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Kalkül der Elternliebe - ein soziobiologischer Musterfall

Wie andere Merkmale des Menschen haben sich auch flexible, umweltangepaßte Verhaltensstrategien in langer Evolution ausgeprägt und mußten sich unter den Bedingungen der natürlichen Selektion bewähren. Dies gilt gleichermaßen für den Umgang mit den eigenen Kindern: Wenn Eltern dabei – oft nicht bewußt – ökonomischen Kriterien und eigennützigen Interessen folgen, handeln sie gemäß dem stammesgeschichtlichen Erbe.

Leewe Kinner hebben vööl Namen", sagt ein plattdeutsches Sprichwort. Tatsächlich ergab das Nachzählen in einem Taufregister der ostfriesischen Gemeinde Reepsholt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, daß die Bauernfamilien von ihren Söhnen und Töchtern denen, die das erste Jahr überlebten, durchschnittlich mehr Taufpaten gegeben hatten als jenen Geschwistern, die – wie damals so viele Kinder – bereits im Säuglingsalter starben (Bild 2).

Bei der Durchsicht alter Kirchenbücher aus Norddeutschland stieß unsere Forschungsgruppe vom Institut für Anthropologie der Universität Göttingen auf manche Diskrepanzen dieser und ähnlicher Art, die zwar zahlenmäßig meist klein, statistisch aber überzeugend waren. Wie viele und welche Kinder im Mittel pro Familie groß wurden, konnte von verschiedenen Faktoren abhängen, etwa auch von ihrem Geschlecht oder von der Anzahl der Geschwister. Dabei war offenbar der sozioökonomische Status bedeutsam: Gerade in der Schicht der Landbesitzenden, der Bauern, wich die Sterblichkeit von Kindern mitunter frappant von der im Bevölkerungsdurchschnitt ab.

Um zu solchen Einsichten zu gelangen, mußten wir freilich zunächst viele Tausende von Kirchenbuchseiten und Steuerlisten auf Mikrofilm bringen, ihre (manchmal holländisch geschriebenen) Einträge in den Tauf-, Heirats- und Begräbnisregistern entziffern, verkarten und zu Lebensläufen verdichten, dann die Familiengeschichten über die Generationen- und Dorfgrenzen hinweg rekonstituieren, eine elektronische Datenbank anlegen und schließlich darin in detektivischer Kleinarbeit nach Querverbindungen suchen. Jetzt liegen die historischen Angaben aus 13 benachbarten ostfriesischen Kirchspielen so aufbereitet vor: Damit sind die wesentlichen Lebensdaten und Beziehungen von rund 50000 Personen aus 16320 Familien im 18. bis 19. Jahrhundert mehr oder weniger vollständig bekannt.

Die statistische Auswertung fördert nun Zusammenhänge an den Tag, die ohne massiven Computereinsatz wohl unerkannt geblieben wären. Zum Beispiel behandelten Eltern in vorindustrieller Zeit in den ländlichen Gegenden durchaus nicht alle ihre Kinder gleich. Statt nun aber primär die psychosozialen Motive dafür ergründen zu wollen, fragten wir nach übergeordneten, den Menschen wohl kaum bewußten Ursachen für derart differenzierendes Verhalten: nach den allgemeinen soziobiologischen Prinzipien.

Die verhaltenssteuernden Mechanismen sind aus langen evolutiven Anpassungsprozessen hervorgegangen; sie wurden in der natürlichen Selektion fortwährend überprüft und optimiert und erfüllen mithin die gleiche biologische Funktion wie alle evolvierten biologischen Merkmale: bestmögliches Abschneiden in den Selektionsprozessen zu gewährleisten. Aus dieser Perspektive handeln Individuen strategisch im Sinne eines Gen-Egoismus, bei dem letztlich der Fortpflanzungserfolg über die Generationen zählt.

Die Soziobiologie ist eine neuere Disziplin der Evolutions- wie der Verhaltensforschung und integriert auch ökologische sowie populationsgenetische Modelle. Erst in jüngerer Zeit schließt sie in ihre Untersuchungen auch den Menschen ein. Dies hat ihr manchen Angriff eingebracht (siehe "Soziobiologie des Menschen – Wissenschaft oder Ideologie?" von Hansjörg Hemminger, Spektrum der Wissenschaft, Juni 1994, Seite 72). Allerdings ist sie oft auch mit einem Unverständnis konfrontiert, das auf mangelnder Bereitschaft beruht, sich mit dem Gedankengebäude des Faches vorurteilsfrei auseinanderzusetzen – als wäre es die Schuld der Wissenschaftler, daß Zusammenhänge existieren, die wir bisher nicht kannten, und daß selbst Eigenschaften wie die Mutterliebe nüchtern betrachtet einem gen-egoistischen Kalkül folgen.

Egoistisches Elterninteresse

Sicherlich hing das Schicksal eines Reepsholter Bauernkindes nicht direkt von der Anzahl seiner Taufpaten ab. Eher sollte man vermuten, daß sich darin die Freude der Eltern an ihm oder aber ihre Gleichgültigkeit zeigte. Ihr mehr oder minder starkes Interesse an dem Kind mag sich in ihrer Fürsorge niedergeschlagen haben, etwa in der Stilldauer. Auch ohne daß sie regelrecht vernachlässigt worden wären, könnten zu jener Zeit Säuglinge, denen man vielleicht unwissentlich nur geringfügig weniger Aufmerksamkeit widmete, leichter ernstlich krank geworden sein.

