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Kommentar: Der zweite Sündenfall

Die von wissenschaftlichen Fachjournalen beschlossene Selbstzensur schadet der Wissenschaft mehr als den Bioterroristen.


Chefredakteure und Herausgeber renommierter wissenschaftlicher Fachjournale haben sich einen Bio-Kodex zugelegt: Falls »der mögliche Schaden der Veröffentlichung ... den Nutzen für die Gesellschaft [übersteigt]«, wenn also Terroristen die enthaltene Information zum Bau von Biowaffen missbrauchen könnten, sollen biowissenschaftliche Manuskripte künftig verändert oder gar nicht erst veröffentlicht werden. Das »Statement on the consideration of biodefence and biosecurity«, zu dessen 32 Autoren auch die Chefredakteure von »Science«, »Nature« und den »Proceedings of the National Academy of Sciences« zählen, wurde im Februar auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science verlesen.

Die Entscheidung zur Selbstzensur fiel nicht ganz freiwillig. Im Kampf gegen den Bioterrorismus sichern die USA schon seit längerem ihre ungeschützten Flanken. Seit Juni 2002 stellt ein US-Gesetz biologische Forschungslabors und Zehntausende von Wissenschaftlern unter rigorose Kontrolle. Jetzt erreicht der politische Druck auch die wissenschaftlichen Zeitschriften. Und reicht gar bis London: Im getreuen Großbritannien wollte – oder durfte – ihm nicht einmal »Nature« standhalten.

Dank der neuen Selbstverpflichtung müssten wir uns nun eigentlich sicherer fühlen. Doch sind es tatsächlich die allerneuesten Erkenntnisse der Biowissenschaften, deren missbräuchliche Anwendung uns Sorgen macht? Sind nicht längst genügend Materialien und Informationen im Umlauf, mit denen sich Angst und Schrecken verbreiten lässt? Und dringt wissenschaftliche Erkenntnis nicht auch durch viele andere Kanäle? Ohnehin erscheint der biologische Ernstfall vor allem als ein von US-Politikern lanciertes Szenario, das fast all unseren Erfahrungen mit terroristischen Anschlägen widerspricht. Die reale Gefahr kommt auf konventionellem Wege daher.

Ohnehin wäre ein funktionierender gutachterlicher (Zensur-)Prozess nicht von heute auf morgen zu haben. Und gesetzt den Fall, dass aus Unachtsamkeit das Kochrezept für die nächste biologische Attacke durch die gutachterlichen Finger schlüpft: Würden wir uns dann nicht fragen, warum wir gerade die Chefredakteure als letzte Instanz für die fallweise Verhinderung von Wissenschaft eingesetzt haben? Denn gerade sie stehen, so betonen die Initiatoren selbst, in der Pflicht, die freie Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse auch künftig zu gewährleisten. Diese Pflicht müssten sie, zumindest im Prinzip, selbst in kritischen Einzelfällen erfüllen. Nur wer über potenzielle Gefahrenquellen informiert ist, kann ihnen wirksam begegnen.

Ohnehin sind die Wissenschaftszeitschriften nicht die offene Flanke, durch die der (Terror-)Krieg über uns hereinbrechen wird. In den Bergen Afghanistans und anderen Terroristenverstecken werden weder das »Journal of Virology« noch Fachblätter für Bakteriologie gelesen. Wozu auch? Von 14000 Manuskripten, die in den Jahren 2001 und 2002 bei den Publikationen der American Society for Microbiology eingingen, haben gerade einmal zwei »erhöhte Besorgnis« ausgelöst.

Der Druck auf die US-Biowissenschaftler hat sich in den vergangenen 18 Monaten sicherlich stark erhöht. Doch mit ihrer Bereitschaft zur Selbstzensur, die im Vergleich mit den staatlichen Maßnahmen ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, erweisen die wissenschaftlichen Fachjournale der Wissenschaft keinen Gefallen. Ohne wirkliche Not und ohne überzeugendes Konzept haben sie erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder einen beunruhigenden Präzedenzfall geschaffen – wider die Freiheit der Wissenschaft und die der Presse.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003, Seite 97
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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