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Kommentar: Fathers & Sons Inc.

Die Musikindustrie versteht die Welt nicht mehr


"Rock around the clock" hämmerte Bill Haley einer jungen Generation ein, die in schwierigen Zeiten heranwuchs. Und die Eltern waren entsetzt ob der emotional geladenen Musik. Als Elvis Presley und hier zu Lande Peter Krauss mit ihren Hüftschwüngen Teenager zum Kreischen brachten, galt der Rock ’n’ Roll gar als gefährlich für Moral und Anstand. Gerade das gab erst den rechten Schwung: "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben", spotteten nicht nur die Linken der Siebziger. Pop und Rock verhalfen Jugendlichen zu einer eigenen Identität, die sich von der Kultur der Erwachsenen abgrenzte.

Doch bald fraß die Revolution ihre Kinder: Die elektrifizierte U-Musik leistete einer gigantischen Industrie Geburtshilfe, denn sie benötigte deren Produktionsmittel. Auf maximalen Profit gerichtet, bietet die Branche heute vor allem zielgruppenorientierte Massenware zu Höchstpreisen. Warum kostet eine CD nicht wenige Euro, wenn doch Material und Herstellung nur Cent-Beträge verschlingen?

Doch die Boomzeiten sind vorbei, denn eine neue Generation hat die Bühne betreten. Brav befolgt sie die Empfehlung von Viva und MTV: Kauft die richtigen Klamotten, tragt die angesagte Haarfarbe, hört die korrekte Musik und bejubelt die neuen Bandprojekte. Zwar stürzt sie sich mit Freude in den Konsumrausch – nur berappen wollen viele dafür nichts.

Die neue Generation surft im Internet, chattet und tauscht. Noch immer ist Musik Ausdruck ihres Lebensgefühls, aber das World Wide Web gehört mit dazu. Im global village gibt es irgendwo immer einen Kumpel, der die neue Scheibe von Wem-auch-immer ins Netz stellt. Das MP3-Format macht es möglich und die schnelleren Verbindungen durch ISDN oder DSL machen es leichter.

Während Internet-Provider, PC-Industrie und Fachzeitschriften davon profitieren, sieht die Musikbranche ihre Felle davonschwimmen. Die amerikanische Schallplattenindustrie veröffentlichte jüngst eine von ihr beauftragte Studie unter Nutzern von Tauschbörsen (http://www.pcwelt.de/news/internet/25737/). Demnach hat unter dem Strich ein Fünftel dieser Klientel weniger CDs gekauft als früher. Bei rund zwei Millionen Tauschwilligen an einem normalen Tag allein im Netz der Börse KaZaa kommt da schon einiges zusammen. Es ist ein Skandal!!

Aber ist es das wirklich? Oder steht die Musikindustrie dem Phänomen der Tauschbörsen nicht ebenso unverständig gegenüber wie vor wenigen Jahrzehnten die ältere Generation kreischenden Gitarren und langen Haare? Die Aktionen der Branche zeigen jedenfalls kein Interesse an Konfliktlösung. Wo immer sich rechtliche Möglichkeiten bieten, wurden und werden sie genutzt: Napster musste schließen, Audiogalaxy ist tot, selbst einzelne Nutzer sollen demnächst vor Gericht stehen. Mehr noch: In die Tauschbörsen werden Gerüchten zufolge gezielt fehlerhafte Dateien und Viren eingeschmuggelt, um Nutzer abzuschrecken. Das Rezept ist altbekannt: Gegen die aufmüpfige Jugend helfen nur drakonische Strafen.

Nicht zaghaft, sondern schlicht verfehlt sind zudem die Versuche einzelner Firmen, sich ihrerseits an die Spitze der "Jugendbewegung" zu stellen und das Tauschen von MP3-Files zu kommerzialisieren: Wer zwei Euro für ein Musikstück verlangt, muss sich nicht wundern, wenn seine Website kaum frequentiert wird. Die Branche hält sich mehr als bedeckt, verstrickt in einem mühsam aufgebauten Distributionsnetz, an dem viele partizipieren. Dass sich Jugendliche den Ast absägen, auf dem sie ihre Freizeit verbringen, dass ihre Musik ohne Industrie nicht denkbar ist, wird kaum vermittelt – das würde wohl zu viel Transparenz auf Seiten der Konzerne erfordern.

Musikdownload für wenige Cent, eine Kopierpfennigen vergleichbare Transfergebühr für MP3-Dateien, die von den Providern erhoben wird – das wären Lösungen, über die die Musikindustrie nachdenken sollte. Momentan fördert sie die Eskalation: Auf die vermuteten Virenangriffe und Drohungen reagierten Hacker bereits auf ihre Weise: Sie manipulierten die Webseiten des amerikanischen Verbandes der Musikindustrie und boten dort kostenfreien Download an. Offensichtlich haben diese Jugendlichen Fantasie.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2002, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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