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Kommentar: Fehlzündung im US-Senat


Der 13. Oktober 1999 war ein schwarzer Tag für die Rüstungskontrolle. An jenem Mittwoch lehnte der US-Senat die Ratifizierung des Teststopp-Vertrags ab, der alle Unterzeichnerstaaten verpflichtet, „keine Versuchsexplosionen von Kernwaffen und keine andere nukleare Explosion durchzuführen“. Präsident Bill Clinton hatte zwar das Vertragswerk dem Senat vorgelegt, es aber unterlassen, die Parlamentarier von der Bedeutung des Abkommens zu überzeugen.

Dieses Versäumnis rächt sich nun. Clintons Gegenspieler warteten offenbar darauf, ihm eine Niederlage beibringen zu können. Letzten September setzte der Fraktionsführer der Republikaner das Thema endlich auf die Tagesordnung – wohl wissend, daß die erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zustande kommen würde. Nur 48 Senatoren stimmten für die Ratifizierung, 51 dagegen.

Clinton hatte noch versucht, das Debakel zu verhindern. Ihm zu Hilfe kamen 32 Nobelpreisträger, die eine Ratifizierung für „zwingend erforderlich“ hielten, um „die Verbreitung von Kernwaffen zu stoppen“, und die erklärten, daß „weitere Kernwaffentests nicht erforderlich sind, um das Vertrauen in die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit [der US-Kernwaffen] zu wahren“.



Diese Stellungnahme trifft den eigentlichen Kern der Debatte: Ein Teststopp ist zwar keine Abrüstungsmaßnahme, aber er hilft, das qualitative Wettrüsten einzudämmen. Fast alle Nuklearversuche hatten die Weiter- oder Neuentwicklung von Kernwaffen zum Ziel. Nach militärischen Vorgaben wurden die Gefechtsköpfe sozusagen maßgeschneidert und in realen Explosionen auf ihre Effizienz überprüft. Ohne Atomtests wären zwar noch immer Modifikationen möglich, doch eine Zertifizierung auf bisherige Weise wäre ausgeschlossen. Ebenso könnten Nicht-Kernwaffenstaaten Kernsprengsätze zwar bauen, nicht aber deren genaue Sprengwirkung im Experiment feststellen.

Unter einem Teststopp müssen die Militärs mit dem auskommen, was sie bereits haben. Doch mit dem Argument, man brauche nukleare Explosionen (reale oder virtuelle), um die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Arsenals zu gewährleisten, ist die Diskussion wieder auf den Stand der achtziger Jahre zurückgefallen.



Eine genaue Analyse zeigt indes, daß alle alterungsbedingten oder sicherheitsrelevanten Mängel an Kernwaffen ohne Nukleartests behoben werden konnten. Und die meisten Mängel waren nur deshalb aufgetreten, weil man Gefechtsköpfe modifiziert hatte, ohne sie erproben zu können – beispielsweise diejenigen der Polaris- und der Minuteman-II-Raketen, die während des Testmoratoriums in den Jahren 1958–1961 entwickelt wurden. Ein neuerer Fall betrifft den Gefechtskopf der luftgestützten Marschflugkörper, die Anfang der achtziger Jahre auch in Europa stationiert wurden: Der im Primärteil verwendete chemische Sprengstoff versagte bei den niedrigen Temperaturen, denen die Marschflugkörper beim Transport auf Langstreckenbombern ausgesetzt sind, so daß es zu einer Fehlzündung hätte kommen können.

Doch bereits 1985 hatten acht führende Kernwaffenexperten bestätigt: „In keinem Fall hing die Entdeckung eines Zuverlässigkeitsproblems von einem Nukleartest ab, und in keinem Fall wäre die Durchführung eines Nukleartests notwendig gewesen, um das Problem zu beheben.“

Die Politiker der USA haben sich nun über die Vernunft hinweggesetzt. Damit wird das Verbot von Nuklearversuchen erneut zum Spielball innenpolitischen Gerangels. Mit ihrem vordergründigen Bemühen, die nationale Sicherheit zu wahren, haben die Republikaner sich selbst, den USA und der gesamten Welt einen Bärendienst erwiesen, denn der außen- und sicherheitspolitische Schaden dürfte so schnell nicht zu reparieren sein.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000, Seite 63
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000

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