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Kompetente Forschungszentren statt disziplinäre Blöcke

Wie innovationsfähig ist Deutschland, und auf welche Stärken kann es sich im globalen Wettbewerb besinnen? Mit der These, ein kluges Geflecht vieler Einzelkompetenzen von Wirtschaft und Wissenschaft biete vielfältige Chancen, möchte der Technologierat bei der Bundesregierung die beiden Sektoren mobilisieren, um die Wettbewerbsvorteile besser zu nutzen.

Die ersten Empfehlungen des Rates für Forschung, Technologie und Innovation hatten den beiden vordringlichsten Bereichen der modernen Forschung und ihrer Nutzung gegolten: der Informationstechnik und der Biotechnologie. Darauf aufbauend entwickelte die Bundesregierung spezielle Förderprogramme (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1996, Seite 112, sowie April 1998, Seite 113). In seinem nun veröffentlichten dritten Gutachten "Kompetenz im globalen Wettbewerb" überwindet der Technologierat fachliche Grenzen: Seine Analysen und Empfehlungen ordnen alle gesellschaftlichen Bereiche dem Ziel unter, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt "als eine zentrale Voraussetzung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes" zu erkennen und zu bejahen.
Dazu müßten drei Bereiche – im Gutachten "Dimensionen" genannt – konstruktiv zusammenarbeiten: die Bildungs- und Gesellschaftspolitik, die Wirtschaft sowie die Wissenschaft und Technologie. Der Rat versucht – auch wenn er die gegenwärtige technologische und bildungspolitische Position Deutschlands recht positiv bewertet – wesentliche Richtungen einer grundlegenden Reform vorzugeben und wichtige Weichen dafür zu stellen.
Er führt dazu die "Kompetenz" als Schlüsselbegriff ein und definiert sie als "Wissen mal Erfahrung mal Urteilskraft". Dieses Modewort gewinnt allerdings erst dann seinen Sinn, wenn die – in der Regel in unterschiedlichem Maße ausgeprägten – Stärken in gänzlich verschiedenen fachlichen Feldern verknüpft werden. Sogenannte Kompetenzzentren oder -cluster versteht der Rat als Netzwerke von Unternehmen, Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die sich auf bestimmte Technologiebereiche oder Problemfelder konzentrieren, in denen technologische Spitzenleistungen oder ökonomische Marktführerschaft bestehen oder demnächst zu erwarten sind. Forschung, Entwicklung, Umsetzung in Produkte und Marketing sollen also in einem Verbund stattfinden.
Im Hinblick auf den globalen Wettbewerb lokalisiert Bernd Pischetsrieder, BMW-Vorstandsvorsitzender und Mitglied des Rates, die Vorzüge des Standortes Deutschland im Fachwissen der verschiedensten technologischen und Managementdisziplinen sowie im Wissen über die Gestaltung von Systemen. Die einzelnen Kompetenzelemente seien zu einer Systemkompetenz zu verknüpfen. Die Cluster könnten, folgt man den Vorstellungen des Technologierates, auch generell Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wie ein Skelett stützen und strukturieren: Es sei "eine umfassende Modernisierungsoffensive erforderlich, die sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche erstreckt".
Im Wirtschaftsbereich sieht der Rat als zentrale Aufgabe einer zukunftsorientierten Standortpolitik "die Herstellung der notwendigen innovationsfördernden Rahmenbedingungen für Kompetenzcluster". Seine insgesamt zwölf Empfehlungen zu dieser Dimension geben freilich nur vertraute Muster der aktuellen Wirtschaftspolitik wieder: Überprüfen der Subventionen, Ersetzen möglichst vieler Staatsaufgaben durch privatrechtliche Regelungen, Einführen der Steuerreform, stärkere Orientierung auf Dienstleistungen sowie die Förderung innovativer Technologien aus den Bereichen Information und Kommunikation, Energie und Umwelt, Verkehr, Werkstoff- und Verfahrenstechnik, Biotechnologie und Medizintechnik.
