Der Dichter Victor Hugo pries ihn als den "Homer der Insekten", der Dramatiker Edmond Rostand ihn als ihren "Vergil". Am Ende seines Schaffens wurde Fabre sogar für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen, aber der Übereifer seiner Befürworter vergrellte die Schwedische Akademie, so daß seine Chancen – wie immer sie standen – schon im voraus dahin waren.

Heute ist dieser Naturforscher in der breiten Öffentlichkeit weithin in Vergessenheit geraten. Am gegenwärtigsten ist er noch in Japan. Dort sind Ausstellungen über ihn an der Tagesordnung; im Schulunterricht wird oft auf seine Arbeiten verwiesen, und seit 1923 sind allein 47 Übersetzungen seines zehnbändi- gen Hauptwerks "Souvenirs entomologiques" (deutscher Titel: "Bilder aus der Insektenwelt") oder Teilen davon neben Ausgaben seiner weiteren Bücher erschienen.

Generationen von Wissenschaftlern aus aller Welt halten gleichfalls sein Andenken in Ehren. Bewegt erinnern sie sich daran, wie sie als Jugendliche Auszüge der "Souvenirs" verschlungen haben und dadurch ihr späterer Berufswunsch geweckt wurde. Das ist allerdings nicht ohne Widersinn: Einige seiner wissenschaftlichen Überzeugungen waren schon seinerzeit ziemlich ungewöhnlich und sind es heute erst recht. So lehnte er die Evolutionstheorie ab, obwohl Charles Darwin (1809 bis 1882) in seinem 1859 erschienenen Werk "Über die Entstehung der Arten" sich als großer Bewunderer Fabres erwies und ihn als "unübertroffenen Beobachter" lobte.

Wie dem auch sei – der Reiz der "Souvenirs" schlägt jeden Leser, ungeachtet irgendwelcher Verschrobenheiten ihres Verfassers, in seinen Bann. Wie Fabre 1882 in einem Brief an Jean-Baptiste Dumas, den früheren Mentor des Chemikers und Bakteriologen Louis Pasteur, erläuterte, habe er einen "legeren Ton" gewählt, um "nicht nur Naturforscher als Leser zu gewinnen". Genau das geschah: Das Werk wurde gleich mit Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 1879 ein Bestseller.

Auf den mehr als 4000 Seiten verbindet sich originäre Wissenschaft mit facettenreicher lebendiger Schreibkunst, teils amüsant, teils poesievoll und immer voller Esprit. Reminiszenzen und Abschweifungen in alle erdenklichen Themen wechseln mit spannenden Schilderungen von Begebenheiten bei der Erforschung des Verhaltens von Insekten. Der Text offenbart in allem Fabres Empfindungen und Ansichten, atmet seinen unverwüstlichen Optimismus, gepaart mit unermüdlicher Naturverehrung in friedvoller Atmosphäre – als lauschte man an warmen Sommertagen in den Fluren dem Konzert der summenden Insekten. Die "Souvenirs" bieten somit außergewöhnlichen Einblick in die Persönlichkeit ihres Schöpfers und die von ihm leidenschaftlich ausgeübte Wissenschaft.


Ein steiniger Lebensweg

Henri, wie er schlicht zu Hause hieß, wurde 1823 als Sohn armer Bauern in Saint-Léons, einem südfranzösischen Dorf im heutigen Département Aveyron, geboren. Von frühester Jugend an mußte er um Stipendien ringen und sich später mit schlechtbezahlten Arbeiten durchschlagen, um seine Ausbildung zu finanzieren. Weil er sich in manchen Jahren eine zusammenhängende Schulausbildung schwerlich leisten konnte, entwickelte er sich zu einem außergewöhnlichen Autodidakten. So brachte er sich selbst klassisches Griechisch sowie Englisch bei.

Im Jahre 1844 bestand Fabre das sprachliche und 1846 das mathematische Abitur; 1847 erwarb er das Lizentiat für Mathematik, ein Jahr darauf das für Physik und später auch die für die übrigen naturwissenschaftlichen Fächer. (Seit dem Mittelalter gibt es an französischen Universitäten diesen akademischen Grad, der zwischen dem Bakkalaureat – dem französischen Abitur – und der Promotion anzusiedeln ist.)