Hinweise auf eine mutmaßliche Diskriminierung bestimmter Säuglinge fanden wir auch andernorts. In der ostfriesischen Region Krummhörn nordwestlich von Emden beispielsweise starben im 18. und 19. Jahrhundert in den Bauernfamilien von allen Neugeborenen relativ mehr Jungen als Mädchen. Die Rate war höher als sonst im Mittel in der Bevölkerung (Bild 3 links), obgleich schon generell – konditionell bedingt – etwas mehr Jungen als Mädchen ihr erstes Jahr nicht überleben.

Die Krummhörner Bauern hätten gute Gründe gehabt, sich nur wenige Söhne zu wünschen, denn nur einer konnte den Hof erben – in der Regel war es der jüngste; die anderen mußten von diesem Bruder ausbezahlt werden und schwächten damit den Betrieb, unter Umständen bis zum Ruin. "Ordnung regeert de Welt, un de Knuppel de Jungens", heißt es im Volksmund. Womöglich kam die Übersterblichkeit der Jungen in den Bauernfamilien nicht gänzlich ohne elterliches Zutun zustande.

Sozialwissenschaftler und Historiker würden solch ein Phänomen kulturgeschichtlich einordnen, Psychologen die Handlungsmotive analysieren. Soziobiologen, die immer zugleich die Verhaltensanpassung und ihre evolutive Herkunft betrachten, fällt hingegen auf, daß solche Sterblichkeitsunterschiede sich stimmig in neuere Theorien der Evolutionsforschung zu fügen scheinen. Demnach hätte die Weise, wie die untersuchten Gruppen die Zukunft ihrer Familien manipulierten, außer kulturellen Gründen tiefe biologische Wurzeln.

Daß man komplexes, differenziertes menschliches Verhalten auch unter diesem Aspekt verstehen kann, selbst wenn es offensichtlich einem kulturellen Kontext entspringt, mag viele zunächst befremden. Man ist eher gewohnt, es aus der Gefühlswelt oder durch rationale Planung zu erklären, obwohl auch dieses alles letztlich evolutive Anpassungen sind, die unseren Umgang miteinander gestalten.

Grundgedanke der soziobiologischen Theorie ist, daß biologische Anpassungsvorgänge auf der Ebene der Gene stattfinden. (Etwas unglücklich, weil mißverständlich, ist in diesem Zusammenhang die Redeweise vom egoistischen Gen, die durch ein so betiteltes Buch des englischen Biologen Richard Dawkins populär geworden ist.) Wir wissen heute, und diese Einsicht war ein entscheidender Impuls für die Weiterentwicklung der Ethologie, daß nicht Individuen in der Evolution das Entscheidende sind – obwohl die natürliche Selektion an der Variabilität der Phänotypen, also der Merkmalsträger, ansetzt – und schon gar nicht Populationen oder Arten (was die frühe Verhaltensforschung glaubte), sondern Gene.

Nur in diesen Replikatoren der Erbinformation ist stammesgeschichtliche Erfahrung generationsüberdauernd gespeichert. Ihre potentielle Unsterblichkeit begründet die Kontinuität des Lebens, während die Organismen für brauchbare Informationsspeicherung viel zu kurzlebig sind. Unsentimental betrachtet ist deren einziger evolutiver Zweck, das Medium oder sozusagen das Vehikel für eine erfolgreiche Replikation des Genmaterials abzugeben.

Nach dieser Vorstellung ist jeder Organismus so eingerichtet, daß er in Anbetracht seiner Lebenssituation seine Gene möglichst stark vermehrt, und das heißt immer: stärker als seine Mitkonkurrenten. Daß er darauf ausgerichtet ist, hat sich zwangsläufig in den Evolutionsprozessen herausbilden müssen.

Doch gerade bei höheren Organismen, die Brutpflege betreiben und nur eine begrenzte Zahl Junge aufzuziehen vermögen, kann das Prinzip nicht einfach sein, eine große Zahl Nachkommen zu haben. Es kommt vielmehr darauf an, die verfügbaren Mittel möglichst vorteilhaft einzusetzen, also unter Umständen besonders viel in nur wenige Nachkommen zu investieren und so wiederum ihnen gute Lebens- und Vermehrungschancen zu gewähren.


Genetische Konkurrenz

Der britische Naturforscher Charles R. Darwin (1809 bis 1882), der Begründer der heutigen Evolutionstheorie, hatte postuliert, daß die Vielfalt der Organismen auf den drei Prinzipien Variation, Selektion (Auslese) und Anpassung gründe. Die Lebewesen vermögen sich, wie er anhand der Thesen des englischen Nationalökonomen Thomas R. Malthus (1766 bis 1834) zur Diskrepanz zwischen Nahrungsangebot und Bevölkerungswachstum erkannt hatte, sehr viel stärker zu vermehren, als für die Reproduktion erforderliche Ressourcen vorhanden sind. Das bedeutet, daß die Zahl der Nachkommen natürlichen Beschränkungen unterliegt. Solche Ressourcen sind nicht nur Nahrung und Lebensraum, sondern auch geeignete Brutplätze, Geschlechtspartner, soziale Unterstützung oder elterliche Fürsorge, die ebenfalls nur begrenzt verfügbar sein können.

Die Mitglieder einer Population – und selbst Geschwister – konkurrieren deswegen um deren Nutzung; gemeinhin werden einige Individuen sie aufgrund bestimmter Merkmale oder Eigenschaften besser erschließen können und diesen Vorteil in gesteigerte Fortpflanzung umsetzen. Dadurch nimmt tendenziell der Anteil ihres Erbmaterials in der Population zu, auf Kosten dessen der weniger durchsetzungsfähigen Individuen.

