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Winters' Nachschlag: Job weg - aber rapido!

Pizzafahrer haben einfach mehr Anerkennung für ihre Arbeit verdient.
"Hast du ein Auto?", fragte der Filialleiter. Ich deutete durch das Schaufenster nach draußen auf meinen klapprigen Citroën CX. "Kennst du dich hier aus?" "Ich bin hier geboren", brummte ich und versuchte dabei ein wenig wie Charles Bronson zu klingen. Dass meine Orientierungsfähigkeit gleichwohl gegen null strebte, verschwieg ich. Offenbar war ich mit dieser Masche erfolgreich. "Die Klamotten liegen da vorn, aber rapido!"

Ob es immer so einfach war, einen Job zu bekommen? In 30 Sekunden vom Niemand zum Fahrer für "Pizza Rapido"! Auf dem Fragebogen zur Arbeitszufriedenheit, den Theo Wehner und Stefan T. Güntert in ihrem Artikel "Beruf und Berufung" ab S. 24 erwähnen, hätte ich in jenem Moment nur Höchstwertungen an­gekreuzt.

Einen ersten Dämpfer erhielt mein Enthusiasmus allerdings, als ich meine neue Arbeitskleidung angelegt hatte und mich im gesprungenen Spiegel der Mitarbeitertoilette betrachtete: Eine viel zu lange rote Latzhose und ein dünnes Jäckchen schlabberten um meinen Körper, gekrönt von einer viel zu großen Baseballkappe mit "Pizza Rapido"-Aufdruck.

Zum Glück konnte ich mich nur kurz betrachten: Ein markerschütternder Schrei meines neuen Chefs erinnerte mich daran, dass die erste Pizza schon in einer Wärmetasche zur Auslieferung bereitlag. Ich bekam noch kurz den Hinweis, die Hose doch bitte in die Socken zu stecken, das sähe so ja schrecklich aus – und schon saß ich im Auto. Auf der Fahrt versuchte ich meinem völlig zerfledderten Stadtplan zu entnehmen, wo noch gleich der "Knotzwinkel" war. Nach 25 Minuten fragte ich einen Passanten nach dem Weg. "Knotzwinkel? Warum, ist dir schlecht?" Er sah durchs Fenster an mir herab. "Wäre es mir auch, wenn ich in solchen Klamotten rumlaufen müsste!"

Ich begann am eigenen Leib zu spüren, wie schwer es ist, für seine Arbeit eine angemessene Wertschätzung zu erfahren. Doch wenigstens der hungrige Kunde würde mich als Helden feiern, wenn ich ihm die leckere, dampfende Pizza überreichte! Ich fand die Adresse, klemmte die Pizzatasche unter den Arm, rannte in den fünften Stock, legte den Karton auf die Schwelle, klingelte und rannte zurück zum Auto. Schließlich warteten noch andere Kunden auf mich!

Als auf dem Rückweg die Tankwarnlampe zu leuchten begann, fing ich an, über meine Gewinnspanne nachzudenken: Mein CX verbrauchte im Stadtverkehr rund 19 Liter auf 100 Kilometer. Um meine erste Pizza auszuliefern, hatte ich gut 20 Kilometer zu­rückgelegt ... Ein hässliches Geräusch beendete jäh meine Überlegungen. Ich hatte beim Einparken vor der Pizzeria eine große schwarze Limousine gestreift und dabei einen klitzekleinen Lackschaden an beiden Fahrzeugen verursacht.

Doch um solche Lappalien konnte ich mich später kümmern, die nächste Lieferung hatte Vorrang. "Pizza Numero eins – geliefert! Pizza Numero zwei – so gut wie unterwegs!", rief ich gut gelaunt, als ich den Laden betrat.

Mein Chef sah irgendwie bleich aus und deutete mit dem Kopf in eine Ecke hinter mir, in der ein Herr im feinen Zwirn saß und auf einen Notizblock starrte. "Pizza erst nach 45 Minuten geliefert, Ware eiskalt, wurde offenbar senkrecht getragen, da in einer Ecke des Kartons zusammengeklebt", begann dieser vorzulesen und klang dabei ein wenig wie Marlon Brando. "Fahrer entzieht sich der Beschwerde durch Ablegen der Ware auf der Fußmatte." Er musterte mich kühl von oben bis unten. "Und trägt seine Hose in den Socken, das widerspricht der Kleidervorschrift."

Fragend sah ich meinen Chef an. "Herr Fratelli von der Rapido-Zentrale!", zischte er mit zusammengepressten Zähnen. Herr Fratelli stand auf und schaute aus dem Fenster. "Ist das da Ihr Fahrzeug neben meinem?"

Noch am selben Abend war ich meinen ersten Job so schnell wieder los, wie ich ihn bekommen hatte. Die Anerkennung für meine Leistungen war gleich null. Ich hätte trotzdem weitergemacht, als Arbeit "zur Existenzsicherung", wie die Autoren Wehner und Güntert es nennen – schließlich schuldete ich Herrn Fratelli 1200 Mark Schadenersatz. Aber mein kleinlicher Chef war dagegen. Wahrscheinlich wegen der Hose in den Socken.
Juli/August 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Juli/August 2010

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