Fabres Ausbildungsgang ist insofern wirklich bemerkenswert, als er nur äußerst selten – wenn überhaupt – Gelegenheit fand, Vorlesungen in diesen Fächern zu hören. Schließlich erwarb er 1855 den naturwissenschaftlichen Doktortitel an der Sorbonne in Paris, nachdem er in seiner kleinen Küche drei Dissertationen verfaßt hatte, eine über Tiere und zwei über Pflanzen.

Ein solches Debüt erklärt den weiteren einsamen Weg dieses Mannes. In seiner Zeit als Oberschullehrer für Physik entwickelte er sich zum ausgesprochenen Eigenbrötler. Sein eigenwilliges Verhalten ging vielen seiner Kollegen ge-gen den Strich – ein Grund, warum ihm eine Hochschulkarriere verschlossen blieb. Ausschlaggebend war jedoch seine Geldnot: Als ihm nämlich die Universität Poitiers Anfang der sechziger Jahre doch eine Stelle antrug, mußte Fabre ablehnen, denn damals wurde Fakultätsmitgliedern lediglich ein symbolisches Honorar gezahlt, und Forschungsstipendien waren unbekannt.

Der Armut erwehrte sich dieser Mann der Wissenschaft auf zweierlei Weise. So ging er mit seinem chemischen Wissen das Problem an, aus der zum Textilfärben genutzten Färberröte, dem Krapp, Alizarin zu extrahieren (der Ausgangsstoff liefert je nach Beize unterschiedlich rötliche Töne). Wo andere gescheitert waren, hatte er Erfolg: Im Jahre 1866 erhielt er ein Patent auf die Erzeugung reinen Alizarinpulvers aus der Wurzel der Pflanze. Indes war sein Glück nur von kurzer Dauer; denn schon 1867 hatten deutsche Chemiker entdeckt, wie sich der Farbstoff synthetisch aus Einzelkomponenten herstellen läßt. In der Folge, als das 1869 von der nachmaligen Firma Hoechst auf den Markt gebrachte synthetische Produkt allmählich billiger wurde, kam der bis dahin verbreitete Anbau von Färberröte völlig zum Erliegen.

Die zweite Erwerbsquelle erwies sich als dauerhafter und einträglicher. Fabre schrieb Sachbücher, die Wissenschaft und Technik Erwachsenen und Kindern gleichermaßen näher brachten, und setzte damit Rationalität an die Stelle jener Ammenmärchen, die noch vielfach die Vorstellungen bestimmten. Zwischen 1862 und 1891 veröffentlichte er 95 solcher Titel, und alle fanden eine große Leserschaft. Einige übertrafen zu Lebzeiten Fabres sogar die Verkaufszahlen seiner "Souvenirs", und mehrere wurden bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts nachgedruckt – "Le ciel" ("Der Himmel"), erschienen 1865, brachte es auf insgesamt elf Auflagen. Eine besonders schön illustrierte japanische Ausgabe seiner "Histoire de la buche" ("Geschichte eines Holzklotzes"), ein Buch über die Wunderwelt der Pflanzen und vielleicht das populärste von allen, kam sogar erst vor acht Jahren heraus.

Bezeichnend für den Ruf dieser Werke ist, daß 1868 der französische Erziehungsminister ihren Verfasser persönlich ersuchte, Tutor für den Sohn Napoleons III. zu werden. Fabre, zu der Zeit Aushilfslehrer an einer höheren Schule in der Provinz, blieb seinem verschlossenen Wesen treu und lehnte diesen ehrenvollen Auftrag schlicht ab. (In den "Souvenirs" beschrieb er, wie er während seines Aufenthalts am Hofe nichts sehnlicher als wieder wegzukommen wünschte.)

Im nachhinein erwies sich die Entscheidung als klug, denn der Kaiser wurde im Deutsch-Französischen Krieg bei Sedan 1870 gefangengenommen, woraufhin die Dritte Republik ausgerufen wurde; er starb 1873 im Londoner Exil.

In den zwei Jahren vor Ausbruch des Krieges hatte sein überzeugtes Eintreten für bessere Bildungschancen der Frauen Fabre in einige Bedrängnis gebracht; er hielt sehr gut besuchte Vortragsabende für Mädchen ab. Weil aber deren Erziehung in Frankreich immer Sache der katholischen Kirche gewesen war, die sich nicht recht mit seinen Lehrinhalten anfreunden konnte, wurde er schon bald im ganzen Land solcher Vergehen beschuldigt, wie unschuldige Wesen mit den Sexualfunktionen der Blüten zu konfrontieren. Der Krieg machte schließlich der Vortragsreihe und dem öffentlichen Aufruhr ein Ende, dennoch warfen 1871 seine Vermieterinnen, zwei devote katholische Jungfern, Fabre samt Familie aus seinem Domizil.

