Direkt zum Inhalt

Medizin: Kampf dem Kahlkopf

Pharmaunternehmen suchen nach der nächsten Generation von Haarwuchsmitteln


Nur wenige Menschen akzeptieren Haarausfall mit Gleichmut. "Die Leute sagen mir oft, dass sie mit dem Verlust einer Niere leben könnten ..., aber nicht mit dem Verlust ihrer Haare", berichtet Vera H. Price, Direktorin des Zentrums für Haarforschung an der Universität von Kalifornien in San Fran-cisco. Wie kann die Wissenschaft ihnen helfen?

Eine tröstliche Nachricht aus der Biologie ist, dass bei den häufigsten Typen des Haarausfalls die Haarfollikel nicht absterben. Bei der erblichen Form (androgenetischer Alopezie) zum Beispiel, die sich bei Männern und Frauen unterschiedlich manifestiert, verkümmern die Haarfollikel, und ihr Aktivitätszyklus verkürzt sich. Dann entstehen nur noch extrem dünne, kurze Haare. "Sogar kahlköpfige Menschen haben kleine Haare auf dem Kopf", erklärt Bruce A. Morgan vom Cutaneous Biology Research Center der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts). Bei einer selteneren Funktionsstörung, dem kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata), der fast zwei Prozent der Bevölkerung betrifft, endet die Wachstumsphase der Haarfollikel durch eine Autoimmunreaktion vorzeitig. Dann fallen in einigen Regionen oder im Extremfall am ganzen Körper die Haare aus. Aber auch hier überleben die Follikel.

Die Behandlung des kreisrunden Haarausfalls zielt normalerweise darauf ab, das entgleiste Immunsystem wieder in rechte Bahnen zu lenken. Anders bei der erblichen Form: Hier geht es darum, die verkümmerten Follikel zu vergrößern und die Haarlänge zu steigern. Minoxidil war die erste Substanz, welche die FDA (Food and Drug Administration, die US-Arzneimittelbehörde) für diesen Zweck zugelassen hat. Ursprünglich als Blutdruck senkendes Mittel entwickelt, wurde der Wirkstoff 1988 in den USA eingeführt und ist unter dem Namen Regaine inzwischen auch in Deutschland erhältlich. Es handelt sich um das einzige klinisch getestete Haarwuchsmittel, das von Männern und Frauen angewendet werden kann. Wissenschaftler streiten noch darüber, wie Minoxidil die Produktion von längerem und dickerem Haar anregt: Vielleicht steigert es die Durchblutung der Kopfhaut, sodass die Haarfollikel besser ernährt werden; vielleicht verändert es aber auch die Konzentration intrazellulärer Substanzen, die das Haarwachstum steuern.

Der Wirkmechanismus der zweiten zugelassenen Substanz, Finasterid, ist offenkundiger. Diese Verbindung, die als Propecia gegen Haarausfall bei Männern (und als Proscar in höherer Dosis gegen gutartige Vergrößerungen der Prostata) auf den Markt kommt, wird oral eingenommen. Im Körper hemmt sie ein Enzym, das Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) umwandelt. Letztlich bremst es also die Bildung von DHT. Dieses Sexualhormon ist für die normale Entwicklung männlicher Föten notwendig, kann aber später viel Ärger bereiten: Es regt einige Haarfollikel zur Bildung langer, dicker Haare an (auf Wangen und Kinn zum Beispiel); außerdem lässt es bei anfälligen Männern das Haupthaar dünner werden, manchmal schon vor Erreichen des 14. Lebensjahrs. Einige Forscher vermuten, dass DHT die Funktion der Haarfollikel beeinträchtigt. Durch Wechselwirkung mit der Haarpapille könnte es die Produktion von Substanzen stören, die das Haarwachstum fördern.