Die jeweiligen Schlüsselkompetenzen der Unternehmen sollen durch kontinuierliche Weiterbildung und gezielte Qualifizierung der Mitarbeiter unterstützt werden. Besonderes Augenmerk gilt hierbei den kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht nur über Kooperationen mit Großfirmen, sondern auch in Innovationsverbünden auf ihrer eigenen Ebene in Kompetenzcluster eingebunden werden sollen, die ihnen den Zugang zum Weltmarkt erleichtern.

Lebenslanges Lernen praktizieren

An die erste Stelle seiner stark wirtschaftlich orientierten Empfehlungen rückt der Technologierat die Bildungs- und Gesellschaftspolitik. Die acht für diesen Bereich formulierten Empfehlungen basieren auf der Annahme eines "gemeinwohlorientierten Leistungsprinzips" und fordern relativ apodiktisch eine Bejahung des technischen Fortschritts. Der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß, der ebenso wie Pischetsrieder maßgeblich an den Formulierungen dieses Papiers beteiligt war, meint differenzierend, dies bedeute, daß man den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt "wollen soll".
Institutionell sollen den Empfehlungen zufolge im Bildungsbereich Freiräume für die individuelle Gestaltung und für die Dauer der Ausbildung geschaffen sowie das Leistungsvermögen des deutschen Bildungssystems im internationalen und im nationalen Vergleich deutlich gemacht werden; hier bestehe noch ein "großer Handlungsbedarf". Die Vorschläge hierzu unterscheiden sich freilich bei näherem Hinsehen nicht wesentlich von vielen seit Jahren diskutierten Reformansätzen im Schul- und Hochschulwesen.
Zu den Schlüsselkompetenzen der heutigen Gesellschaft zählt der Technologierat auch Sprach- und Medienkompetenz, also vor allem bessere Fremdsprachenkenntnisse bei den Absolventen des Bildungssystems sowie die Etablierung neuer Berufsfelder in innovativen Wachstumsbereichen.
Wichtig sei vor allem, die Erstausbildung konzentrierter zu gestalten. Das deutsche Schulsystem vermittle zwar traditionell eine breite Wissensbasis, die ein Wettbewerbsvorteil für den Standort Deutschland sei. Doch bestünden Zweifel, ob dies auch weiterhin so sein wird. Wörtlich heißt es hierzu: Die breite Wissensbasis "zu erhalten und darüber hinaus in einer neuen Kultur des Lernens zu verankern wird nur gelingen, wenn die gegebenen curricularen und methodischen Ziele auch wirklich erreicht werden und zugleich die Befähigung zu lebensbegleitendem Lernen vermittelt wird. Lebensbegleitendes Lernen darf dabei nicht nur der nächsten Generation abverlangt, sondern muß auch von der heute in Verantwortung stehenden Generation praktiziert werden".
Pischetsrieder zufolge müsse auch hier die Eigenverantwortung im Vordergrund stehen. Zu oft würden sinnlos Umschulungen bezahlt, deren Ergebnis dann doch nur Arbeitslosigkeit auf einem anderen Niveau sei. Der klassische Arbeitsplatz, an dem jemand seinen Berufsweg beginnt und beendet, gehöre fast der Vergangenheit an. Immer breitere Schichten der Bevölkerung müßten sich daran gewöhnen, daß die Phase der Schule, des Lernens, des Studiums oder der Lehre nicht zu einem Abschluß, sondern nur zu einem Fundament führe, auf dem aufgebaut werden kann. In einer konzertierten Aktion, die zum Beispiel auch vom Technologierat ausgehen könnte, müsse diese Aufgabe des lebenslangen Lernens bewußt gemacht werden. Dafür fordert der Rat Weiterbildungsmodule, neue Lernarrangements und -konzepte, die Bildung und Praxis eng miteinander verzahnen. Fachhochschulen und Universitäten sollten sich stärker an externen Weiterbildungsmaßnahmen beteiligen.