Gerade das erwies sich als glückliche Fügung. Bis dahin war Fabre mit seinem Leben nicht zufrieden gewesen: Zutiefst bedauerte er, sich seinen Jugendtraum nicht erfüllt zu haben, einmal Universitätsprofessor zu werden. Das plötzliche Mißgeschick, ohne Dach über dem Kopf dazustehen, erforderte einen ganz neuen Anfang.

Mit Hilfe eines Darlehens seines wohlhabenden Freundes John Stuart Mill (1806 bis 1873) – der englische Philosoph, Nationalökonom und Hobby-Botaniker lebte seit 1858 zumeist in seiner Villa nahe Avignon – konnte sich Fabre, gerade erst 48jährig, aus dem Berufsleben zurückziehen. Von da an widmete er sich seinen schriftstellerischen Neigungen, der Naturbeobachtung und seinen Versuchen an Insekten. Im Jahre 1879, als der erste Band der "Souvenirs" erschien, zog die Familie etwa zehn Kilometer westlich von Orange in ein Haus auf einem etwa ein Hektar großen Stück Ödland (provençalisch harmas), das Fabre sich als entomologisches Freilandlabor ausgesucht hatte. (Heute empfängt der "Harmas" in Serignan seine Besucher als Fabre-Außenstation des französischen Nationalen Naturhistorischen Museums.)

Mehr als vier Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tode 1915, konnte Fabre sein Schaffen fortsetzen. Außer den "Souvenirs" schrieb er Gedichte in zwei Sprachen und vertonte einige; und er malte 700 anmutige, zart kolorierte Bilder von Pilzen, die zu den schönsten ihrer Art zählen (Bild 1).

Wäre Fabre wirklich Professor geworden, hätte er nicht vor 1893 in den Ruhestand treten können. Dann aber wäre es wahrscheinlich zu spät gewesen, ein solches Forschungsprogramm wie in L'Harmas in Angriff zu nehmen. Bestenfalls hätte er ein knappes Äquivalent zu den "Souvenirs" hinterlassen können – sehr zum Nachteil des Kulturerbes der Menschheit.


Der scharfsinnige Experimentator

Dem Studium der Insekten, dem Schwerpunkt dieses Werkes, galt sein oberstes Interesse, und deshalb verdient es auch besondere Aufmerksamkeit. Ich möchte hier aus der Sicht eines Biologen am Ende des 20. Jahrhunderts eine Zusammenschau seiner wissenschaftlichen Inhalte präsentieren.

Am beachtlichsten ist, wie nachdrücklich sich Fabres Forscherarbeit auf das Experiment stützte. Vor ihm hatten sich die wenigen überhaupt zum tierischen Verhalten durchgeführten Versuche im wesentlichen auf Vögel beschränkt. Das ist keineswegs so seltsam, wie es anmutet. Systematisches biologisches Experimentieren – das Versuchsobjekt zu beobachten, gemäß einer Frage einzugreifen und die Daten statistisch auszuwerten – ist nichts Selbstverständliches. Ein echtes Experimentieren gab es in den Naturwissenschaften bis Galileo Galilei (1564 bis 1642) sogar überhaupt nicht (der italienische Mathematiker, Physiker und Philosoph hatte beispielsweise die Gesetze des freien Falls in reinen Gedankenexperimenten hergeleitet, doch zu ihrer Bestätigung dann eine Fallrinne entwickelt). Zudem ist es nur wenigen Biologen gegeben, sowohl für ein gegebenes Problem die richtigen Organismen auszuwählen als auch zugleich Tests zu entwickeln, die unzweifelhafte Resultate liefern.

Gerechterweise sollte man erwähnen, daß Fabre nicht allein das Verdienst zukommt, das Experiment bei Verhaltensstudien an tierischen Studienobjekten eingeführt zu haben. Im Falle von Insekten hat der britische Wissenschaftler John Lubbock (1834 bis 1913) Pionierarbeit für die Verwendung von Labyrinthsystemen geleistet. (Unterscheidungsvermögen, Lern- und Wahlverhalten beispielsweise lassen sich in einem Y-förmigen System testen, bei dem in beiden Armen Unterschiedliches geboten wird.) Auf solchen Methoden gründen Jahrzehnte wissenschaftlicher Untersuchungen an den verschiedensten Tiergruppen. Lubbock beeinflußte vor allem die Laborforschung, besonders in Amerika, Fabre eher die Freilandforschung, hauptsächlich auf dem europäischen Festland.