Wenn nun die erfolgreicheren Eigenschaften zumindest teilweise mit genetischen Unterschieden zusammenhängen, verschieben sich in der Population auch die Frequenzen der betreffenden Gene. Dann wird es mit der Zeit relativ immer mehr Individuen mit dieser Erbinformation geben, die den Ressourcen vergleichsweise mehr abgewinnen können und ihre Nachkommen effektiver großziehen: Ein evolutiver Wandel – eine Anpassung – findet statt.

Das Maß für den evolutiven Erfolg eines Merkmals, also für seine Fitness (früher etwas unglücklich mit Tauglichkeit übersetzt), ist der Grad, in dem es zur Ausbreitung seiner eigenen genetischen Grundlage beigetragen hat. Je zahlreicher die entsprechenden Genreplikate im Verhältnis zu den konkurrierenden sind, desto größer ist die Fitness des zugehörigen Merkmals, desto erfolgreicher hat es in der natürlichen Selektion abgeschnitten und desto besser ist es angepaßt.

Die genetische Fitness erschöpft sich nicht allein im persönlichen Reproduktionserfolg. Vielmehr gehen in sie anteilig alle Gene gemeinsamer Abstammung ein, also auch die entsprechenden genealogisch Verwandter. Konsequenterweise bekräftigt das Evolutionsgeschehen nicht nur Eigenschaften und Verhaltensweisen, welche die Fortpflanzung des einzelnen begünstigen, sondern vor allem auch solche, die näheren Verwandten dazu verhelfen. Der Nepotismus, die nach dem Grad der Verwandtschaft abgestufte Unterstützung anderer, ist bei allen höher entwickelten sozial lebenden Organismen anzutreffen – der Mensch ist da keine Ausnahme.

Die Kontoinhaber genetischer Fitness sind eben nicht Individuen oder Gruppen, sondern Erbprogramme; und der biologische Erfolg eines Individuums bemißt sich genaugenommen in der im Leben erreichten Gesamtfitness, also in der Summe der erzielten Vermehrungen seines Erbmaterials sowohl durch direkte – persönliche – Reproduktion wie auch durch alle indirekte mittels Unterstützung von genetisch verwandten Indivuduen. Zwangsläufig sind alle Lebewesen durch Selektionsprozesse dazu eingerichtet, eben diese Größe zu maximieren. Das grundlegende Lebensprinzip von Organismen heißt mithin Maximierung der reproduktiven Gesamtfitness.

Bei Organismen, die Brutpflege betreiben, würden Nachkommen, deren Eltern nicht intensiv für sie sorgen, sterben oder zumindest schwächlich bleiben und im fortpflanzungsfähigen Alter der Konkurrenz kräftigerer Geschlechtsgenossen kaum standhalten können. Im Interesse ihrer eigenen Fitness sollten die Eltern sich also ausreichend lange und intensiv um ihre Kinder kümmern.

Seit wir mit dieser Vorstellung operieren, können wir viele Erscheinungen in der Tierwelt erklären, die vorher schwer verständlich waren. Zudem habe ich den Verdacht, daß solche Prozesse auch viele Aspekte des menschlichen sozialen Umgangs mit prägen, und zwar abgestimmt auf unsere spezifischen kulturellen und ökonomischen Lebensformen.

Evolutiv angepaßte Flexibilität von Verhaltensmechanismen

Daß die Krummhörner Bauern männliche Säuglinge im statistischen Schnitt schlechter versorgten als weibliche, wäre evolutionsbiologisch verständlich. In dieser Region war die Ressource Land damals bereits verteilt, so daß neue Höfe nicht gegründet werden konnten. Aber weil, wie gesagt, nur ein Sohn den Besitz der Eltern erbte, bedeuteten weitere eine nicht unerhebliche Investition, die sich kaum auszahlte.

Nicht nur, daß diese Söhne vom erbberechtigten Bruder entschädigt werden mußten und damit seine ökonomische Konkurrenzfähigkeit und den Fortbestand des Familienbetriebs gefährdeten; aus unseren Daten ist auch ersichtlich, daß sie nur unterdurchschnittlich zum Fortbestand der Familie beitrugen. Viele von ihnen wanderten ab, und auch wenn sie in der Gegend blieben, heirateten sie auffallend selten, seltener als selbst Arbeitersöhne. Für mehrere Söhne intensiv zu sorgen brachte Bauerneltern also kaum mehr Enkel, als den Hoferben großzuziehen – durch die Investition in mehrere Jungen stieg ihr Fortpflanzungserfolg letztlich nicht merklich.

Anders verhielt es sich mit einer Reihe von Töchtern. Auch sie waren bei der Heirat auszuzahlen, bekamen allerdings nach herrschender Sitte nur halb soviel wie die Brüder. Und diese Bauernmädchen verehelichten sich fast immer, gegebenenfalls auch unter ihrem Stand.

Auffälligerweise fanden wir in verschiedenen anderen Kirchspielen Norddeutschlands nicht dieses Muster bei der Säuglingssterblichkeit, sondern teilweise gerade umgekehrte Verhältnisse (Bild 3). Schon in den Krummhörn benachbarten ostfriesischen Moordörfern überlebten in den Familien der größeren Bauern deutlich weniger Mädchen als Jungen, wie auch beispielsweise im ostholsteinischen Leezen. Nach einer historisch-demographischen Untersuchung von Peter Stephan aus Aschersleben war der Unterschied in der Gemeinde Ditfurt am nördlichen Harzrand noch ausgeprägter. Die dortige Übersterblichkeit der Bauerntöchter ist der extremste uns bekannte Fall regelmäßiger elterlicher Manipulation, bei dem Kindestötungen nicht offen zutage treten.

