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Biomedizin: Klonen von Menschen? Wissenschaftlich unhaltbar!

Wird in Kürze der erste geklonte Mensch geboren? Die Experimente des Italieners Severino Antinori stoßen weltweit auf Ablehnung. Der Molekularbiologe Rudolf Jaenisch, Träger des Robert-Koch-Preises, äußert sich über Chancen und Risiken des Klonens.


Don’t clone humans!« – so der Aufruf, den Rudolf Jaenisch zusammen mit Ian Wilmut im März 2001 in der Fachzeitschrift »Science« veröffentlichte. Die beiden Entwicklungsbiologen wissen, wovon sie reden. Jaenisch, der am Whitehead-Institut für biomedizinische Forschung in Cambridge (Massachusetts) arbeitet, hat maßgeblich die Verfahren zum Klonen von Säugetieren entwickelt. Wilmut vom britischen Roslin-Institut in der Nähe von Edinburgh hat mit seinem Team Wissenschaftsgeschichte geschrieben, als sie unter anderem das Klonschaf »Dolly« erzeugten (siehe Spektrum der Wissenschaft 4/1999, S. 34). Beide Forscher halten die Idee, Menschen reproduktiv zu klonen, also eine genetische Kopie eines Menschen zu erschaffen, für moralisch verwerflich und wissenschaftlich unhaltbar. Denn ihre Erfahrung lehrt, dass es keine »normalen« Klone gibt. Alle bisher geklonten Tiere, einschließlich »Dolly«, zeigten mehr oder weniger starke Schädigungen. Schon allein aus diesem Grund verbiete sich eine Anwendung am Menschen.

Wie sieht es jedoch mit dem so genannten therapeutischen Klonen aus, das in der öffentlichen Diskussion ebenfalls ins Zwielicht gerät? Hierbei soll in eine entkernte Eizelle der Zellkern einer Körperzelle transferiert werden, um so genetisch identische embryonale Stammzellen gewinnen zu können. Und diese Zellen gelten in der Medizin als wahre Wunderwaffe – könnten sie doch eines Tages Körpergewebe wieder ersetzen, das durch schwere Krankheiten zerstört worden ist.

Jaenisch zweifelt nicht daran, dass dieser Weg möglich und medizinisch sinnvoll ist – und stößt damit auf erhebliche ethische Bedenken in der Gesellschaft. Während sich das britische Unterhaus nach einer hitzigen Debatte dazu durchgerungen hatte, therapeutisches Klonen unter Auflagen zuzulassen, verbietet in Deutschland das Embryonenschutzgesetz, wie in vielen anderen Ländern auch, derartige Versuche an menschlichen Zellen.

Jaenisch wird jedoch nicht müde, sowohl in den USA als auch in seiner alten Heimat Deutschland für das therapeutische Klonen zu werben – und vor dem reproduktiven Klonen zu warnen. Dies war mit ein Grund für die Robert-Koch-Stiftung, Rudolf Jaenisch mit dem Robert-Koch-Preis des Jahres 2002 auszuzeichnen. Im folgenden Interview antwortet er auf die Fragen von Spektrum der Wissenschaft.

Spektrum der Wissenschaft: Herr Professor Jaenisch, zusammen mit Ian Wilmut haben Sie in »Science« vor den Gefahren des reproduktiven Klonens von Menschen gewarnt. Andererseits setzen Sie sich für das therapeutische Klonen ein. Sehen Sie hier nicht ein ethisches Dilemma?

Professor Rudolf Jaenisch: Es gibt viele ethische Dilemmata, mit denen wir leben müssen. Den Versuch, Menschen zu klonen, um neue Menschen zu produzieren, halte ich allerdings für unverantwortlich und wissenschaftlich unhaltbar. Völlig abgesehen von den schwer wiegenden ethischen Aspekten: Allein die wissenschaftlichen Probleme sind so groß, dass ein seriöser Wissenschaftler reproduktives Klonen von Menschen überhaupt nicht in Erwägung zieht. Denn wir wissen, dass die meisten, wenn nicht gar alle geklonten Tiere schwere Defekte zeigen. Diese Probleme stellen meiner Ansicht nach eine hohe, vielleicht sogar unüberwindliche biologische Barriere für das Klonen dar.

Spektrum: Und beim therapeutischen Klonen gilt das nicht?