Metamorphosen und Taxien

Vielen Entomologen ist der Name Fabre wegen seiner detaillierten Studien über die Verwandlung – die Metamorphose – der Insekten geläufig. Alle Kerfen schlüpfen als Larven aus einem Ei und beschließen ihren Lebenszyklus als reife Vollinsekten, sogenannte Imagines; aber die Entwicklung dazwischen ist verschieden wie die Stadien, die sie dabei durchlaufen (Bild 2).

Einige Insekten wie die Silberfischchen haben schon ganz früh ihre endgültige Gestalt und wachsen einfach bis zur Reife heran, indem sie sich mehrmals häuten. Heuschrecken und echte Wanzen beispielsweise durchlaufen hingegen eine allmähliche, unvollkommen genannte Verwandlung: Die Larven werden zu Nymphen, die dem erwachsenen Organismus schon recht ähneln, allerdings nur Flügelanlagen haben; sie werden ihm mit jeder Häutung ähnlicher, aber erst die geschlechtsreife Form hat dann funktionsfähige Flügel. Käfer, Fliegen, Schmetterlinge und einige andere Insektengruppen schließlich durchlaufen eine vollständige Metamorphose, bei der die Larven sich zu weitgehend unbeweglichen Puppen verwandeln, aus denen später die vollausgebildeten, geflügelten Imagines schlüpfen. Fabre untersuchte diese drei typischen Lebenszyklen im Detail und entdeckte dabei noch einen vierten: Ölkäfer durchlaufen mehrere Larval- und zwei Puppenstadien (als erstes das einer Scheinpuppe), bevor sie sich in das geschlechtsreife Tier verwandeln. Er nannte ihn Hypermetamorphose – der einzige wissenschaftliche Terminus, den er je geprägt hat.

Ungeachtet solcher Beiträge wurde dem Privatgelehrten nicht die verdiente volle Anerkennung aus wissenschaftlichen Kreisen zuteil. Ein Grund liegt darin, daß die "Souvenirs" als quasi literarisches Werk keine graphischen Darstellungen enthalten und mit nur wenigen Tabellen ausgestattet sind. Damit bestand kaum eine Chance, daß es von der Fachwelt ernsthaft beachtet würde. Jene Forscher, die es dennoch lasen, waren im allgemeinen von den Qualitäten beeindruckt, die auch Laien daran schätzten, und nicht immer von denen, die wissenschaftlich zählten.

So ist der Fachwelt entgangen, daß Fabre als erster die Taxisorientierung bei Tieren nachwies. Darunter versteht man ein Reflexverhalten, bei dem ein mobiler Organismus sich von einer Reizquelle ab- oder ihr zuwendet (wie die sprichwörtlichen Motten zum Licht). Der Begriff Taxis – nach griechisch Anordnung, Ausrichtung – wird allgemein dem deutsch-amerikanischen Biologen Jacques Loeb (1859 bis 1924) zugeschrieben, der das Konzept in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als zoologisches Gegenstück zum Tropismus in der Botanik entwickelte – der Tendenz von Pflanzen, beispielsweise mit ihren grünen Teilen zum Licht und entgegen der Schwerkraft zu wachsen. Jedoch erkannte Fabre bereits Mitte der siebziger Jahre einige Taxien bei Insekten, und er prüfte seine Ideen sechs Jahre lang in Experimenten an Wildbienen. Beispielsweise stellte er fest, daß die der Puppe entschlüpfenden geschlechtsreifen Tiere einen angeborenen Drang haben, sich nach oben (gegen die Schwerkraft) und ins Freie (der frischen Luft entgegen) zu bewegen. Welche Taxiskomponente dominiert, hängt von der jeweiligen Spezies ab.

Etliche Arten von Mauerbienen (Gattung Osmia) nisten in hohlen Pflanzenstengeln; die Brutzellen werden darin hintereinander mit Zwischenwänden angelegt. Wenn Fabre zum Beispiel zehn Brutzellen mit Kokons in vertikale, oben verschlossene, unten aber offene Röhren plazierte, fanden höchstens die drei untersten Bienen, die nahe genug der Öffnung zur Luft schlüpften, den Weg ins Freie; sie bissen die Trennwände nach unten durch. Die anderen strebten beharrlich nach oben, durchdrangen also nur die über ihnen liegenden Trennwände und gingen schließlich in der Sackgasse zugrunde (Bild 3).


