Direkt zum Inhalt

Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren? Bevölkerungsexplosoin - Umwelt - Gentechnik


Die Pflanzen-Gentechnik dürfte heute eines der umstrittensten Forschungsgebiete überhaupt sein. Während die Akzeptanz für die medizinischen Anwendungen des genetic engineering in der Bevölkerung wächst, sehen die Kritiker in der Genmanipulation von Pflanzen nach wie vor große Gefahren politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Art.

Die Befürworter von Pflanzen-Gentechnik rechtfertigten derartige Forschungen stets mit dem Argument, sie wollten die Umwelt schützen und für eine bessere Ernährung der Weltbevölkerung sorgen. Diese meist recht unkritisch vorgetragenen Argumente mit einer umfassenden Analyse zu untermauern ist das offenkundige Ziel des vorliegenden Buches.

Klaus Hahlbrock, Direktor der Abteilung Biochemie am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln und einer der führenden deutschen Wissenschaftler auf diesem Gebiet, macht es sich dabei wirklich nicht leicht. Nach einem Einleitungskapitel, das die Bevölkerungsentwicklung seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte beschreibt, stellt er in einem weitgespannten historischen Überblick die Entwicklung der Art und Weise dar, wie die Menschen zu allen Zeiten ihre Ernährung zu sichern versuchten. Folgerichtig verengt sich das Thema auf die Landwirtschaft; es ist von den ökologischen Gefahren intensiven Ackerbaus die Rede, und dann kommt Hahlbrock auf die Pflanzenzüchtung mit ihren genetischen Grundlagen und Folgen zu sprechen.

Erst nach dieser Darstellung, die mehr als die Hälfte des Buches beansprucht, ist von Gentechnik die Rede. Sehr anschaulich, für den Laien verständlich und mit informativen Abbildungen erläutert Hahlbrock die Prinzipien der Genmanipulation, insbesondere bei Pflanzen. Er stellt dar, welche landwirtschaftlich erwünschten Eigenschaften man den Nutzpflanzen heute schon verleihen kann und wie die Entwicklung voraussichtlich weitergehen wird. Was die Ernährung der Weltbevölkerung angeht, so ist Hahlbrock optimistisch, daß sie sich durch die Fortschritte der Gentechnik erheblich verbessern werde.

Im folgenden Kapitel setzt er sich mit den Risiken und der ethischen Bewertung der Gentechnik auseinander. Unter anderem antwortet er sehr klug auf besonders häufig gestellte kritische Fragen. Es ist durchaus denkbar, daß die Entwicklung herbizid-resistenter Pflanzen letztlich einen erhöhten Herbizid-Einsatz zur Folge hat; hier fordert er notfalls sogar gesetzliche Regelungen, um eine solche Entwicklung zu verhindern. Die möglichen ökologischen Folgen der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen werden allerdings nicht erörtert. (Kann man wirklich ausschließen, daß genetisch manipulierte „Eis-minus-Bakterien“, die auf den Blättern von Pflanzen die Eisbildung verhindern, die Wolkenbildung beeinträchtigen und so das Wettergeschehen verändern?)

Im folgenden weist Hahlbrock besonders auf den schnellen technischen Fortschritt hin, mit dem die ethisch-moralische Diskussion bei weitem nicht Schritt halten kann. Außerdem beklagt er die mangelnde Anteilnahme der Öffentlichkeit, und den Grund dafür sieht er vorwiegend bei den Medien – sicherlich nicht zu Unrecht bei jenen, die sich an ein Massenpublikum wenden und Aufklärung über die komplexe Materie nicht zu leisten vermögen oder nicht für attraktiv halten.

Im Zusammenhang mit der demokratischen Willensbildung bringt Hahlbrock die Idee von „Fortschritt durch Verzicht“ ins Spiel: „Wenn wir unsere höchsten Prioritäten zum Maßstab des Fortschritts machen und um der Umwelt, unserer Ernährung und unserer Gesundheit willen auf alles verzichten, was dem zuwiderläuft, dann ergibt sich zwangsläufig, wo die verantwortbaren Chancen der Gentechnik liegen und auf welche unverantwortbaren Risiken wir verzichten müssen“ (Seite 226/227). Ein solcher Satz weckt indes Widerspruch: Ist es wirklich so einfach? Und ist nicht Hahlbrocks ganze Analyse eigentlich nur die Hälfte der Wahrheit? Sie ist in sich schlüssig und so intelligent, daß die Gegner der Gentechnik es schwer haben werden, Gegenargumente zu finden. Aber mit der anderen Hälfte des Problems – der Bevölkerungsexplosion – setzt Hahlbrock sich nicht auseinander. Er stellt sie im ersten Kapitel zwar dar und fordert auf den Seiten 240 und 242 lapidar „eine schnelle Beendigung des Bevölkerungswachstums“. Wenn sich aber eine Analyse zur Ernährungssituation der Weltbevölkerung mit dieser Frage nicht eingehender beschäftigt, muß sie unvollständig bleiben. Oder, wie Hugh H. Iltis es in dem Buch „Ende der biologischen Vielfalt?“ formulierte: „Schließlich sollte heute jedem klar sein, daß das Welthungerproblem sich nicht durch mehr Nahrungsmittel, sondern nur durch weniger Menschen lösen läßt.“ So bleibt der Verdacht, daß hier doch nur ein Gentechniker seine Arbeit rechtfertigen will.

Dennoch: Das Buch ist so intelligent geschrieben, daß es für jeden, der sich mit Pflanzen-Gentechnik auseinandersetzen will, eine Pflichtlektüre sein sollte. Ob Befürworter oder Gegner – an den Überlegungen, die hier geäußert werden, kommt niemand vorbei.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 130
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!