Interessant ist das Ergebnis einer 1998 veröffentlichten Studie an mehr als 1200 Männern im Alter zwischen 18 und 41 Jahren, die alle unter leichtem bis mittelschwerem Haarausfall litten. Etwa 83 Prozent von ihnen konnten sich mit Hilfe von Finasterid ihren Haarwuchs über zwei Jahre hinweg zumindest erhalten. Bei mehr als der Hälfte wuchs sogar etwas Haar nach. Aber Jerry Shapiro, Direktor am Hair Reasearch and Treatment Center der Universität von British Columbia in Vancouver warnt: "Es ist wichtig, die Erwartungen der Patienten zu dämpfen. Sie müssen wissen, dass sie keinen üppigen Haarwuchs bekommen werden. Primär geht es um die Verhütung von weiterem Haarausfall. Ein Nachwachsen von Haaren ist zwar möglich, aber dies sollte nicht herausgestellt werden, besonders nicht bei Männern mit weiter fortgeschrittenem Haarausfall."

Mit fünfprozentiger Minoxidil-Lösung können Männer ähnli-che Effekte wie mit Finasterid erzielen, erklärt Marty E. Sawaya von der Firma Aratec, die für verschiedene Unternehmen klinische Tests durchführt. Sie schätzt, dass 25 bis 30 Prozent der Betroffenen mit beiden Wirkstoffen mäßiges bis dichtes Haarwachstum zurückerlangen. Einige Männer versuchen auf Nummer Sicher zu gehen, indem sie sowohl Minoxidil (in den USA frei verkäuflich, in Deutschland dagegen verschreibungspflichtig) als auch das verschreibungspflichtige Finasterid anwenden. Zumindest bei Bärenmakaken wirken beide Stoffe zusammen besser als einer allein.

Shapiro und Price raten ihren Patienten, etwa ein Jahr zu warten, bevor sie entscheiden, ob ein Haarwuchsmittel wirkt – und sie schärfen jedem ein, die Medikamente regelmäßig und sachgemäß anzuwenden. Minoxidil wird zweimal täglich direkt auf die Kopfhaut aufgetragen. Propecia gibt es dagegen in Form einer Tablette, die einmal täglich einzunehmen ist. Um wirksam zu sein, muss jedes der beiden Mittel auf Dauer angewendet werden. "Nichts kann Haarausfall ganz und gar rückgängig machen", sagt Price. "Aber verlangsamen oder stoppen lässt er sich mit diesen Präparaten."

Gegen Haarausfall bei Frauen hilft eine zweiprozentige Minoxidil-Lösung. Damit gelingt es in rund 60 Prozent der Fälle, den Haarwuchs zu erhalten; manchmal wächst auch Haar nach. Für Frauen, die mit dem entgegengesetzten Übel, nämlich unerwünscht starkem Haarwuchs im Gesicht (speziell auf der Oberlippe), behaftet sind, gibt es jetzt auch ein von der FDA zugelassenes Mittel (in Deutschland wird die Zulassung demnächst erwartet): eine Creme mit dem Wirkstoff Eflornithin, die in den USA unter dem Namen Vaniqa verkauft wird. Sie hemmt ein Enzym, das für die Zellteilung notwendig ist und verzögert so das Haarwachstum. Aber auch hier sollten die Betroffenen ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben: Etwa 58 Prozent der Frauen stellen eine leichte bis deutliche Verbesserung fest, üblicherweise erst nach ein paar Monaten. Da die Creme das Haarwachstum aber nur verlangsamt und nicht zum Stillstand bringt, müssen unerwünschte Härchen trotzdem ausgezupft oder sonstwie entfernt werden.