Mimikry, Parasitismus, Mutualismus

In einem mir bekannten Falle hat Fabre sogar die wahre Natur eines Phänomens erkannt, das selbst heute noch viele Biologen falsch interpretieren: die Mimikry bei Schwebfliegen der Gattung Volucella. Die erwachsenen Tiere ahmen in Form und Farbe, je nach Art, das Aussehen von Wildbienen (beispielsweise Hummeln) oder von Wespen nach und legen ihre Eier in deren Nestern ab. Der Insektenforscher William Kirby meinte 1817, die Ähnlichkeit bestimmter Volucella-Arten mit Hummeln helfe ihnen, als Brutparasiten zu schmarotzen – die Imitatoren könnten ohne Gefahr, angegriffen zu werden, zur Eiablage in die Nester eindringen, und die Larven würden dann später vom Inhalt des Wirtsnestes zehren.

Diese älteste veröffentlichte Mimikry-Hypothese impliziert, daß die Gäste dem Wirt schaden – sonst hätten die Hummeln keinen Grund, sie zu attackieren. Im Falle jedoch, daß beider Interessen sich nicht zuwiderlaufen, wäre die beste Erklärung für diese Mimikry, daß sie die Schwebfliegen vor Vögeln schützt. Etliche Fliegen und Käfer tragen die schwarz-gelbe Warntracht, um Vögel abzuschrecken; sie tarnen sich gewissermaßen als wehrhaftes Stechinsekt.

In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als manch ein Wissenschaftler Mimikry als Stütze für Darwins Evolutionsgedanken anführte, wurde Kirbys Hypothese begeistert auf andere Fälle ausgedehnt – so auch auf Volucella zonaria, deren Larven sich in Nestern sozialer Faltenwespen entwickeln. Aber bis ins 20. Jahrhundert hinein haben sich nur wenige die Mühe gemacht, einmal zu prüfen, ob die Lebensweise des Insekts überhaupt das Argument des Brutparasitismus zur Entstehung der Mimikry stützt.

Fabre war da sorgfältiger. In den "Souvenirs" beschreibt er, wie das Nest der Gemeinen Wespe, ein vollkommen dunkler Erdbau, peinlichst von den Arbeiterinnen gesäubert wird, indem sie Abfall, verendende Tiere und Kadaver (die Larven werden mit anderen Insekten gefüttert) in eine eigens dafür vorgesehene, darunterliegende "Leichengrube" kehren (diese Wespen bauen ihr Papiernest aber auch in Dachstühlen; Bild 4). Nun herrscht jedoch ein ständiges Kommen und Gehen an gewöhnlichen Fliegen, die überhaupt nicht wie das Stechinsekt aussehen; trotzdem bleiben sie ungeschoren – außer sie lassen sich auf den Brutwaben mit den sich entwickelnden Wespenlarven nieder: Dann werden sie auf der Stelle getötet. So ergeht es allen unvorsichtigen Fliegen, selbst jenen, die bessere Nachahmer als V. zonaria sind. Diese und andere Beobachtungen legen nahe, daß den Volucella-Fliegen ihre optische Mimikry im Inneren oder am Eingang des finsteren Nestes keineswegs nützt.

Wie Fabre weiter feststellte, legen sie ihre Eier im sicheren Abstand von den Waben an den Außenhüllen des Nestes ab. Die meisten schlüpfenden Maden fallen in die Leichengrube und leben von toten Wespen. Einige gelangen unbeachtet von den Arbeiterinnen ins Nest und schließlich auf eine Brutwabe. Dort konkurrieren sie keineswegs, wie der "unübertroffene Beobachter" bemerkte, mit den Wespenlarven um Nahrung; vielmehr quetschen sie sich an ihnen vorbei in die Zellen und saugen von den flüssigen Exkrementen, die sich am Boden sammeln. Fliegen- und Wespenlarven leben einträchtig nebeneinander – es sei denn, eine der letzteren ist verletzt. Dann allerdings beginnt die Made, von der Wundstelle zu zehren. Alles in allem können diese Fliegenmaden also von jedem beliebigen lebenden oder toten tierischen Gewebe leben.