Transdisziplinarität ist gefordert

Dem Ärgernis, daß nicht nur der Staat, sondern auch die Industrie immer weniger in Forschung investiert, sucht der Technologierat mit der Aufforderung nach einer Erhöhung der industriellen Forschungsmittel zu begegnen. Vor allem den kleinen und mittleren Unternehmen solle der Zugang zur Forschung an Universitäten und außeruniversitären Instituten erleichtert werden. Doch um diese steht es nicht gut, denn sie ist noch zu sehr im alten Denkschema verwurzelt, das sich auf spezielle Fächer und Disziplinen konzentriert. Daß sich hier etwas ändern muß, bestätigt auch der Technologierat: "Das Neue entsteht häufig nicht in den Kernbereichen der Fächer und Disziplinen, sondern in ihren Randbereichen beziehungsweise zwischen den Fächern und Disziplinen."
Deutliche Hinweise auf diese Entwicklung finden sich zum Beispiel im letzten Bericht der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu den Perspektiven der Forschung und ihrer Förderung sowie in den Frontiers-of-Science-Symposien des Deutsch-Amerikanischen Akademischen Konzils (siehe Spektrum der Wissenschaft, Januar 1998, Seite 127, und Dezember 1997, Seite 130). Das Technologierats-Mitglied Mittelstraß hatte dafür bereits im Mai 1987 auf einem wissenschaftspolitischen Symposium der Universität Konstanz gewissermaßen als Versuchsballon den Namen Transdisziplinarität geprägt. Die so häufig geforderte Interdisziplinarität sei ihm zufolge eine Ideologie unzulässiger und gefährlicher Vermischung; in der Forschung trete vielmehr die Problemorientierung an die Stelle der bisherigen Fächer- und Disziplinenorientierungen.
Dieser damals auch von anderen Wissenschaftspolitikern rhetorisch beschworene wichtige Paradigmenwechsel ist jetzt offizielle Realität geworden. Der Technologierat schreibt in Empfehlung 25: "Die Bindung der Forschung an Fächer- und Disziplinengrenzen sollte nicht länger ein wissenschaftsorganisatorisches Kriterium sein. An die Stelle der Bildung von neuen institutionellen Einheiten sollte eine transdisziplinäre Ordnung treten, die es erlaubt und befördert, Probleme fächer- und disziplinenunabhängig zu definieren und fächer- und disziplinenübergreifend zu lösen."
Das bedeutet: Neu auftauchende Fragen der Wissenschaft – also der Motor des Erkenntnisfortschritts – sollten nicht in immer neue Fächer und Einheiten zwischen den etablierten Disziplinen abgeschoben werden. Dieser "normale Prozeß der arbeitsteiligen Zergliederung des sozialen Systems Wissenschaft" fördere die Spezialisierung und behindere "das notwendige Zusammenwirken über Fächer- und Disziplinengrenzen hinweg".
Von einer auf die jeweiligen Fragestellungen bezogenen Kooperation unterschiedlicher fachlich-methodischer Ansätze erwartet der Technologierat Synergien zur Bildung neuer Kompetenzfelder in Forschung und Entwicklung. Die zu erforschenden Probleme könnten auch nicht nur aus einzelnen wissenschaftlichen Bereichen kommen, "sondern aus der gesellschaftlichen, ökonomischen, ökologischen und technologischen Praxis. Im Bereich der molekularen Medizin und Gentechnik zum Beispiel kann dies bedeuten, daß Genetiker, Ärzte, Philosophen, Juristen und andere Experten zusammenarbeiten müssen, um wissenschaftlich-technische Entwicklungen nicht nur zu ermöglichen, sondern auch rechtzeitig (vorausschauend) in ihren Konsequenzen zu bedenken".
Dieses Prinzip betont zunächst allerdings nicht mehr als die in den letzten Jahren entwickelte wissenschaftliche Technikfolgenabschätzung. Für den Technologierat ist es freilich auch die Basis für ein neues Schema zur Institutionalisierung einer Forschung, in der die traditionelle Unterscheidung in Grundlagen und Anwendung keine Rolle mehr spielt. Man bewege "sich heute in der Regel in einem Forschungsdreieck, das aus den ‚Ecken' reine Grundlagenforschung (Beispiel Kosmologie), anwendungsorientierte Grundlagenforschung (Beispiel Energieforschung) und produktorientierte Anwendungsforschung (Beispiel Pharmazieforschung) gebildet wird".
