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Kinder der Freiheit

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
408 Seiten, DM 30,-.

Der vorliegende Band ist Teil der neuen "Edition Zweite Moderne", die der Suhrkamp-Verlag jüngst aus der Taufe hob. Unter der Projektleitung des Münchener Soziologen Ulrich Beck erscheinen in loser Folge Monographien und Essaysammlungen, die aus der Sicht unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Disziplinen die tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse am Ende unseres Jahrtausends behandeln sollen. Den begrifflich-theoretischen Hintergrund für die neue Edition bildet Becks These, daß die industrielle Moderne mit ihren spezifischen Koordinaten Technikentwicklung, Arbeitswelt, Verteilungs- und Wohlstandsgesellschaft an ihr Ende gelangt sei und in allen entwickelten Gesellschaften die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens neu ausgelotet werden müßten.

Beck ist bekannt nicht nur als produktiver, sondern auch höchst streitbarer Vertreter seiner Zunft. So versteht er "zweite Moderne" als Kampfbegriff gegen apokalyptisches Lamentieren oder postmodernes Achselzucken bei seinen Kollegen angesichts gesellschaftlicher Umbrüche. Fragen der Zukunftsgestaltung könnten nicht mehr bequem im Lehnsessel vorbestimmter Unmöglichkeit diskutiert werden. Wenn darüber gestritten werde, wohin der Weg geht, sei ein produktiver Beitrag der Sozialwissenschaften unerläßlich. Wo manche seiner Kollegen das absehbare Ende bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungs- und Lebensformen beklagen, richtet er seinen Blick auf den Neuanfang, auf Symptome und Erscheinungen, welche die ungebrochene Neuerungsfähigkeit menschlichen Handelns belegen.

Als entscheidende Sinnquelle der Moderne hat Beck die Entwicklung der politischen Freiheit ausgemacht. Er ordnet sie jedoch nicht – wie in derzeit gängiger konservativer Lesart üblich – dem Kontext von Individualismus, Egoismus und Werteverfall zu, sondern interpretiert sie "als Selbstorganisation der Individuen, die ihre politischen Freiheitsrechte ergreifen, konkretisieren und auf diese Art Ziele und Zusammenhänge stiften".

Es sei nicht ein Zuviel an Freiheit, das die Gesellschaft zerstöre; vielmehr sei die Inanspruchnahme politischer Freiheiten in immer mehr gesellschaftlichen und privaten Lebensbereichen der Kitt, der unter den Bedingungen fortschreitender Individualisierung und Globalisierung gesellschaftlichen Zusammenhang zu erzeugen vermöge. Dies ist und bleibt aber ein theoretisches Konstrukt, eine Hypothese, solange die Existenz solcher Zusammenhänge nicht in den realen sozialen Prozessen der Gegenwart zu belegen ist. Beck versichert sich deshalb im vorliegenden Band der Mithilfe von Vertretern verschiedener sozialwissenschaftlicher Disziplinen, um sein theoretisches Gerüst mit empirischer Substanz ausfüllen zu können.

Der Band enthält 14 Beiträge von 12 Autoren; fast die Hälfte sind Nachdrucke. Beck selbst ist außer mit dem Einführungstext mit zwei weiteren Aufsätzen präsent. Diese scheinen mit der erkennbaren Dreifachfunktion – Anknüpfen an frühere Publikationen des Verfassers, Herstellen eines inhaltlich-theoretischen Rahmens für den vorliegenden Band sowie Ausblick auf geplante Vorhaben innerhalb der Edition – überfordert; der theoriegeschichtliche Aufsatz zu den "Vätern der Freiheit" ist in diesem Band wohl fehl am Platz.

Der Titel "Kinder der Freiheit" ist dem Beitrag der Engländerin Helen Wilkinson, Forschungsleiterin am Londoner Demos-Institut, entlehnt, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zum Wertewandel bei heute 18- bis 34jährigen Briten vorstellt. In drei entscheidenden Bereichen – Familie, Arbeit und Politik – untersucht sie die Konsequenzen der fortschreitenden Individualisierungsprozesse. Nach ihrer Auffassung vollzieht sich eine lautlose Revolution, die im Wandel von der "Ehe als Institution" zur "Ehe als Beziehung" ebenso erkennbar wird wie im Verschwinden von Lebensarbeitsplätzen und der Entwicklung eines individualisierten Arbeitsmarktes. Besonders bedeutsam ist nach Helen Wilkinson die Abwendung der heutigen jungen Generation von der klassischen Parteienpolitik, in der sie das Verschwinden der Massen als eines politischen Faktors erkennt. Gleichzeitig jedoch erschließe die junge Generation mit großem Engagement, Ideenreichtum und originellen Methoden neue Politikfelder wie Umweltschutz, soziale Entwicklungsprojekte oder AIDS-Hilfe, die sie zumeist bewußt jenseits der traditionellen Politik betreibe.

