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Kindesentwicklung: Känguru-Methode hilft Frühchen über Jahrzehnte

Enger Körperkontakt trägt dazu bei, dass Früh­geborene sich besser entwickeln. Dieser Effekt ist offenbar noch 20 Jahre später spürbar. Darauf deutet nun eine Langzeitstudie hin, die Wissenschaftler um Nathalie Charpak in Kolumbien durchführten. Sie teilten zwischen 1993 und 1996 mehrere hundert Babys mit einem Geburtsgewicht von unter 1800 Gramm per Zufall in zwei Gruppen ein: Die eine Hälfte der Frühgeborenen wurde klassisch im Säuglingsinkubator versorgt, die andere kam in den Genuss des »Känguruens« mit den Eltern. Dabei werden die Babys so früh und oft wie möglich Haut an Haut auf den Oberkörper von Mutter oder Vater gelegt und können dabei von ihnen gestillt oder gewärmt werden.

20 Jahre nach dieser ersten Studienphase unter­suchten die Wissenschaftler 264 der ehemaligen Frühchen erneut. Dabei entdeckten sie, dass nicht nur die Sterblichkeit unter den ehemaligen Känguru-Kindern niedriger war, sondern dass diese auch als junge Erwachsene noch von der kontaktintensiven Neugeborenenpflege zu profitieren schienen. So fehlten sie nicht nur seltener in der Schule, sondern hatten auch im Beruf einen um 50 Prozent höheren Stundenlohn als Menschen, die ihre ersten Lebenstage ausschließlich im Inkubator verbracht hatten. Die Känguru-Kinder zeigten sich zudem seltener hyperaktiv oder aggressiv, hatten ein größeres Gehirn und mehr graue Hirnsubstanz in verschiedenen Regionen. Auch ihr Intelligenz­quotient war im Schnitt etwas höher. Wesentlich mehr der ehemaligen Frühchen wuchsen zudem in intakten Familien mit beiden Elternteilen auf.

Den Forschern zufolge könnte das nicht nur daher rühren, dass die Känguru-Familien bedingt durch den Hautkontakt engere Bindungen zueinander aufbauten, sondern auch daher, dass die Eltern zusätzlich ein intensiveres Training im Umgang mit ihren Kindern erhielten. Da die ganze Familie mehr oder weniger in die Versorgung des Frühchens einbezogen wird, könnte das die Beziehung untereinander stärken.

3/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 3/2017

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  • Quellen
Pediatrics 10.1542/peds.2016-2063, 2016