Mittelstraß erläutert diese Überlegungen in einem Interview mit der vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) herausgegebenen Zeitschrift "Prospect". Nicht nur institutionelle Barrieren, sondern auch solche in den Köpfen der Wissenschaftler müßten eingerissen werden. Denn: "Was einmal die besondere Stärke des deutschen Wissenschafts- und Entwicklungssystems ausmachte, gewissermaßen für jede Aufgabe die richtige Institution zu haben, funktioniert heute nicht mehr, weil sich die Aufgaben nicht mehr nach den Institutionen definieren, das heißt wir müßten eigentlich die Grenzen zwischen den Institutionen durchlässig machen, genau das Gegenteil von dem, was wir im Moment tun."
An dem Beispiel der Centers of Excellence macht der Technologierat diese Entwicklung deutlich. Sowohl sie selbst als auch ihre Vernetzungen entstehen bisher im wesentlichen in den Teilsystemen des Wissenschaftssystems aus Universitäten (etwa die Sonderforschungsbereiche, die Graduiertenkollegs und die neuen Innovationskollegs), Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft sowie Fraunhofer-Gesellschaft. Die Forschung dürfe nicht den Institutionen folgen. In Anbetracht der föderalen Organisation Deutschlands müßte es ein leichtes sein, solche Zentren in Netzwerkform zu organisieren, die den Problemen folgt und nicht umgekehrt.
Ansätze zu solchen Kompetenzclustern gibt es bereits: zwischen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Einrichtungen sowie zwischen Wissenschaft und Wirtschaft die Transferbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die bayerischen Forschungsverbünde, das sogenannte BioRegio-Programm und die Leitprojekte des BMBF (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seite 116, April 1998, Seite 113, sowie Januar 1997, Seite 113); und im innerwissenschaftlichen Sektor etwa die Beteiligung außeruniversitärer Institute an Sonderforschungsbereichen.
Der Technologierat plädiert deshalb für die Auflösung oder zumindest Flexibilisierung überkommener Institutsstrukturen und die Bildung von zeitlich begrenzten Kompetenzclustern. Für diese müßten Haushaltsmittel bereitgestellt werden, um in ihrem Rahmen Sonderentwicklungsbereiche – nach dem Vorbild der Sonderforschungs- und der Transferbereiche – aufbauen zu können. Die Wissenschaft solle zukunftsträchtige Probleme selbst aufgreifen und lösen. Freilich gesteht der Rat auch zu, daß kreative Forscher, die nicht in Projekte und Programme eingebunden sind, ebenfalls die für ihre Arbeit erforderlichen Mittel erhalten sollen.
Im letzten Abschnitt seines Gutachtens verlangt der Technologierat, die Kulturwissenschaften zur global scientific community hin zu öffnen, wo sie Forschungsallianzen suchen sollten. Nach Mittelstraß sei es ein Mißverständnis, die Geisteswissenschaften aus Modernisierungsprozessen völlig heraushalten zu wollen. Auch sie hätten ihren Teil dazu beizutragen; und es wäre gut, wenn sie sich mit tatsächlichen Problemen der Gesellschaft befassen und nicht wieder mit solchen, die sie ihren traditionellen Gegenständen – etwa der Literatur – entnehmen. Der Rat empfiehlt dafür keine speziellen Kompetenzzentren. Vielmehr müsse man im Einzelfall entscheiden, ob es in einem Kompetenz-Netzwerk Aufgaben für die Sozial- und Geisteswissenschaften gebe.
Insgesamt bleiben die im Gutachten enthaltenen Details zur neuen Forschungs- und Technologiepolitik noch etwas nebulös. Mittelstraß versichert jedoch, es sei daran gedacht, im Anschluß an diese Handlungsempfehlungen mehrere Workshops zu organisieren, in denen auch konkret über bestimmte Cluster gesprochen würde. Das könne eine kleine Gruppe wie der Technologierat selbst nicht leisten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 113
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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