Mit Ausnahme Ditfurts haben die von uns ausgesuchten norddeutschen Orte eine ähnliche Geschichte, zumindest überregional, und sollten darum einen ähnlichen politischen, ökonomischen und kulturellen Hintergrund gehabt haben. Allerdings wuchs die Bevölkerung damals nicht einheitlich. Während sie in der Krummhörn schon im 18. Jahrhundert weitgehend stagnierte, expandierte sie im benachbarten Moorland noch, das man damals kultivierte.


WechselnderBedarf an Kindern

Um neues Acker- und Weideland zu erschließen und weitere Höfe zu gründen, benötigte man in jener Zeit vermutlich vor allem die Arbeitskraft und das Können der Männer. Sowie es aber kein urbares Land mehr gab, war ihre Arbeitskraft, um neue Ressourcen zu erschließen, hingegen weniger gefragt, wie vermutlich damals in der Krummhörn. Bemerkenswerterweise fand sich ein solcher Zusammenhang in allen untersuchten Regionen nur in der Oberschicht, bei den Bauern mit größeren Höfen.

Populationsbiologen ist das Wechselspiel zwischen der Ressourcensituation und dem Zuwachs an Individuen vertraut. Wie man aus ökologischen Studien an Tieren und Pfanzen weiß, ergeben sich verschiedenartige Szenarien der Fortpflanzung je nachdem, ob eine Population sich weiter ausbreiten kann oder nicht. Solange noch Expansionsmöglichkeiten bestehen, fördert die natürliche Selektion hohe Vermehrung, und die Individuenzahl pflegt rasch anzuwachsen, quasi im Wettlauf um die noch freien Ressourcen. Im anderen Fall, wenn alle Quellen gewissermaßen vergeben sind und das Wachstum stagniert, nimmt das Fitnessrennen eher die Form eines Verdrängungswettbewerbs an. Daß Ausmaß und Art der Konkurrenz elterliches Verhalten beeinflussen, weiß man von vielen Vögeln und Säugern, auch von Tierprimaten. Nun sieht es ganz so aus, daß auch die menschliche Pflege des Nachwuchses sehr sensibel auf die ökologischen Bedingungen reagiert.

Befunde wie diese zeigen, daß Gene – und besonders solche, die vielfältig zusammenwirken – komplexe Verhaltensmuster nicht unbeeinflußt von sozialen, kulturellen und demographischen Faktoren vorgeben, wie mitunter noch angenommen wird, sogar manchmal in der Biologie. Die genetische Basis determiniert also keineswegs die Handlungsweise, sondern läßt ihr großen Spielraum. Dies ist eine wesentliche Einsicht, ohne die man die soziobiologische Argumentation nicht verstehen kann.

Alle Entwicklungsvorgänge – ob nun die Ausbildung von körperlichen oder von psychischen Merkmalen, ob bei Tieren oder beim Menschen – geschehen immer in einem Wechselspiel zwischen der Erbinformation und den Umgebungsfaktoren. Die Gene definieren lediglich die Reaktionsnorm auf die jeweiligen Bedingungen, so daß die Umwelt über den Verlauf und das Ergebnis mit entscheidet, und zwar meistens in erheblichem Umfang. Deswegen ist es irreführend, bei einem Verhalten angeborene und erworbene Anteile trennen zu wollen: Ein Phänotyp ist eine Manifestation eines Genotyps in einem ganz bestimmten Entwicklungszusammenhang. Ein Merkmal kann, wenn es sich herausbildet, allenfalls mehr oder weniger stabil beziehungsweise sensibel gegen unterschiedliche Einflüsse sein.

Genaugenommen gehört zum evolutionären Erbe, daß die Umwelt überhaupt solche Wirkungen hat, gewiß auch beim Menschen. Die Lebewesen reagieren, wenn sie Eigenschaften heranbilden, vorgegebenermaßen immer nur auf einzelne, bestimmte Aspekte der Außenwelt, nie auf alle, und jedes genetische Programm ist spezifisch sensitiv.

In der Evolutionsgeschichte hat gleichsam ein fortwährender Test stattgefunden, welche Eigenheiten der Umwelt nützliche Information für eine erfolgreiche Individualentwicklung beinhalten und welche nicht. So gesehen ist die Sensibilität eines Organismus für solche Eindrücke, die Art, wie er sich im Heranwachsen beeinflussen läßt, ebenso ein Evolutionsergebnis wie der Informationsgehalt seiner Gene.

Aber selbst für solche verhaltenssteuernden Mechanismen, deren Entwicklung weitestgehend stabil unter wechselnden Milieueinflüssen abläuft, bleibt bei der aktuellen Verhaltensproduktion in der Regel sehr viel Raum für Einwirkungen der Umgebung. Dieser Punkt ist für die folgenden Betrachtungen maßgeblich: Wir nehmen nämlich an, daß die Programme für elterliche Fürsorge sich bei den Organismen zunächst großenteils unabhängig von Außenfaktoren herausbilden, daß aber die Entscheidung, welches Verhalten aus einer Reihe möglicher Handlungen im Einzelfall paßt, aktuell geschieht.