Ein Großteil der Forschung von Pharmaunternehmen wird geheim gehalten, bis eine vielversprechende Substanz reif für klinische Tests ist. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass auch die Haarwuchsmittel, die demnächst neu auf den Markt kommen werden, auf bekannten Prinzipien beruhen. Mehrere Unternehmen haben zum Beispiel Moleküle entwickelt, die dasselbe Enzym wie Finasterid hemmen. Bei der ehemaligen Höchst AG wurden bis 1997 Labortests mit einer Substanz durchgeführt, die DHT daran hindern soll, sich an die Zellen der Haarfollikel zu binden; sie würde direkt auf die Kopfhaut aufgetragen. Bei Bristol-Myers Squibb befindet sich ein Stoff in der Frühphase klinischer Studien, der ähnlich wie Minoxidil wirken soll.

Die Verbindung mit den besten Aussichten, demnächst am Menschen getestet zu werden, ist Dutasterid von GlaxoSmithKline. Wie Finasterid hemmt es das Enzym, das DHT herstellt. Dieses Enzym kommt allerdings in zwei unterschiedlichen Formen (Isoenzymen) vor, von denen Finasterid nur eines bremst. Dutasterid wirkt gegen beide. Nach Auskunft von Sawaya deuten die vorläufigen Ergebnisse darauf hin, dass es das Nachwachsen ausgefallener Haare wirksamer fördert als Finasterid – und das bei geringerer Dosis.

"Bisher gibt es noch kein Produkt, das mehr als die Hälfte der Anwender in helles Entzücken versetzt", meint die Aratec-Forscherin. "Ich bin überzeugt, dass Dutasterid ein solches Produkt werden kann, wenn das Unternehmen seine Entwicklung weiter verfolgt." Aber ob und wann bei der FDA beantragt wird, das Mittel gegen Haarausfall zuzulassen, bleibt fraglich. Eine Zulassung zu erlangen ist zeitaufwendig und teuer, daher könnte GlaxoSmithKline die Substanz lieber erst einmal gegen Prostata-Beschwerden einführen, wie es auch bei Finasterid der Fall war.

Wissenschaftler sind immerzu auf der Suche nach neuen Wirkstoffen. Morgan?s Kollege Michael Detmar entdeckte vor einem Jahr, dass ein Wachstumsfaktor, der die Blutzufuhr steigert, in hohen Dosen bei Mäusen das Fell schneller und kräftiger wachsen lässt. Nun sei, so Morgan, die Jagd auf kleine Moleküle eröffnet, die diesen Wachstumsfaktor entweder nachahmen oder aktivieren. Aber Medikamente auf dieser Basis liegen noch in weiter Ferne. Dasselbe gilt für Substanzen zur Beeinflussung von Molekülen wie Wnt oder -Catenin, die das Haarwachstum unmittelbar steuern. Es bedarf noch intensiver Forschung, bis es gelingt, die eigentlichen Zielmoleküle so behutsam zu manipulieren, dass keine schwerwiegenden Nebenwirkungen wie Krebs drohen.

Ein grundlegendes Verständnis der Haar-Biologie könnte Wissenschaftler eines Tages in die Lage versetzen, ein defektes Gen in den Haarfollikeln mittels Gentherapie zu reparieren. Denkbar wäre auch, Haut mit Haaren in einer Glasschale zu züchten und dann auf einen Glatzkopf zu transplantieren. "Das Haarwachstum zu ergründen ist ähnlich kompliziert wie die Entwicklung von Gliedmaßen zu verstehen – es ist eine Riesenherausforderung", meint Kurt S. Stenn, leitender Wissenschaftler bei der Firma Juvenir Biosciences, die sich kürzlich von Johnson & Johnson abgespalten hat, um sich ganz auf Haarforschung zu konzentrieren. "Aber wir entdecken eine Menge – und zwar sehr schnell. Dies ist eine aufregende Zeit für Haar-Biologen. Wir stehen kurz vor dem entscheidenden Durchbruch."

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2002, Seite 52
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2002

Kennen Sie schon …

46/2019

Spektrum - Die Woche – 46/2019

In dieser Ausgabe widmen wir uns Supraleitern, der Schizophrenie und dem Trinkwasser.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!