Jaenisch: Hier gibt es zumindest aus wissenschaftlicher Sicht keine prinzipiellen Bedenken, sondern nur rein technische Probleme, die gelöst werden könnten. Natürlich ergeben sich bei der Anwendung des therapeutischen Klonens auf den Menschen ethische und moralische Probleme, die in der Gesellschaft diskutiert und entschieden werden müssen. In Großbritannien beispielsweise wurde eine solche Diskussion geführt. Deren Ergebnis, therapeutisches Klonen unter Auflagen zuzulassen, halte ich für biologisch sinnvoll und praktisch durchführbar.

Spektrum: Das therapeutische Klonen birgt sicherlich ein hohes medizinisches Potenzial. Doch ergäbe sich hier nicht die Gefahr eines Dammbruches, der eines Tages auch das reproduktive Klonen gesellschaftlich akzeptabel machen könnte?

Jaenisch: Ich stehe diesem Dammbruch-Argument sehr skeptisch gegenüber. Jede Erkenntnis kann gebraucht und missbraucht werden. Ich denke, es ist der falsche Weg, nach einer Erkenntnis nicht zu suchen, nur weil sie möglicherweise missbraucht werden könnte. Das therapeutische Klonen führt ja nicht unweigerlich zum reproduktiven Klonen. Zwar sind die ersten Stadien der beiden Verfahren identisch: Der Kern einer somatischen Zelle – also einer gewöhnlichen Körperzelle – wird in eine entkernte Eizelle transferiert, aus der sich dann ein Embryo entwickelt. Doch dann beginnt der Unterschied: Beim therapeutischen Klonen wird der Embryo in einem frühen Stadium – wenn er aus etwa hundert Zellen besteht – in eine Petrischale gegeben, und es entwickeln sich embryonale Stammzellen, die dann als Quelle für jeden somatischen Zelltyp dienen können. Beim reproduktiven Klonen hingegen wird der Embryo in den Uterus einer Frau implantiert, um zu einem Fötus heranzuwachsen. Da gibt es keine Grauzone. Entweder Sie implantieren oder Sie implantieren nicht. Wenn Sie implantieren, gehen Sie nach britischem Recht ins Gefängnis, wenn Sie den Klon in der Petrischale belassen, geschieht Ihnen in Großbritannien nichts.

Spektrum: Nun hat der italienische Arzt Severino Antinori angekündigt, die Geburt des ersten von ihm geklonten Menschen stehe bevor. Für wie gefährlich halten Sie ein derartiges Experiment?

Jaenisch: In den meisten Ländern der Erde ist reproduktives Klonen verboten. Insofern weiß ich nicht, wo Antinori sein unverantwortliches Experiment gemacht haben will. Sicherlich nicht in einem EU-Staat und sicherlich nicht in den USA. Aus Tierversuchen geht jedenfalls eindeutig hervor, wie das Resultat beim Menschen aussehen würde: Zunächst würden zahlreiche Embryos »verbraucht«, bis es überhaupt zu einer erfolgreichen Schwangerschaft käme. Und selbst diejenigen Babys, die es bis zur Geburt schafften, wären schwer krank.

Spektrum: Das therapeutische Klonen ist in Deutschland aufgrund des Embryonenschutzgesetzes verboten. Sehen Sie hier eine Behinderung für die Forschung in Deutschland?

Jaenisch: Ja, dadurch wird ein wichtiger Forschungszweig enorm behindert. Denn diese Forschung hat nicht nur ein großes Potenzial für die Therapie, sondern auch eine enorme wissenschaftliche Bedeutung für die Grundlagenforschung. Ein Beispiel: Schwere Krankheiten des Menschen, die von vielen Genen erzeugt werden – wie zum Beispiel Parkinson, Alzheimer oder Diabetes – können nicht am Tiermodell studiert werden, da es hierfür schlicht keine Tiermodelle gibt. Und beim Menschen, an dem sich Versuche verbieten, können wir diese Krankheiten nur beobachten. Wenn es jedoch gelänge, von einem Patienten eine Hautzelle zu entnehmen und daraus embryonale Stammzellen durch Klonen herzustellen, dann könnten wir an den Zellkulturen zum Beispiel nach Unterschieden suchen, wie sich Nervenzellen von dem Patienten und von einem normalen Individuum differenzieren. Auf diese Weise könnte man an die Ursachen und die pathologischen Mechanismen dieser Krankheit herankommen. Hier liegt eine ganz erhebliche Bedeutung dieser Technologie, die natürlich – wenn man sie verbietet – nicht realisiert werden kann.