Das menschliche Verhalten ist in dieser Hinsicht besonders flexibel; das heißt, die es steuernden Mechanismen sind außerordentlich vielseitig und anpassungsfähig – und dies ist gerade ihr Zweck. Ob wir lieben oder hassen, kooperieren oder konkurrieren, entscheidet sich nach Maßgabe des persönlichen Lebenszusammenhangs. Das geschieht nicht determiniert wie nach einem starren Selbstläufer-Programm.

Die Variabilität komplexer Verhaltensweisen – wie der Umgang des Menschen mit seinen Kindern – geht mithin vornehmlich auf Variationen der Umwelt zurück. Und genau darin zeigt sich biologische Funktionalität. Dabei ist es für die natürliche Selektion zunächst unerheblich, über welche Mechanismen im einzelnen sich Umgebungsvariationen in Verhaltensvariationen umsetzen. Es könnte durch die kontextabhängige Aktivierung spezifischer Gene (reaktive Vererbung), durch den Einfluß von Umweltparametern auf physiologische Prozesse oder durch eine kognitive Bewertung der Lebenssituation geschehen. Was bei der natürlichen Selektion allein zählt, ist, ob die evolvierten Mechanismen gewissermaßen im richtigen Moment das richtige Verhalten hervorbringen. Und daß sie das im Durchschnitt auch tatsächlich bewerkstelligen, liegt an der langen, optimierenden evolutiven Geschichte, die alle Arten durchlaufen haben. Der Mensch ist hiervon nicht ausgenommen. Das Ergebnis sind biologisch funktionale Verhaltensstrategien.


Konditionale Strategien

Eine Verhaltensstrategie ist eine evolvierte Sammlung von Regeln, die festlegen, mit welcher Wahrscheinlichkeit welches Verhalten unter welchen Bedingungen gezeigt wird. Ein Aspekt dabei ist situationsgerechte Flexibilität, also die Regel, bei sich verändernden Verhältnissen auch das Verhalten zu wechseln, etwa nach der Devise: "Bei zunehmender Konkurrenz werde aggressiv, bei nachlassender Konkurrenz kooperativ." In ähnlicher Weise könnte man sich auch konditionale Strategien für elterliches Fürsorgeverhalten vorstellen.

Dies darf man nun allerdings nicht so mißverstehen, als gingen Verhaltensunterschiede niemals zumindest teilweise auch auf genetische Unterschiede zurück, als würden zwei Individuen, die in der momentan offenbar gleichen Situation Verschiedenes tun, dies immer allein aufgrund eines kulturellen Einflusses so machen. Vielmehr ist sogar anzunehmen, daß Individuen sich aus genetischen Gründen in ihrer Sensibilität für Umweltbedingungen unterscheiden und daß sie deswegen – um bei dem Beispiel zu bleiben – bei einem anderen Grad der Konkurrenz oder sozialen Spannung von Kooperation auf Aggression umschalten, obwohl die konditionale Strategie bei beiden im Prinzip die gleiche ist. Der Regel, auf die wechselnde Situation zu reagieren, folgen sie gleichermaßen – nur hätten sie ein anderes genetisches Interpretationsschema. Angriffsfläche der natürlichen Selektion ist somit letztlich gar nicht das Verhalten selbst, sondern die daran beteiligte konditionale Strategie; und genetisch belohnt werden diejenigen Individuen, deren spezifische Sensibilität zum Wechsel des Verhaltens dem Fitness-Optimum am nächsten kommt.

Ich vermute, daß Kritiker der soziobiologischen Forschung am Menschen besonders diese Zusammenhänge oft nicht bedacht haben, denn von der Soziobiologie wird immer wieder – so kürzlich auch von Hansjörg Hemminger in dem schon angeführten Artikel in dieser Zeitschrift – zunächst eine bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Karikatur gezeichnet, daß sie nämlich ein Bild vom Menschen als willenloser Marionette am dünnen, aber reißfesten DNA-Faden habe, um dann mit der grandiosen Feststellung, Verhalten sei gesellschaftsabhängig, die Erlösung von der zuvor evozierten Vision zu präsentieren.

Psychologisch ist nur allzu verständlich, daß die Soziobiologie verunsichert und irrationale Abwehrhaltungen hervorruft. Nicht nur ihr Vokabular und ihre Paradigmen provozieren, sondern auch die konkreten Forschungsergebnisse. Statt ihr aber auf wissenschaftlichem Terrain entgegenzutreten, begegnet man ihr vielfach mit bloßer Demagogie, etwa wenn kurzerhand eine psychologische Nähe zwischen der Theorie vom egoistischen Gen und den völkischen Ideen des Nationalsozialismus heraufbeschworen wird. Letztlich verraten solche absurden Verquerungen aber nur Hilflosigkeit gegenüber den wirklichen Herausforderungen meiner Disziplin.


Ökonomische Reproduktionsinteressen

Über konditionale Verhaltensstrategien sind in den letzten Jahren viele Fallstudien durchgeführt worden, nicht nur zum Eltern-Kind-Verhalten, sondern auch für andere Felder menschlichen Miteinanders. Sehen wir uns unter diesem Aspekt das Krummhörn-Beispiel noch einmal etwas genauer an.

In der Region Krummhörn starben im 18. und 19. Jahrhundert 17,2 Prozent der lebend geborenen Bauernsöhne im ersten Lebensjahr, aber nur 11,4 Prozent der Arbeitersöhne. Dieser Unterschied wird durch einen zweiten erklärt: In einer Landarbeiterfamilie hatten alle Jungen, unabhängig von der Familiengröße, im Prinzip gleiche Überlebenschancen; für Bauernsöhne hingegen war das Sterberisiko eines Neugeborenen um so höher, je mehr Brüder bereits lebten – waren es schon drei oder mehr, starben von den nächsten Jungen fast doppelt so viele wie in Arbeiterfamilien mit ebensovielen Söhnen (Bild 4).

