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Kannibalische Spinnen

Mitunter ist es dem eigenen Fortpflanzungserfolg dienlich, sich vom Geschlechtspartner oder von den Kindern verspeisen zu lassen.

Daß Tiere Artgenossen fressen, kommt in der Natur nicht allzu häufig vor. Der Grund dafür ist jedoch nicht ein Prinzip der Arterhaltung; denn die Selektion wirkt nicht auf der Ebene der Arten, sondern nur der Individuen oder der Gene (siehe Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 94). Die Seltenheit des Kannibalismus rührt wohl eher daher, daß mit dem Verzehr der Artgenossen auch deren Parasiten und Krankheitserreger aufgenommen werden, und daß dieser Nachteil den Vorteil der Nährstoffzufuhr überwiegt.

Immerhin kann es bei Nahrungsknappheit vorkommen, daß stärkere Individuen schwächere verzehren und sich auf deren Kosten das Überleben sichern. Es gibt sogar geschwisterlichen Kannibalismus, und bei manchen Arten fressen die Eltern unter bestimmten Umständen einen Teil des eigenen Nachwuchses auf. Indem sie ihre Ressourcen auf die verbliebenen Jungen konzentrieren, verschaffen sie diesen eine größere Überlebenschance und können dadurch im Endeffekt mehr Nachkommen durchbringen.

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, daß Junge ihre eigene Mutter auffressen. Dies hat schon vor mehr als 2000 Jahren der griechische Philosoph Aristoteles bei Spinnen beschrieben. Wie man heute weiß, gehört dieser Generationen-Kannibalismus bei Diaea ergandros, die in Australien heimisch ist, sogar zum üblichen Lebenszyklus.

Die weiblichen Spinnen dieser Art können nur einmal im Leben Nachkommen erzeugen. Sie legen dann etwa 40 Eier, aus denen im Sommer die Jungtiere schlüpfen. In dieser Zeit fängt die Mutterspinne Insekten bis zum Zehnfachen ihres eigenen Körpergewichts – mehr als der Nachwuchs verzehren kann. Den Überschuß frißt sie deshalb selbst und speichert die Nährstoffe in unbefruchteten Eiern in ihren Ovarien. Somit fungiert sie quasi als lebender Kühlschrank.

Sobald die Tage kälter werden und das Nahrungsangebot schwindet, beginnen die hungrigen Jungen diesen Vorrat anzuzapfen. Sie saugen das Muttertier nach und nach regelrecht aus. Ist es völlig geschwächt, fallen sie darüber her wie über andere Beutestücke, injizieren ihre Verdauungssäfte und verwerten so auch den letzten Nährstoffrest. Dann beginnen sie sich gegenseitig aufzufressen, um über den Winter zu kommen. Weil die Mutter durch die Selbstaufgabe ihren Fortpflanzungserfolg erhöht, ist dieses Verhalten durch die Selektion begünstigt.

Gilt das aber auch für den Kannibalismus zwischen Geschlechtspartnern? Verschafft also etwa ein Spinnenmännchen, das bei der Paarung verzehrt wird, sich dadurch mehr Nachkommen, obwohl es jede Chance auf weitere Begattungen einbüßt? Oder wird es nur das Opfer eines Interessenkonflikts, in dem es aufgrund seiner geringeren Körpergröße unterlegen ist?

Besonders kraß stellt sich diese Frage bei der Australischen Schwarzen Witwe (Latrodectus mactans hasselti). Zur Begattung klettert das Männchen auf den Bauch des viel größeren Weibchens und führt sein Sperma mit einem umgewandelten Kieferntaster am Kopf zur Genitalöffnung der Partnerin. Dabei macht es eine Art Handstand, der die Oberseite seines Hinterleibs direkt vor die klauenartigen Mundwerkzeuge (Cheliceren) des Weibchens bringt. In dieser Haltung, in der es sich geradezu zum Verzehr anbietet, verharrt es für die Dauer der gesamten Kopulation. Tatsächlich beißt das Weibchen in zwei von drei Fällen zu und verzehrt den Sexualpartner noch während der fünf- bis 30minütigen Befruchtung Stück für Stück. Dagegen wurde bisher nie beobachtet, daß weibliche Spinnen ihre Geschlechtsgenossen bei anderen Gelegenheiten auffressen.

In diesem Falle verschafft das Männchen seinen Nachkommen durch das Selbstopfer keinen nennenswerten Nahrungsgewinn. Mit einem Lebendgewicht von gut vier Milligramm hat es nämlich nur 1 bis 2 Prozent der Masse seiner Geschlechtspartnerin und etwa 2,5 Prozent derjenigen ihres Eiersacks (der in der Regel zwischen 200 und 350 Eier enthält). Ist es also doch nur unglückliches Opfer seines Fortpflanzungstriebs? Aber warum fordert es dann sein Schicksal geradezu heraus?

Maydianne Andrade von der Cornell-Universität in Ithaca (US-Bundesstaat New York) hat nun den Grund des selbstzerstörischen Verhaltens herausgefunden ("Science", Band 271, Seite 70, 5. Januar 1996). Er liegt in der relativ großen Konkurrenz zwischen den Männchen. Bis zu sechs Bewerber wurden gleichzeitig am Netz eines Weibchens beobachtet. Am Ende der Paarungszeit hat etwa ein Fünftel der Weibchen mit mehr als einem Männchen kopuliert.

Wie Maydianne Andrade in Laborexperimenten herausfand, hängt das Ausmaß der Vaterschaft eines Männchens, das erst als zweites zum Zuge kommt, sehr stark von der Dauer des Paarungsaktes ab. Bei längerer Kopulationszeit werden mehr Spermien übertragen und somit auch mehr Eier befruchtet. Nun paarten sich aber die zweiten Begatter mindestens doppelt so lange mit dem Weibchen, wenn sie dabei verzehrt wurden, als wenn sie überlebten. Mit ihrem Opfer sicherten sie sich also, grob gerechnet, die doppelte Nachkommenzahl.

Auch für den ersten Geschlechtspartner ist es in diesem Sinne von Vorteil, gefressen zu werden. Es zeigte sich nämlich, daß zwei Drittel aller Weibchen ungeachtet weiterer Bewerber nicht wieder kopulierten, wenn sie ihren ersten Liebhaber vernascht hatten. Dagegen widerstand nur eines der 23 beobachteten Weibchen, deren erster Sexualpartner mit dem Leben davongekommen war, einem zweiten Annäherungsversuch.

Demnach ist das Selbstopfer des Männchens durchaus eine lohnende Investition in den eigenen Nachwuchs. Denn überlebende Männchen haben nur geringe Chancen, nochmals eine Geschlechtspartnerin zu finden. Zum einen leben sie nach dem Einsetzen der Geschlechtsreife nur noch zwei bis vier Monate (während die Lebensdauer der Weibchen bis zu zwei Jahre beträgt). Zum anderen kommen die meisten Männchen bei dem Versuch um, noch zu einem anderen Netz zu wandern. Deshalb bleiben viele Überlebende auch einfach im Netz ihrer Braut.

Der Ursprung des sexuellen Kannibalismus ist übrigens leicht vorstellbar. Viele Gliederfüßer machen dem umworbenen Weibchen ein Futtergeschenk. Dabei steigen ihre Chancen in der Regel mit der Größe der Mitgift. Sich selbst zum Verzehr anzubieten, ist gleichsam nur die Extremform eines Brautgeschenks.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1996, Seite 24
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1996

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