Spektrum: Anfang 2002 hat der Bundestag beschlossen, die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen unter Auflagen zuzulassen. Umstritten ist hierbei unter anderem die Stichtagsregelung, die besagt, dass nur Stammzellen verwendet werden dürfen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen worden sind. Wie lange wird Ihrer Meinung nach diese Regelung Bestand haben?

Jaenisch: Ich weiß es nicht. Ich halte jedoch diese Stichtagsregelung für falsch – genauso falsch wie die Regelung in den USA, wo der 9. August 2001 als Stichtag gewählt wurde. Wir wissen doch, dass Stammzellen verschieden sind. Ihr Potenzial hängt davon ab, unter welchen Bedingungen sie isoliert und kultiviert worden sind. Das heißt, wenn man mit höchstens einem halben Dutzend Stammzellen arbeiten kann, wie das jetzt in den USA möglich ist, dann kommt man möglicherweise zu falschen Schlüssen. Ich finde das sehr problematisch – insbesondere, weil es inzwischen neue Methoden gibt, Stammzellen zu isolieren. Natürlich ist es besser, überhaupt eine Regelung zu haben, als alles zu verbieten. Aber ich halte diese Stichtagsregelung für einen faulen Kompromiss.

Spektrum: Wenn die Forschung in Deutschland Ihrer Meinung nach so stark behindert ist, könnten Sie einem Postdoktoranden aus Deutschland, der in Ihrem Labor in den USA arbeitet, dennoch raten, nach Deutschland zurückzukehren?

Jaenisch: Das hängt natürlich zunächst davon ab, welche familiären Bindungen er in Deutschland hat. Aber in der Forschung können viele Dinge, die in den USA selbstverständlich sind, in Deutschland nur schwer gemacht werden. Denken Sie zum Beispiel an die schwierige Genehmigung von Tierversuchen. Auch mit Stammzellen können Sie in Amerika – obwohl es da natürlich auch Beschränkungen gibt – leichter arbeiten als in Deutschland. Ich kenne viele Kollegen, die aus diesem Grund zögern, in ihrer Heimat weiterzuarbeiten.

Spektrum: Abgesehen von einem kurzen Forschungsaufenthalt in Hamburg haben Sie den größten Teil Ihrer wissenschaftlichen Karriere in den USA verbracht. Was muss Deutschland tun, um Forscher wie Sie wieder zurückzugewinnen?

Jaenisch: Eine sehr schwierige Frage. Deutsche Universitäten haben schon ihre Probleme. Die Versuche des Bundesforschungsministeriums, Lösungen zu finden, halte ich für sehr zaghaft und bezweifle, dass sie großen Erfolg haben werden. Da ist zunächst die unterschiedliche Art der Forschungsfinanzierung. In den USA ist die Finanzierung ehrlich: Die National Institutes of Health zahlen, was die Forschung wirklich kostet – einschließlich der Verwaltungskosten, die ich mit meinem Antrag mit einwerben muss. Das heißt, die Verwaltung weiß genau, dass ihr Endgehalt davon abhängt, ob meine Anträge erfolgreich sind. In Deutschland ist das anders. Hier ärgert sich die Verwaltung höchstens, wenn ein Wissenschaftler einen DFG-Antrag bewilligt bekommt. Denn das bedeutet ja mehr Arbeit. Das ist eine unehrliche Art der Finanzierung, weil dabei nicht klar wird, was die Forschung wirklich kostet.

Spektrum: Und die Struktur-Probleme?

Jaenisch: Ein Postdoc, der von meinem Labor kommt und in den USA eine Assistenzprofessur annimmt, hat eine klare Karriere vor sich. Er weiß, dass sich nach sechs Jahren entscheidet, ob er eine Dauerstellung bekommt oder nicht. In Deutschland werden die jungen Forscher von Zeitvertrag zu Zeitvertrag weitergereicht – und haben schließlich doch keine Perspektive. Das schreckt viele ab. Außerdem werden in deutschen Universitäten die Wissenschaftler für Dinge eingespannt, die der Forschung im Wege stehen. Sie müssen sich um die Verwaltung kümmern, sitzen in Komitees und werden durch die Lehre sehr stark beansprucht. Auch wir in Cambridge müssen in jedem Semester lehren, und das ist sehr wichtig. Aber die Wissenschaft ist das Wichtigste.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003, Seite 94
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003

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