Dies konnte eigentlich nur mit den Besitzverhältnissen zusammengehangen haben. Weil die wohlhabenden Familien zum Fortbestand ihrer Linie ihr Eigentum zusammenhalten mußten, manipulierten sie offenbar ihre Fortpflanzung stärker als die Landarbeiter, bei denen ohnehin kein Wohlstand herrschte und eine größere Kinderschar ihn deswegen nicht bedrohte.

Gleichzeitig scheint das Jüngsten-Anerbenrecht für die bäuerlichen Besitzverhältnisse in der Krummhörn eine seit dem Mittelalter bewährte Sitte gewesen zu sein, das Familieneigentum zu schützen, möglichst ungeschmälert weiterzuvererben und auch dadurch den genetischen Fortbestand der eigenen Linie zu sichern – angesichts dessen, daß keine Landreserven mehr vorhanden waren und um die vorhandenen Höfe starke Konkurrenz herrschte. Die nächste Hofübergabe könnte sich dadurch durchaus um zehn Jahre verzögert haben, was den Kapitalfluß an Geschwister sicherlich erheblich milderte.

Diese Strategie im Existenzkampf brachte den Bauern im Darwinschen Fitnessrennen Vorteile im Vergleich zu anderen Bevölkerungsteilen. Wohlhabende Ehepaare, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geheiratet hatten, hatten durchschnittlich 100 Jahre nach der Hochzeit in der Krummhörner Bevölkerung, vereinfacht gesagt, fast doppelt so viele Nachfahren oder in evolutionsbiologischer Spechweise Genreplikate, wie dort im Durchschnitt aus Ehen ihrer Generation hervorgingen (Bild 5).

Offensichtlich war also in dieser Region Landbesitz der beste Garant für einen generationenüberdauernden genetischen Fortbestand, und das Ringen um die Erhaltung und die ökonomische Leistungsfähigkeit des Hofs zeitigte zugleich langfristige Fortpflanzungsvorteile gegenüber der Gesamtbevölkerung. Zugunsten wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit auf eine größere Zahl von Söhnen zu verzichten zahlte sich schließlich aus. Den Bauern war entstanden, was Soziobiologen ein Abgleichproblem nennen: Um ihren langfristigen Reproduktionserfolg zu optimieren, mußte die Balance zwischen Produktion und Reproduktion gewahrt bleiben – zwischen Besitzkonzentration und Kinderzahl mußten sie einen Kompromiß eingehen.

Die Arbeiterfamilien, die von solchen ökonomischen und psychologischen Zwängen unbelastet waren, konnten es sich gewissermaßen leisten, alle ihre Kinder in gleichem Maße zu lieben, auch wenn die Schar groß war. Für die Krummhörner Bauern hingegen wäre plausibel, daß sie an überzähligen Söhnen weniger Interesse hatten. Ihre Elternliebe gehorchte, dies erscheint mir zweifelsfrei, einem nüchternen Kosten-Nutzen-Kalkül. Ökonomen würden sagen, sie folgten dem Gesetz abnehmender Skalenerträge: In Söhne zu investieren lohnte sich mit deren Zahl zunehmend weniger.

Aber auch die Krummhörner Bauerntöchter, denen man doch im Mittel mehr Lebenschancen einräumte als ihren Brüdern, unterstanden offenbar elterlichem Kalkül. Aus den Sterbedaten der Säuglinge wird ersichtlich, daß ab drei oder mehr lebenden Schwestern das Sterberisiko neugeborener Mädchen drastisch anstieg, von sonst weniger als 10 auf 27 Prozent – also fast auf das Dreifache. Als wir für dieses Beispiel kaum verdeckter elterlicher Manipulation nachrechneten, wie lange die Säuglinge damals wohl gestillt worden sind, stießen wir auf eine Möglichkeit, wie man subtil das Gedeihen eines Kindes beeinflussen konnte.

In vormodernen Bevölkerungen ohne die heute gebräuchlichen Methoden der Empfängnisverhütung läßt sich die durchschnittliche Stilldauer im allgemeinen recht genau durch die Geburtenabstände einschätzen. Unsere Daten zeigen nun, daß der Abstand zwischen der Geburt der vierten Bauerntochter (wenn sie überlebte) und dem darauffolgenden Kind im Mittel nur rund 26 Monate betrug; bei den ersten Kindern waren es 33 Monate. Das vierte Mädchen dürfte demnach kürzer gestillt worden sein als seine älteren Schwestern. Gleiches fanden wir auch für weitere weibliche Säuglinge (Bild 6). Unterschiedlich langes Stillen war offensichtlich eine bewußte oder unbewußte mütterliche Maßnahme, den Kindern unterschiedliche Lebenschancen zuzuweisen.


Der Eltern-Kind-Konflikt

Man kann – bei Tieren wie bei menschlichen Eltern und ihren Kindern – immer wieder beobachten, daß der Nachwuchs und seine Erzeuger regelrechte Nervenkriege ausfechten, weil die Zöglinge etwas erbetteln möchten, das die Eltern ihnen im Augenblick nicht gewähren wollen. Tierjunge etwa quengeln um Milch, obwohl die Mutter sie zu entwöhnen sucht; Menschenkinder werden manchmal wieder zermürbend anhänglich, wenn sie die elterliche Fürsorge mit einem nachgeborenen Geschwister teilen sollen. Und wahrscheinlich sind auch die nervenaufreibenden Szenen im Supermarkt vor den Aufbauten mit Süßigkeiten an der Kasse im selben Zusammenhang zu betrachten (Bild 1).

