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Geschichte: Klimageschichte Mitteleuropas

1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen
Primus, Darmstadt 2001. 227 Seiten, € 39,90


Berichte über sintflutartige Regenfälle mit nachfolgenden Überschwemmungen, schwere Stürme in zuvor wenig betroffenen Regionen, zu warme Winter und die fortschreitende Ausbreitung von Wüstengebieten tauchen im-mer öfter in den Nachrichten auf. Sind diese regionalen Exzesse des Wetters normale Erscheinungen oder die Folge einer Klimaveränderung und möglicherweise durch die Aktivität der Menschen verursacht?

Die Wettervorhersage und ihre Vertrauenswürdigkeit kennt jeder aus den Medien. Mehr als drei Tage in die Zukunft ist das Wetter kaum zu prognostizieren. Wie aber macht man eine brauchbare Wetterrückschau, und das über tausend Jahre hinweg?

Voraussetzung für jede Rekonstruktion ist eine ausreichend lange Messreihe in der Nähe der Gegenwart. Die verfügbaren exakten Messungen von Klimaparametern liegen aber ausgerechnet in der Zeit der größten Klimaänderungen und des größten menschlichen Einflusses. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Europa nur wenige und ungleichmäßig verteilte Messstellen, sodass sich ein flächendeckendes Bild der klimatischen Verhältnisse nur schwer rekonstruieren lässt. Im meteorologischen Standardintervall 1961 bis 1990 stehen immerhin schon über 700 Messstationen in Europa zur Verfügung, aber auch die Veränderungen durch den Menschen im Vordergrund.

Die das Klima steuernden Faktoren sind erstaunlich vielfältig: von den astronomischen Daten der Erdbahn und der Sonnenaktivität über geologisch-tektonische Vorgänge wie Gebirgsbildung und Vulkanismus bis hin zu Bodenbildung und Bewuchs. Schließlich nimmt der Mensch durch seine Flächennutzung Einfluss.

In dieser unübersichtlichen, fast chaotischen Datenlage versucht der Würzburger Geograf Rüdiger Glaser unter Einbeziehung aller verfügbaren Messprotokolle und historischen Daten eine Rekonstruktion der letzten tausend Jahre Klimageschichte. In einer zehn-jährigen Sisyphusarbeit hat er alle erdenklichen historischen Quellen zusammengetragen und mit den physikalischen Messdaten in einer Datenbank vereinigt. Unter anderem hat er historische Archive durchstöbert, Bilder von besonderen Ereignissen ausgewertet und Baumringanalysen herangezogen.

Der erste, methodenkritische Teil des Buches zeigt, mit welchem Aufwand versucht wurde, fehlende Messwerte zu rekonstruieren und zu verifizieren. Dabei wird aber auch klar, dass diese Daten kritisch gewertet werden sollten.

Der darauf folgende Hauptteil enthält spannend rekonstruierte regionale Kataloge der Witterungsanomalien der letzten tausend Jahre mit Auswirkungen auf die Menschen und deren eventuelle Ursachen und dürfte für alle, die sich für die Geschichte ihrer Heimat interessieren, von Bedeutung sein.

In seinem Resümee verschweigt Glaser nicht, dass die Erwärmung der letzten 150 Jahre ("das Moderne Klimaoptimum") vor allem wegen der Erhöhung der Wintertemperaturen "in der Zusammenschau der letzten tausend Jahre in dieser Form einmalig ist und wohl auf die anthropogene Erhöhung des Treibhauseffekts zurückzuführen ist". Aber dennoch: Veränderlichkeit war und ist das Wesensmerkmal des mitteleuropäischen Klimas. "Es gibt keinen als ,normal‘ zu bezeichnenden Abschnitt, … in dem nicht auch die unterschiedlichsten Extreme aufgetreten wären."

Glaser hat in diesem Band in verständlicher Form die Problematik der Klimarekonstruktion dargelegt und die regionalen Zeitreihen mit aussagekräftigen Abbildungen gewürzt: Ein wertvoller Beitrag zur Klimadebatte und zum Verständnis der Klimaentwicklung.

Für die weitere Forschung in der (Paläo-)Klimarekonstruktion wünsche ich mir über das bisherige statistische Standardwerkzeug – das gleitende Mittel über dreißig Jahre – hinaus den verstärkten Einsatz von Methoden, die der dynamischen Natur unserer Wetterküche mehr Rechnung tragen, insbesondere die Fourier-Analyse und die Modellierung mittels Markow-Ketten.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 99
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002

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