Fabre folgerte daraus, daß es sich bei der Beziehung zwischen beiden Insekten nicht um Parasitismus, sondern um Mutualismus – eine Sache auf Gegenseitigkeit – handele: Die Maden von V. zonaria vagabundieren auf der Suche nach Freßbarem im Wespennest umher und helfen dabei, es sauber zu halten. Über ein Jahrhundert später wird jedoch weiterhin unbekümmert in manchen Lehrbüchern verbreitet, Volucella-Fliegen seien wahrscheinlich Brutparasiten, und ihre wespenähnliche Tracht im geschlechtsreifen Stadium schütze sie vor Attacken durch ihre Wirte.

Nicht auszuschließen ist freilich, daß andere Fliegenarten doch bei Wespen parasitieren oder daß Volucella-Larven chemische oder taktile Signale setzen, um Wespenlarven zu imitieren. Doch sollten moderne Biologen besser über die Experimente Bescheid wissen, die Fabre bereits damals angestellt hat.


Instinkt und Evolution

Persönlich befragt, was er für seinen wichtigsten wissenschaftlichen Beitrag hielte, hätte Fabre wohl seine Arbeiten zur Unterscheidung von tierischer und menschlicher Intelligenz angeführt. Damals kursierten alle möglichen Anekdoten, die angeblich belegten, daß Tiere mit Vernunft begabt seien. Wie der Forscher auf L'Harmas jedoch nachwies, legen Insekten in ungewohnten Situationen "tiefgründige Einfalt" an den Tag, wenngleich sie unter natürlichen Gegebenheiten etwas zeigen, was man für einen unerhört entwickelten Intellekt halten könnte. Wie nutzlos oder gar kontraproduktiv ihr normales Verhalten auch immer in bestimmten Versuchssituationen war – sie wiederholten es viele Male. Diese sowie vergleichbare Experimente mit Haustieren und Wildvögeln überzeugten Fabre davon, daß die menschliche Intelligenz sich in ihrem Wesen grundlegend von der tierischen unterscheide.

Dies machte aber das Verhalten der Tiere für ihn um so reizvoller. Insbesondere den instinktiven Lebensäußerungen solitärer Wespen galt 50 Jahre lang seine Leidenschaft. So zeigte er, daß viele Arten von Solitärwespen ihre Beute nur lähmen und nicht töten, bevor sie ein Ei daran ablegen – und daß sie mit der untrüglichen Kenntnis eines Neuroanatomen für Stich wie Ei jeweils die richtige Stelle zu wählen wissen (Bild 5).

Zweck der Lähmung ist, wie Fabre erkannte, eine gefahrlose und zugleich frisch bleibende Nahrung bereitzustellen. Das Ei wird dann an einer weichhäutigen Stelle der Beute deponiert, von der aus die winzige Larve ihr Mahl fernab lebenswichtiger Hirnganglien beginnen kann: Mit höchst erstaunlicher Instinktsicherheit frißt sie sich geradezu planmäßig durch den Körper und tötet die zunehmend verkrüppelte Beute, indem sie das Gehirn aufspart, erst mit den letzten Bissen.

Das Setzen des Stichs und das Plazieren des Eies ist inzwischen an Hunderten solcher parasitischen Wespenarten vor allem von Andre L. Steiner von der Universität von Alberta in Edmonton (Kanada) untersucht worden (Spektrum der Wissenschaft, Mai 1993, Seite 74). Die kaum überschaubare Vielfalt der Verhaltensmuster verbietet jegliche allumfassende Erklärung. Trotzdem hatte Fabre hinsichtlich der von ihm untersuchten Arten im wesentlichen recht. Er bemerkte zwar eine individuelle Variation im Verhalten, etwa in der Ansatzstelle und in der Zahl der gesetzten Stiche; doch beeindruckt von der Konstanz vieler dieser komplexen Abläufe wertete er sie als Ausnahmen von einem artlich festgelegten Muster.

Die revolutionären Darwinschen Ideen förderten eine veränderte Sicht der Verhaltensvariabilität. Evolutionisten sahen in einer typischen Verhaltensweise kein von jeher festgelegtes Muster, sondern lediglich das häufigste innerhalb einer Population – bestimmt, sich durch natürliche Auslese zu entwickeln. Solange aber weder die Materie der Vererbung noch die Gesetzmäßigkeiten der Populationsgenetik verstanden waren, blieb die Annahme einer richtungsgebenden Selektion – also einer beständigen Auslese auf bestimmte Merkmale hin – reine Glaubenssache. Darum konnten viele Wissenschaftler des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts diesen Faktor als Evolutionsmechanismus nicht akzeptieren, obwohl sie von einem Wandel als solchem überzeugt waren.