Robert Trivers von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, der diese Vorgänge Anfang der siebziger Jahre als erster theoretisch analysierte, nannte das den Eltern-Kind-Konflikt. Er deutete solche Auseinandersetzungen als Ausdruck rivalisierender genetischer Interessen der Beteiligten, denn das Eltern-Kind-Verhältnis ist durch ein grundsätzliches, unvermeidbares und letztlich genetisch begründetes Dilemma geprägt.

Trivers' Ansatz liegt die Beobachtung zugrunde, daß Eltern und Kinder wie auch Geschwister nur einen bestimmten Prozentsatz ihres Erbgutes teilen. Ein Kind hat 50 Prozent seiner Gene von der Mutter und 50 Prozent vom Vater; auch Vollgeschwister haben im Mittel zu 50 Prozent Erbmaterial gleicher Herkunft. Daraus folgt, daß ein Individuum in der Regel mehr Interesse an sich – beziehungsweise an seiner eigenen Fortpflanzung – hat als an Geschwistern, so daß aus seiner Sicht der Aufwand seiner Mutter für die Aufzucht seiner Brüder und Schwestern nur halb so viel Nutzen bringt, als wenn auch diese Zuwendung ihm selbst zugute käme. (Es bedeutet allerdings auch, daß sich bis zu einem gewissen Grade die Unterstützung Verwandter auszahlt; in dieser Weise wurde in den sechziger Jahren der Altruismus unter Verwandten erstmals schlüssig aus dem Gen-Egoismus erklärt.)

Nach Trivers' Überlegungen gibt es in dem Nutzen-Kosten-Kalkül eine Schwelle, bei der weiteres Stillen des Kindes gen-egoistisch gesehen für die Mutter weniger lohnt, als wenn sie von nun an in ihr nächstes Kind investiert. Auch für ein Kind existiert ein solcher Grenzwert, an dem es sich für die eigene (indirekte) Fitness mehr auszahlt, wenn es die Mutter sich fortan um Geschwister kümmern läßt. Die beiden Werte fallen allerdings zeitlich nicht zusammen: Deshalb fordert jedes Kind während einer bestimmten Lebensphase zum Nachteil seiner (bereits geborenen wie auch künftigen) Geschwister für sich selbst mehr an Zuwendung und Fürsorge, als seine Mutter ihm dann noch zu geben bereit ist. Innerfamiliäre Eifersucht und Konkurrenz sind die Folge.

Nicholas Blurton Jones von der Universität von Kalifornien in Los Angeles und Elizette Da Costa von der Universität von Illinois in Champaign etwa sehen einen typischen, evolutionsbiologisch plausiblen Eltern-Kind-Konflikt darin, daß rund 20 bis 30 Prozent der Ein- bis Dreijährigen nachts nicht durchschlafen, sondern so lange schreien, bis sie ihre Eltern aufwecken. Den Kindern fehlt offensichtlich nichts, und die Eltern können das Weinen praktisch nicht verhindern. Im Alter von etwa drei Jahren hört es dann plötzlich von allein auf.

Dies könnte nach Meinung der Forscher eine kindliche Taktik im Eltern-Kind-Konflikt sein. Womöglich vereitelte dieses Verhalten einst die vorzeitige Geburt eines Geschwisters, denn der mütterliche Organismus produziert beim Stillen das Hormon Prolactin, das die Ovulation hemmt und damit eine Konzeption verhindert, besonders bei regelmäßiger Stimulation. Und in historischen Zeiten hingen, wie auch aus dem Beispiel der Krummhörner Bauerntöchter ersichtlich ist, die Überlebenschancen der Säuglinge immer auch direkt von Stilldauer und Geburtenabstand ab. Es scheint also, als ob das nächtliche Erwachen der Säuglinge biologisch evolviert sei, weil es die kindlichen Lebenschancen erhöht hat auf Kosten der mütterlichen Möglichkeit, in kurzer Folge weitere Kinder zu bekommen.


Der Ursprung menschlicher Interessen

Die Beispiele unterscheidender elterlicher Fürsorge sollten exemplarisch deutlich gemacht haben, daß je nach Situation differenzierte Handlungweisen von Menschen im Spannungsfeld evolvierter Lebens- und Reproduktionsinteressen einerseits und ökologisch-ökonomisch eingeengter Handlungsspielräume andererseits entstehen. Die Soziobiologie versucht beides zu betrachten und aufeinander zu beziehen – die Weise, wie der Gen-Egoismus sich in den Merkmalen und verhaltenssteuernden Mechanismen der Individuen zeigt, sowie die flexiblen Lösungen, die an bestimmte Situationen angepaßt sind. Solche Forschung berührt in keiner Weise die Frage, wie bewußt und rational geplant das Verhalten sei. In der Tier- und Pflanzenwelt haben sich oft raffinierteste, hochgradig komplexe Lebensstrategien entwickelt, ohne daß den Organismen ihre reproduktiven Interessen bewußt wären.

Auch Mutterliebe – obwohl psychologisch gesehen zweifellos altruistisch und selbstaufopfernd – ist gen-egoistisch und strategisch, also ausgerichtet auf die situationsbedingt maximal mögliche Effizienz. Sie dosiert Fürsorge und Aufmerksamkeit gemäß persönlicher Reproduktionsinteressen. So paradox dies scheinen mag: Elterliche Liebe und Fürsorge wie Kindesvernachlässigung einschließlich Abtreibung oder Tötung sind Ausdruck derselben konditionalen Elternstrategie und dienen demselben gen-egoistischen Zweck. In beidem zeigt sich das biogenetische Prinzip Eigennutz.

