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Winters' Nachschlag: Keine Herzenssache

Auf dem Schulhof und in der Politik gilt: immer kühlen Kopf bewahren.
Am ersten Tag des dritten Schuljahrs wurde ich von Udo Palleske, meinem neuen Klassenkameraden und Sitznachbarn, jäh aus dem Paradies vertrieben. Bis dahin hatte ich sorglos in dem Bewusstsein gelebt, ein Füller sei ein Füller – also ein Ding, mit dessen vorderem Ende man schreibt und an dessen hinterem Ende man so lange herumkaut, bis die Eltern ein neues kaufen müssen. Palleske schien das anders zu sehen: Er begann unsere Bekanntschaft mit einem angewiderten "Iiihh, Geha!", als er mein Schreibgerät erblickte. "Mit Geha schreiben doch nur Doofe", sagte er naserümpfend und packte seinen Pelikan-Griffel aus.

An diesem Morgen musste ich erkennen, dass auch die Wahl der Füllermarke ein persönliches Statement ist. Tatsächlich sollten in den kommenden Monaten die Vorlieben für Adidas oder Puma, Kaba oder Nesquik, Panzer- oder Tierquartette darüber entscheiden, mit wem Udo und ich auf dem Schulhof Bündnisse eingingen und gegen wen wir Ränke schmiedeten. Unter Erwachsenen nennt man das Politik. Und so ging unser Geha-Pelikan-Dissens unweigerlich in jenen Prozess über, den Anna Gielas in ihrem Artikel ab S. 24 beschreibt: die politische Meinungsbildung.

Nun stelle man sich Udo und mich in der zwölften Klasse vor: Palleske mit Karottenjeans, Polohemd und Topffrisur, daneben ich mit verfilzter Matte, Entenschuhen und Teppichtasche. Ein großer "Stoppt Strauß!"-Button an meinem selbst gestrickten Pullover forderte das politische Ende ebenjenes Mannes, dessen Initialen in Form mehrerer "FJS"-Aufkleber Palleskes Aktenkoffer zierten. Da wir für die Bundestagswahl noch zu jung waren, tobte unsere Schlacht im Vorfeld der Wahl zum Schülersprecher. Ich unterstützte Forderungen nach Legalisierung weicher Drogen auf dem Pausenhof und Schulbeginn erst ab 10 Uhr, Palleske trat für Eliteförderung und eine einheitliche Schulkleiderordnung ein. Nur in einem ähnelten wir uns: Wir schwärmten beide für die umwerfende Nathalia Schiffgen aus der Dreizehnten.

Und dann geschah etwas, was mich gewissermaßen ein zweites Mal unsanft aus dem Paradies vertrieb: Nathalia kandidierte als Schülersprecherin – und warb auf Plakaten dafür, in die Junge Union einzutreten! Mit trockenem Mund und zitternden Knien stand ich vor dem Aushang. Nicht nur, weil Nathalia darauf noch schöner war als in Wirklichkeit. Mir wurde augenblicklich klar, dass ich entweder eine vollständige politische Kehrtwende vollziehen oder das letzte Fünkchen Hoffnung auf ein Leben mit ihr würde begraben müssen. "Na, Winters?", hörte ich Palleske hinter mir voll Schadenfreude säuseln, "schau doch auch mal beim Stammtisch der Jungen Union vorbei ..."

Wie Frau Gielas erläutert, fällen wir unsere Wahlentscheidungen oft emotional und auf Grund von Äußerlichkeiten. Ich jedoch schaffte es, meinen politischen Prinzipien treu zu bleiben, und machte mein Kreuzchen bei der stets ungewaschen wirkenden, in marxistischer Rhetorik geschulten Urte Brennemeier – mit 8 gegen 132 Stimmen versank unser Projekt allerdings schnell in der politischen Bedeutungslosigkeit. Palleske behauptete Tage später, der neuen Schülersprecherin Nathalia in ihrem Wahlbüro nähergekommen zu sein, was den Tod meines alten Geha-Füllers durch exzessives Kauen rasant beschleunigte.

Kurz darauf legte unsere demokratisch gewählte Vertreterin keinen Widerspruch ein, als die Fächerwahl in der Oberstufe eingeschränkt wurde – hatte sie doch im Wahlkampf eine "Stärkung des altsprachlichen Zweigs" versprochen. So musste ich ein Jahr später eine Abiturprüfung in Latein ablegen, die mir den Notenschnitt versaute und damit meine Karriere als Hirnforscher!

Aber immerhin etwas Schönes ist von damals geblieben: An jedem dritten Sonntag im Monat treffe ich mich mit Palleske in einer Raucherkneipe. Wir streiten über Politik, lachen über die alten Zeiten und trinken Bier. Er Pils, ich Kölsch.

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