Fabre selbst machte keinen Unterschied zwischen beiden: Er lehnte mit der natürlichen Selektion auch die Evolution ab – in seinen Augen eine Theo- rie für Salon-Diskussionen. Außerdem schien die Vorstellung eines von Tieren bis zum Menschen sich erstreckenden Kontinuums geistiger Fähigkeiten allen liebgewordenen Schlußfolgerungen seines Werkes zuwiderzulaufen.

Dennoch zeigen die "Souvenirs" deutlich, das dieses Thema Fabre unablässig verfolgte – teils weil, wie er zugab, die bloße Ablehnung einer Evolution "nichts erklärt". Sein Einblick in die Paläontologie führte ihm die eigenen Denkwidersprüche schmerzlichst vor Augen. Gelegentlich mußte er sich einfach als Evolutionist äußern, wie etwa in der Passage über "grüne Muschelseide" (Cyanobakterien, früher blaugrüne Algen genannt, die einen kurzhaarigen Bewuchs bilden) aus dem Jahre 1901, mit der er seiner Zeit erstaunlich vorauseilte: "Ich beobachte voller Entzücken das unerschöpfliche Sprühfeuer aus kleinen Blasen; ich bilde mir ein, mit anschauen zu dürfen, wie seit Urzeiten die Alge, die erstgeborene des Pflanzenreiches, eine atembare Atmosphäre für die Lebewesen schuf, während die Kontinente mit ihrem Schlamm und Schmutz langsam aus dem Wasser emportauchen. Was sich zwischen den Scheiben meines verglasten Tümpels vor meinen Augen abspielt, berichtet mir davon, wie unser Planet sich mit sauberer Luft umhüllt." (Er wollte den Behälter übrigens nicht Aquarium nennen, um ihn nicht als belanglose Wohnzimmerspielerei abzuwerten.)

Hat Fabre jemals "Die Entstehung der Arten" gelesen? Es gibt kein Dokument mehr, das diese Frage definitiv klären könnte, nur ein schwaches Indiz. Als L'Harmas 1922 französisches Staatseigentum wurde, hatte Fabres jüngster Sohn die Bibliothek seines Vaters bereits verkauft. In einem Brief aber, der noch dort aufbewahrt wird, dankte Darwin Fabre für die Übersendung der "Souvenirs" und fügte hinzu: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß es irgendeinen Menschen in ganz Europa gibt, der Ihre Untersuchungen aufrichtiger als ich bewundert." Vielleicht erwiderte Darwin die Geste des französischen Forschers, indem er ihm ein Exemplar seines wichtigsten Werkes schickte. Fabre bespöttelte später den Satz: "Ein klein wenig Urteilskraft oder Verstand ist... meist mit im Spiel, selbst bei Tieren, die auf der Stufenleiter des Lebens sehr tief stehen." Somit hat er vermutlich zumindest bis zu dieser Stelle im Kapitel über den Instinkt gelesen – nämlich bis unten auf dessen erster Seite.

Nicht etwa, daß Fabre Darwin geringschätzte; er erhielt von ihm wahrscheinlich mehr Fachkorrespondenz als von irgend jemandem sonst und polierte seine Englischkenntnisse für diese Anlässe gehörig auf. Wie der Briefwechsel belegt, nahm Darwin regen Anteil an den Experimenten zum Heimfindevermögen von Mörtelbienen. Als er starb, hat Fabre angeblich geweint.


Irrtümer

Seine Weigerung, Evolution als ein allgemeines Prinzip anzuerkennen, ist ein ernüchterndes Beispiel dafür, wie auch der glänzendste Wissenschaftler durch eine vorgefaßte Meinung verblendet sein kann – eine Lektion, die gerade in seinem Falle ironische Züge trägt, war er doch selbst eisern darauf bedacht, diesen Fehler bei seiner eigenen Arbeit zu vermeiden. Fabres Abneigung gegenüber jedem Vorurteil wuchs sich allerdings zu einer maßlosen Verachtung jeglicher Theorien überhaupt aus. Heutzutage ist aber die Biologie ohne Theoriengebäude nicht mehr denkbar: Es erwächst aus Hypothesen, auf denen alle überprüfenden Experimente gründen. Theorien werden erst zum Übel, wenn man sie zu Dogmen erhebt und nur bestätigende, aber nicht widerlegende Befunde zur Kenntnis nimmt.

