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Winters' Nachschlag: Kein Kinderschlecken!

Ein Streifzug durch die Fallstricke der bildhaften Sprache
Liebe Leser, um Ihnen gleich zu Beginn offenen Wein einzuschenken: Wesentliche Teile dieses Textes stammen nicht von mir. Vielmehr möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in meine seit Jahren liebevoll gepflegte "Sammlung missglückter Redewendungen" gewähren, in der ich die sprachlichen Fehlgriffe unzähliger Gesprächspartner niedergelegt habe. Damit möchte ich der neurowissenschaftlichen Erforschung von Redewendungen und Metaphern, die Dieter G. Hillert ab S. 70 dieser Ausgabe beschreibt, einen Dienst erweisen. Denn ganz so, wie ein Neurologe aus der Fehlfunktion eines geschädigten Gehirns auf dessen normale Tätigkeit schließt, gibt uns auch die misslungene bildhafte Sprache wertvollen Aufschluss über unser Denken. Die folgenden, hart erarbeiteten Einblicke stelle ich der Wissenschaft zu diesem Zweck kostenlos zur Verfügung.

Erkenntnis Nummer eins: Bildliche Sprache besitzt eine hohe Toleranz gegenüber falscher Verwendung. Das beweist etwa der von meinem Kollegen Keul in einer zehnköpfigen Gesprächsrunde geäußerte Wunsch, mal ordentlich mit der Pauke auf den Tisch zu hauen. Weder dem Sprecher selbst noch irgendeinem seiner Zuhörer fiel auf, dass hier zwei Bilder übereinandergepinselt wurden. Erkenntnis Numero zwo: Figurative Wendungen verfügen über starke Kohäsionskräfte, was dazu führt, dass oft zwei Bilder mit ähnlicher Bedeutung zu einem verklumpen. Da werden offene Türen nach Athen getragen, dasselbe Horn über den Zaun gebrochen oder jemand stellt empört fest, dass dieser Mist nicht auf seiner Kappe gewachsen ist.

Selbst Menschen, die mit festen Beinen im Boden stehen, sind nicht davor gefeit, solche Sprachmonster zu gebären. Wenngleich nicht jeder in der Lage ist, eine Redewendung so bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen wie mein Freund Jogi, der allen Ernstes verkündete, man solle nicht den Bären ohne Fell jagen.

In seltenen Fällen, so die dritte Erkenntnis, führt die unfreiwillige Sprachverfälschung allerdings zu Ausdrücken, die den gemeinten Umstand sogar besser treffen als das Original. So zählt zu den kostbarsten Perlen meiner Sammlung nach wie vor der Kommentar jener Büroreinigungskraft, die das zu beseitigende Chaos nach einer Weihnachtsfeier mit den Worten kommentierte, nun müsse sie also wieder den Dreck aus der Karre ziehen. Insofern hat der Autor des G&G-Artikels absolut Recht mit seiner Feststellung, figurative Sprache sei oft leichter verständlich als manche wörtliche Mitteilung.

Doch ganz so einfach ist der Hase nicht immer gestrickt. Gerade die zahlreichen Tiermetaphern unserer Sprache laden zu immer neuen Vermischungen ein. So beendete etwa mein Freund Steve einst eine der gefürchteten Endlosdiskussionen in seiner WG damit, hier beiße sich ja wohl die Katze in den Sack. Andere beklagten sich über einen Tunichtgut, der stets den Bärenanteil abbekomme, oder rieten mir, besser keine schlafenden Pferde zu wecken.

Und oft – womit wir bei Erkenntnis Nummer vier angelangt sind – lässt die vermasselte Ausdrucksweise auch auf die wahre Gesinnung des Sprechenden schließen: Wenn jemand für einen anderen seine Hand ins Wasser legen würde, dann sollte man ihm vielleicht nicht zu sehr vertrauen. Und wer seiner Liebsten jeden Wunsch von den Lippen abliest, ist vielleicht einfach schwerhörig! Sich bildhaft auszudrücken ist, um es mit den Worten meiner Physiotherapeutin Frau Valter zu sagen, kein Kinderschlecken und sollte daher nicht auf die kalte Schulter genommen werden. Aber nach dem, was ich zu diesem Thema denke, kräht doch eh wieder kein Schwein.

(PS: Mal ehrlich, ist Ihnen das schiefe Bild im ersten Satz aufgefallen, das ich nicht kursiv gesetzt habe?)

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