"Kinder der Freiheit" meint eine Generation, die "mit den durch die Freiheit aufgeworfenen Problemen ringt". Die untersuchten Entwicklungen sind höchst ambivalent und ihre Konsequenzen mitunter paradox. So erfährt man, daß sich radikaler Individualismus und gesellschaftliche Verantwortung, Eigensinn und Gemeinsinn keineswegs ausschließen. Beck prägt dafür den Begriff "altruistischer Individualismus". Helen Wilkinson ist sich sicher, daß sich hier, wenn auch schmerzhaft, eine neue Ethik herausbilde.

Mit der Ausbreitung des Singletums, einem anderen Aspekt der fortschreitenden Individualisierung, befassen sich die Wiener Soziologen Leopold Rosenmayer und Franz Kolland. Deutlicher als in der Untersuchung Helen Wilkinsons arbeiten sie heraus, daß die heute massenhaft verbreitete Aufgabe, ein selbstbestimmtes Leben außerhalb traditioneller Klassen- und Sozialbindungen zu führen, und der Umgang der 18- bis 34jährigen mit dieser Aufgabe nur im Bezug auf objektive Lebenschancen sinnvoll zu analysieren sind. Das Bild vom "Paradesingle" (jung, dynamisch, erfolgreich, einkommensstark und genußfreudig) ist ein Mythos, der auf den Zeitgeist-Seiten mancher Illustrierten sein Unwesen treibt. Wie die Untersuchung der beiden Autoren belegt, werden damit jedoch lediglich 3 Prozent aller Singles erfaßt. Man dürfe Individualisierung, "Freisetzung und Vereinzelung", keineswegs generalisierend mit gelungener Emanzipation, ethischer Selbstbestimmung oder sozialer Unabhängigkeit gleichsetzen. "Die freigesetzten Individuen sind arbeitsmarkt-, bildungs- und konsumabhängig. Und sie bleiben abhängig von sozialstaatlichen Hilfen und Versorgungen", so das Fazit der beiden Wiener Soziologen, das in mancher Hinsicht wie ein Korrektiv zur überbordenden theoretischen Angebotsfülle Becks wirkt.

Provokant, aber im Sinne des gewählten theoretischen Ausgangspunktes folgerichtig und notwendig erscheint der Beitrag des Münchener Soziologen Michael Brater zur Rolle von Schule und Ausbildung unter den Bedingungen der Individualisierung. Schule laufe heute Gefahr, in Scheinwelten einzuführen, auf Erfordernisse und Erwartungen vorzubereiten, die so gar nicht mehr gegeben seien. Selbst Wissensvermittlung als letztes Refugium verunsicherter Pädagogen sei suspekt, weil Wissen zum Teil sehr schnell veralte und zu bestimmten Problemen persönlicher Handlungsorientierung nur wenig gesichertes Wissen vorliege. Schule muß, so Brater, heute daran gemessen werden, inwieweit sie beim Jugendlichen subjektive Fähigkeiten ausbilden hilft, mit denen er "sich selbst gültige Orientierungen zu verschaffen" vermag; denn die Institutionen, die früher verbindliche Wertorientierungen und Verhaltensmaßstäbe vorgaben, haben ihr Monopol eingebüßt.

Ulrich Beck und der Suhrkamp-Verlag haben die "Edition Zweite Moderne" mit beachtlichem publizistischem Aufwand aus der Taufe gehoben. Der Verlag hält das Projekt für so bedeutend, daß er Format und äußere Gestalt der Suhrkamp-Taschenbuch-Klassiker für diese Reihe verändert hat. Becks Schlüsselstellung wird durch seine Omnipräsenz als Projektleiter, als Verfasser eigener Monographien und, wie im vorliegenden Fall, als Herausgeber und Mitautor von Essaysammlungen unterstrichen. Die angekündigten Dimensionen des Projekts lassen erahnen, welches Maß an Arbeit Beck damit überantwortet wurde. Ich bezweifle, daß er dem Anspruch, theoretisches Neuland zu erschließen, auf Dauer ohne gleich fähige und gleichberechtigte Mitarbeiter gerecht werden kann.

Der vorliegende Band vermittelt bei allem Bemühen Becks um inhaltliche Bindung doch eher den Eindruck eines Kaleidoskops. Trotz bemerkens- und bewahrenswerter Fundsachen in einzelnen Beiträgen fehlt es an konzeptionellem Feinschliff. Eine Konzentration auf neue empirische Befunde zu fortschreitenden Individualisierungsprozessen – so sie denn vorliegen – hätte dem Buch vermutlich größere inhaltliche Geschlossenheit und Aussagekraft verliehen.

Der Neugier auf weitere Bände dieser Edition sollen diese kritischen Einwände aber keinen Abbruch tun.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1997, Seite 140
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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