Die beteiligten Emotionen – Liebe, Sorge, Gleichgültigkeit, Haß – regulieren als Wirkmechanismen der Verhaltenssteuerung zwar unmittelbar unsere sozialen Tendenzen, aber sie werden ihrerseits von den profunden gen-egoistischen Reproduktionsinteressen reguliert. Deswegen vermögen sie menschliches Verhalten nur in einem sehr eingeschränkten Sinne zu erklären. So sind Mutterliebe oder ihr Mangel eher Folge eines Interesses oder Desinteresses am Kind, weniger dessen Ursache.

Daß Menschen sich den Umweltbedingungen oft sehr flexibel anpassen ist freilich keine neue Erkenntnis. Kulturökologen und Sozialanthropologen untersuchen schon lange, wie soziale Strukturen, Technologien und Ressourcennutzung sich in kulturellen Unterschieden niederschlagen. Ein ungewohnter Gedanke ist aber, daß solche Zusammenhänge durch evolutive Vorgänge geformt sind. Die Soziobiologie bietet Ansätze, das Instrumentarium des evolutionsbiologischen Geschehens wie die natürliche Selektion, die Verwandtenselektion oder die sexuelle Selektion noch besser zu erforschen. Erst wenn man die Bedeutung entwicklungsgeschichtlicher Anpassungsvorgänge für das Miteinander des Menschen versteht, wird man auch seine Psyche – die verhaltenssteuernden Mechanismen – besser begreifen.

Weil soziobiologische Erkenntnisse häufig in Bereiche vorstoßen, in denen ein philosophisches Vakuum herrscht, ist in besonderem Maße kritische und zugleich weitsichtige Sachkompetenz nötig, um diese Forschung philosophisch zu begleiten. Dies scheint mir nicht zuletzt auch aus pragmatischen gesellschaftspolitischen Gründen dringend erforderlich.

Eine wesentliche philosophische Herausforderung wäre, menschliche Interessen als evolvierte Tendenzen eines Gen-Egoismus zu begreifen. Paradoxerweise würde dann der Umgang mit diesen Interessen wohl keineswegs leichter. Sie sind einfach deswegen bei den Individuen nicht identisch, weil jeder, bedingt durch die geschlechtliche Fortpflanzung und die Weitergabe je der Hälfte des Erbmaterials beider Eltern, ein individuelles Genom hat. Nur genetisch identische Individuen dürften in dieser Hinsicht dieselben Interessen haben.

Trotzdem bedeutet die evolvierte Singularität keinesfalls, daß es unter Menschen nur mit Hauen und Stechen zuginge. Vielmehr sind Verhaltensmechanismen wie Kooperation und Altruismus entstanden, die auf der phänotypischen Ebene durchaus harmonisierend wirken, obwohl sie auf der genotypischen konsequent dem gen-egoistischen Interesse dienen. Alles, was wir sind, auch das spezifisch Humane, hat sich unter den Bedingungen der natürlichen Selektion entwickelt, ist also Produkt von Konkurrenz und Verdrängung. Wir müssen verstehen lernen, was es eigentlich bedeutet, daß alle Erscheinungsformen menschlicher Daseinsgestaltung, die moralisch und ethisch wünschenswerten genauso wie die verwerflichen, letztlich im Spannungsfeld unterschiedlicher individueller, miteinander konkurrierender Bestrebungen entstanden sind. Die Soziobiologie ist dabei, eine umfassende naturwissenschaftliche Theorie menschlicher Interessenskonflikte zu formulieren. Was wir nun brauchen ist eine philosophische Anleitung, damit klug und gewinnbringend umgehen zu lernen.

Literaturhinweise

- Im Anfang war der Egoismus. Den Ursprüngen menschlichen Verhaltens auf der Spur. Von Edgar Dahl. Econ-Verlag, Düsseldorf, Wien, New York 1991.

– The Evolution of Parental Care. Von Tim H. Clutton-Brock. Princeton University Press, 1991.

– Vom Töten zum Mord. Das wirkliche Böse in der Evolutionsgeschichte. Von Christian Vogel. Hanser-Verlag, München, Wien 1989.

– Grundriß der Soziobiologie. Von Eckart Voland. G. Fischer-Verlag, Stuttgart, Jena 1993.

– Evolution und Anpassung. Warum die Vergangenheit die Gegenwart erklärt. Herausgegeben von Eckart Voland. Hirzel-Verlag, Stuttgart 1993.

– Das Prinzip Eigennutz. Zur Evolution sozialen Verhaltens. Von Wolfgang Wickler und Uta Seibt. Piper-Verlag, München 1991.

– Differential Parental Investment: Some Ideas on the Contact Area of European Social History and Evolutionary Biology. Von E. Voland in: Comparative Socioecology – the Behavioural Ecology of Humans and Other Mammals. Herausgegeben von V. Standen und R. A. Foley, Seiten 391 bis 403. Oxford University Press, Blackwell, Oxford 1989.

– Ressource Competition and Reproduction – the Relationship of Economic and Parental Strategies in the Krummhörn Population (1720 – 1874). Von Eckart Voland und Robin I. M. Dunbar in: Human Nature, Band 6, Heft 1, Seiten 33 bis 49, 1995.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995, Seite 70
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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