Leider tendierte auch Fabre zum Dogmatismus. Seine ablehnende Haltung gegenüber Evolution und jeglichen daraus abgeleiteten Erklärungen für Mimikry verzerrten zum Beispiel völlig seine Untersuchungen über die Krabbenspinne Thomisus onustus. Setzt man das Tier auf eine beliebige Blüte, so wird es binnen weniger Tage deren Farbe angenommen haben: Weiß, leuchtend Gelb oder gar purpurstreifiges Rosa (auf rosa Blüten mit purpurnen Blattnerven). Fabre schreibt nun, daß bei Annäherung eines Beuteinsekts "Thomisus, ein Wegelagerer unter dem Blütendach, bald aus seinem Versteck kommt". Aber die Spinne versteckt sich nie; sie ist immer voll sichtbar, wenn auch unauffällig – auf den Blütenständen der Wolfsmilch (wo Fabre sie beobachtete) sieht sie selbst wie eine der winzigen Scheinblüten aus. Den "unübertroffenen Beobachter" hatte seine eigene Voreingenommenheit fehlgeleitet.

In gleicher Weise wies Fabre die evolutionäre Erklärung für den Totstellreflex einiger Insekten zurück. Solche Tiere entgehen häufig dem Gefressenwerden, indem sie bei der Annäherung einer Eidechse oder eines Vogels mit angezogenen Beinen erstarren. Fabre jedoch entschied, daß Insekten den Tod gar nicht simulieren könnten, weil sie keine Vorstellung davon hätten. Er zog es vor zu glauben, sie seien vor Angst wie hypnotisiert. Die Kapitel darüber in den "Souvenirs" sind zauberhaft geschrieben, aber die Beweisführungen rein subjektiv und die Experimente irrelevant.

Nun sind in einem immerhin 4000 Seiten starken Werk aus einer Zeit voller Umbruch Schwächen durchaus zu erwarten. Doch können wir sie einem Manne großzügig nachsehen, der seinen Zeitgenossen eine neue Welt des Wissens erschloß und den Laien unter seinen Lesern die Möglichkeit eröffnete, die Methoden eines erfolgreichen Naturforschers kritisch zu betrachten und seine Ansichten eingehend zu prüfen. Zieht man den Erfolg jener Wissenschaftler in Europa, Japan, den Vereinigten Staaten und anderswo in Betracht, die ihren Fabre einst mit Hingabe gelesen haben, so möchte ich zu sagen wagen, daß seine Ablehnung der Darwinschen Evolutionstheorie dem Einfluß auf ..junge Geister kaum irgendwelchen Abbruch getan hat.


Literaturhinweise

- Jean-Henri Fabre. Das offenbare Geheimnis. Aus dem Lebenswerk des Insektenforschers. Diogenes, Zürich 1989.

– J.H. Fabre. Wunder des Lebendigen. Aus der vielfältigen Welt der Insekten. Diogenes, Zürich 1992.

– Actes du Congrès Jean-Henri Fabre: Anniversaire du Jubile´ (1910-1985). Herausgegeben von Yves Delange. Leopard d'Or, Paris 1986.

– Stinging Behaviour of Solitary Wasps. Von A.L. Steiner in: Venoms of the Hymenoptera: Biochemical, Pharmacological, and Behavioural Aspects. Herausgegeben von T. Piek. Academic Press, 1986.

– Les Champignons de Jean-Henri Fabre. Herausgegeben von Claude Caussanel. Citadelle, Paris 1991.

– Actes du Congrès Jean-Henri Fabre: Anniversaire du Jubile´ (1910-1985). Herausgegeben von Yves Delange. Leopard d'Or, Paris 1986.

– Stinging Behaviour of Solitary Wasps. Von A.L. Steiner in: Venoms of the Hymenoptera: Biochemical, Pharmacological, and Behavioural Aspects. Herausgegeben von T. Piek. Academic Press, 1986.

– Les Champignons de Jean-Henri Fabre. Herausgegeben von Claude Caussanel. Citadelle, Paris 1991.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1994, Seite 102
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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